Pischetsrieder wird Daimler-Kontrolleur Vielleicht zu weich, aber trickreich

Bernd Pischetsrieder soll künftig Daimler kontrollieren. Foto: dpa/Sven Hoppe

Bernd Pischetsrieder hat viel Erfahrung in der Autobranche, musste aber auch Niederlagen einstecken. Eine davon war spektakulär.

Stuttgart - Die Weihnachtsvideos von Dieter Zetsche waren legendär. Der Manager mit dem Walross-Schnauzbart hatte seinen ganz eigenen Stil, der Belegschaft schöne Feiertage zu wünschen. In kurzen Filmchen bewies Zetsche Humor. Vor zwei Jahren begab er sich in seinem letzten Video als Daimler-Chef auf Jobsuche – zuletzt auch beim Weihnachtsmann. Der joviale Senior mit dem weißen Rauschebart berichtet im Gespräch mit dem Bewerber, dass er wie Zetsche sein ganzes Leben in der gleichen Firma verbracht habe, und jetzt sei er plötzlich gefragt worden, ob er nicht in den Aufsichtsrat wechseln wolle – eine Anspielung auf den geplanten Wechsel des Daimler-Chefs ins Kontrollgremium. „Das kannste ja gar nicht ablehnen so was“, meint der Weihnachtsmann in dem Spaßvideo. „Ich sehe das auch als eine riesige Chance. Auch für dich ist das eine große Chance“, fügt die Frohnatur im roten Kostüm augenzwinkernd hinzu – worauf Zetsche bestätigend nickt und sein Grinsen immer breiter wird.

 

Zetsches Absage kam überraschend

Aus dem öffentlichen Leben hatte Zetsche sich nach dem Abschied von Daimler weitgehend zurückgezogen. Bisweilen konnte man den Mann mit dem markanten Schnurrbart durch den Wald beim Stuttgarter Fernsehturm radeln sehen. Er bereitete sich auf den Wiedereinstieg bei Daimler als Aufsichtsratschef im nächsten Frühjahr vor – nach der gesetzlich vorgeschriebenen Abkühlungsphase. Doch Ende September gab er überraschend bekannt, dass er auf den Job des Aufsichtsratschefs verzichte, nachdem die Kritik von Investoren und Analysten nicht abreißen wollte. Er müsse sich nichts mehr beweisen, sagte der 67-jährige Ex-Manager und wies energisch die Kritik zurück, dass Daimler unter seiner Führung den Einstieg in die Elektromobilität verschlafen habe.

Dieser Rückzug ebnet den Weg für Bernd Pischetsrieder, der dann mit 73 Jahren Aufsichtsratschef von Daimler wird. Der frühere BMW- und VW-Chef sitzt schon seit sechs Jahren im Kontrollgremium des Stuttgarter Autokonzerns.

Unfall mit dem Luxussportwagen

Zetsche und Pischetsrieder haben einiges gemeinsam – nicht nur das Faible für einen Bart, wobei der Bayer einen Kinnbart bevorzugt. Pischetsrieder ist wie Zetsche ein Mensch, der nicht gern viel Aufhebens um seine Person macht, der humorvoll ist, auf die Menschen zugeht, der alles andere als ein kalter Manager ist.

Seinen spektakulärsten Auftritt hatte Pischetsrieder in einem Luxussportwagen – allerdings unfreiwillig. Im Juni 1995 überschlug sich der damalige Vorstandsvorsitzende von BMW in einem McLaren auf einer Landstraße in der Nähe des Chiemsees. Alle Insassen wurden zum Glück nur leicht verletzt, selbst die „Bild“-Zeitung hakte nicht näher nach. Bei BMW stieg der Maschinenbau-Ingenieur vom Fertigungsplaner über diverse Station bis an die Spitze des ewigen Daimler-Konkurrenten auf. Dabei kann man ihm Kreativität nicht absprechen.

Besonders kreativ war ein Coup, den er als noch frischer Vorstandschef bei BMW 1994 einfädelte. BMW schnappte damals dem Konkurrenten Volkswagen die Rechte an der britischen Luxusmarke Rolls Royce weg, obwohl das Unternehmen an die Wolfsburger ging. Als Debakel entpuppte sich dagegen die Übernahme des britischen Autobauers Rover. BMW musste Rover, MG und Land Rover bald wieder abgeben, nur der Mini entwickelte sich zur Erfolgsgeschichte. Pischetsrieders Großonkel war der Mini-Erfinder Sir Allec Issigonis. Als es Ende 1998 in der Führungsspitze von BMW zu Machtkämpfen kam und sich eine Niederlage für Pischetsrieder abzeichnete, heuerte er ausgerechnet beim VW-Konzern an. Dort wurde er erst Seat-Chef und 2002 dann als Nachfolger des Patriarchen Ferdinand Piëch Vorstandsvorsitzender des Wolfsburger Autoriesen. Für Piëch war das Debakel der Rover-Übernahme kein Makel. „Mir ist doch jemand lieber, der schon einmal woanders vom Pferd gefallen ist. Das muss ja nicht bei uns passieren“, meinte der Patriarch.

Keine lange Verbundenheit zwischen Pischetsrieder und Piëch

Die enge Verbundenheit zwischen den beiden Autonarren Piëch und Pischetsrieder hielt jedoch nicht lange. Piëch, der als Aufsichtsratschef immer noch bei jeder Gelegenheit in den Konzern hineinregierte, wollte sich nicht damit abfinden, dass der Bayer mehrere seiner Entscheidungen rückgängig machte.

Dadurch sah Piëch in steigendem Maße die Interessen des Anteilseigners Porsche gefährdet, dessen Miteigentümer er war. Zudem warf Piëch seinem Nachfolger vor, dass er zu weich sei, zu wenig Druck dabei mache, den Konzern auf Profitabilität zu trimmen. Diesen Machtkampf konnte Pischetsrieder nicht gewinnen. Ende 2006 trat er vorzeitig zurück als VW-Chef, kassierte allerdings noch bis 2012 seine vollen Bezüge, weil sein Vertrag erst kurz zuvor verlängert worden war. „Mini-Jobber mit Traumgehalt“, schrieb damals Focus-Online.

Der passionierte Zigarrenraucher und Mountainbiker Pischetsrieder, der mit seiner Familie auf einem Bauernhof am Chiemsee lebt, machte danach seine Leidenschaft für alte Autos zum Geschäft und engagierte sich als Oldtimerhändler. Zudem übernahm er 2013 den Vorsitz des Aufsichtsrats beim größten Rückversicherer der Welt, der Munich Re, wo er bereits seit 2002 Mitglied des Kontrollgremiums war. Im vorigen Jahr gab Pischetsrieder diesen Posten an Nikolaus von Bomhard ab, nachdem dieser seine zweijährige Abkühlungsphase nach dem Ausscheiden als Konzernchef des Versicherungsriesen abgeschlossen hatte.

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