Piratenpartei im Landesparlament Plötzlich Politiker

Das baldige Ende der deutschen Hinterzimmerpolitik und ganz viel Transparenz haben sie angekündigt: die 15 Fraktionsmitglieder der Piratenpartei in Berlin. Beim Gruppenbild vor dem Abgeordnetenhaus fehlen zwei Piraten.  Foto: dpa 2 Bilder
Das baldige Ende der deutschen "Hinterzimmerpolitik" und ganz viel Transparenz haben sie angekündigt: die 15 Fraktionsmitglieder der Piratenpartei in Berlin. Beim Gruppenbild vor dem Abgeordnetenhaus fehlen zwei Piraten. Foto: dpa

Kann man in 100 Tagen die Welt verändern? Das haben sich nicht einmal die Berliner Piraten vorgenommen, die eine erste Bilanz ziehen.  

Korrespondenten: Katja Bauer (tja)
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Berlin - Sanft schimmern die Lichtlein der Weihnachtspyramide im Foyer des Berliner Abgeordnetenhauses. Von der Kantine her riecht es nach Rotkohl. Gleich tagt das Parlament zum letzten Mal in diesem Jahr. Es könnte ein geruhsamer Donnerstagnachmittag werden im preußischen Landtag. Aber seit die Berliner vor drei Monaten ihr Parlament gewählt haben, ist nichts mehr mit Ruhe. Seitdem wird hier Geschichte gemacht. Das liegt an Leuten wie Pavel Mayer.

Mayer, ein sehr freundlicher Mann mit grau meliertem Pferdeschwanz und Buddhastatur, ist Pirat. Am 18. September wurde er Parlamentarier. Mit 8,9 Prozent schaffte seine Partei zum ersten Mal den Sprung in ein Landesparlament. Das konnte so keiner ahnen. Nicht einmal die Piraten selbst. 15 Leute hatten sie auf ihre Liste gesetzt. Lange sah es in den Umfragen nicht so aus, als hätte auch nur einer eine Chance. Aber alle wurden gewählt. Und jetzt sind sie plötzlich Politiker. Nun sitzt Mayer etwas rotäugig vor seinem Mittagsmahl und hustet. Die Erkältung will nicht weggehen. Es war einfach ein bisschen viel in letzter Zeit. "Obwohl", sagt Mayer, "ich finde eigentlich, wir haben das bisher ganz gut hingekriegt. Richtig grobe Fehler haben wir nicht gemacht." Das wäre - angesichts der Aufgabe - nach 100 Tagen eine ganz gute Bilanz.

Schon am Tag eins nach der Wahl kann man eine Ahnung davon entwickeln, dass hier nicht eine neue Partei ein bisschen mitspielen will. Hier landen gerade ein paar parlamentarische Aliens auf dem Planeten Politik. Ihr bescheidenes Ziel: diesen Planeten zu retten, indem sie ihn verändern.

Es wird getwittert, gejabbert, gepostet

Es ist Montag nach der Wahl, Pressekonferenz. Der Saal ist voller Journalisten. Nach und nach schlurfen die Neuparlamentarier herein, ausschließlich junge Männer. Es dominieren Jeans, Pferdeschwänze, Bärte, Brillen und übernächtigte Augen. Die Fraktion ist nicht vollzählig. Der Erfolg kam zu überraschend, und die Nacht im Ritter Butzke in Kreuzberg war lang. Einer nach dem anderen packt seinen Laptop aus. Die Smartphones wirken wie an die Hände getackert. Von jetzt an wird getwittert, gejabbert, fotografiert, gepostet - nonstop, während jeder Sitzung, auch gern mal mitten im Gespräch.

"Daran wird man sich bei uns gewöhnen müssen", sagt an diesem Morgen einer der Piraten: Christopher Lauer, der sich schnell zum Abgeordneten mit maximalem Bekanntheitsgrad entwickeln wird. Er hält den Journalisten einen Laptop entgegen und feixt. "Sie sehen hier das Internet."

Was an diesem Auftritt ein bisschen demonstrativ und auch ein bisschen trotzig wirkt, erzählt eigentlich alles über den Kern der Partei. Die Berliner Piraten, das sind 14 Männer und eine junge Frau. Bis auf drei sind alle deutlich unter 40 Jahre alt, und fast jeder von ihnen macht was mit IT. Softwareentwickler, Industrieelektroniker, Mathematiker, Physiker - jung, schlau, naturwissenschaftlich gebildet: die Fraktion ist typisch für das Milieu, in dem sich die Partei 2006 gegründet hat.




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