Pisa-Debakel Warum sind die deutschen Schüler so schlecht?

Besonders beim Lesen und in Mathematik fielen die Ergebnisse der deutschen Schülerinnen und Schüler schlechter aus. Foto: imago/Bernd Leitner

In Deutschland macht man sich seit Jahren auf schlechte Neuigkeiten gefasst, wenn wieder eine Pisa-Vergleichsstudie veröffentlicht wird. Die aktuellen Daten sind aber noch verheerender als befürchtet.

Nach dem ersten Pisa-Schock vor 20 Jahren folgt nun der nächste: Die Ergebnisse der deutschen Schüler fallen verheerend aus – gerade in Mathe und im Lesen. Woran liegt das? Was fordern Lehrer und Schüler? Das Wichtigste in Fragen und Antworten.

 

Wie fallen die deutschen Pisa-Ergebnisse in diesem Jahr aus?

Sehr schwach – um genau zu sein: so schlecht wie noch nie. In allen Bereichen, also in Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften, schnitten die 15 Jahre alten Schülerinnen und Schüler nicht nur schlechter ab als bei der vorherigen Studie, sondern schlechter als je zuvor. Im Vergleich zu den Ergebnissen aus dem Jahr 2018 haben die Schüler in Mathematik und Lesen etwa so viel Kompetenzen verloren, wie sie im Schnitt in einem ganzen Schuljahr ansammeln würden. Sowohl am unteren wie am oberen Ende des Leistungsspektrums sind die deutschen Schüler schwächer geworden. Ein verheerender Befund.

Was bedeutet das in Zahlen?

In Mathematik, wo sich der Leistungsabfall besonders drastisch zeigt, erreichten die deutschen Schüler nur noch einen Punktwert von 475. Vier Jahre zuvor waren es noch 500 gewesen. Beim Lesen erreichten sie statt 498 nur noch 480 Punkte. Auch das Ergebnis in Naturwissenschaften hat sich verschlechtert. Es ist ein historisch schlechter Wert für Deutschland. Da tröstet es nicht, dass Deutschland noch in allen drei Bereichen im Schnitt der OECD-Länder liegt, in Naturwissenschaften sogar noch leicht darüber.

Was haben die aktuellen Ergebnisse mit Corona zu tun?

„Deutschland war im internationalen Vergleich nicht gut auf den Distanzunterricht vorbereitet“, sagt die Bildungsforscherin Doris Lewalter von Zentrum für internationale Bildungsvergleichsstudien. Die Forscherin weist aber auch auf eines hin: Es gebe keinen systematischen Zusammenhang zwischen Schulschließungen und den Pisa-Ergebnissen. Es gebe auch Länder, in denen – wie in Deutschland – lange die Schulen geschlossen gewesen wären, die ihre Pisa-Ergebnisse stabil gehalten hätten. Daraus lässt sich schließen: Auch wenn Deutschland bei der Ausstattung mit digitalen Geräten in der Pandemie aufgeholt hat, war das Krisenmanagement insgesamt schlecht.

Welchen Einfluss hat die Zuwanderung auf die Ergebnisse?

Die Herausforderung für das deutsche Bildungssystem ist groß. Der Hamburger Schulsenator Ties Rabe, Sprecher der SPD-geführten Länder in der Kultusministerkonferenz, weist darauf hin, die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund in Deutschland sei seit 2002 um rund 50 Prozent gestiegen. Nur knapp die Hälfte von ihnen spreche zu Hause Deutsch, so Rabe. Besonders viele von ihnen kämen aus wirtschaftlich schwierigen Verhältnissen und bildungsfernen Elternhäusern. Bildungsforscherin Lewalter betont aber, auch mit diesem Befund ließen sich die schlechten Gesamtergebnisse bestenfalls zum Teil erklären. Sie verweist auf die ebenfalls schlechten Pisa-Ergebnisse der Jugendlichen ohne Migrationshintergrund.

Wie waren die deutschen Ergebnisse in den vorherigen Jahren?

Die erste Pisa-Studie, veröffentlicht im Jahr 2001, war für die Deutschen ein Schock. Hatten sie doch gedacht, ihr Bildungssystem sei besonders gut. Dann standen sie im internationalen Vergleich blamiert da. Danach hat die deutsche Bildungspolitik sich angestrengt, etwa mit Investitionen in die Kitas. Doch der Reformeifer ließ bald wieder nach. Jetzt verstärkt sich ein Trend, der sich seit 2012 zeigt: Die deutschen Ergebnisse fallen immer schlechter aus. Das größte Problem dabei: die hohe Zahl von Schülern, die Basiskompetenzen nicht erreicht. In Mathe scheitert ein Drittel der Schüler an besonders einfachen Aufgaben, beim Lesen ein Viertel.

Was fordern Lehrer und Schüler?

Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist überzeugt, dass sich der Bildungsrückstand nur mit konsequenter individueller Förderung beheben lässt. Jetzt müsse der Kampf gegen den Lehrermangel verstärkt werden – auch durch gute Arbeitsbedingungen für Lehrer. Der Bundesschülerrat verweist vor allem auf die fehlende Chancengleichheit. Das geplante Startchancenprogramm der Bundesregierung, mit dem Brennpunktschulen gestützt werden sollen, sei ein erster Schritt, reiche aber noch lange nicht aus.

Was genau ist die Pisa-Studie?

Hinter der Pisa-Studie steht die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), die die Ergebnisse seit dem Jahr 2000 erhebt. Inzwischen nehmen 81 Staaten an der Studie teil. Sie testet die Kompetenzen von 15-Jährigen in drei Bereichen: Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften. Die Teilnehmenden werden so ausgewählt, dass sie in den jeweiligen Ländern repräsentativ für die Bevölkerungsgruppe in diesem Alter sind, aus Deutschland waren es dieses Mal 6116 Schüler von 257 Schulen.

Wo läuft es besser als in bei uns?

An der Spitze der Pisa-Ergebnisse liegt seit vielen Jahren Singapur, das sicher schwer mit Deutschland zu vergleichen ist. Pisa-Chef Andreas Schleicher verweist aber unter anderem immer auf das hohe Ansehen, das der Lehrerberuf dort und in anderen erfolgreichen Ländern genießt. Bei den europäischen Staaten sticht das kleine Estland hervor. Es ist digital besonders weit entwickelt – auch in den Klassenzimmern.

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