Pläne der Dirigenten in der Coronakrise „Wir sind systemrelevant“

Der Dirigent Will Humburg – zuletzt Generalmusikdirektor in Darmstadt Foto: Staatstheater Darmstadt

Will Humburg von der Chefdirigenten-Konferenz fordert im Interview kreative Lösungen, um wieder Konzert und Oper zu spielen.

Stuttgart - Am 1. Mai tagte die Generalmusikdirektoren- und Chefdirigentenkonferenz – per Videoschaltung. Sie diskutierten, welche Wege aus der Coronakrise für den Konzert- und Opernbereich absehbar sind. Will Humburg, stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung, hat einige Vorschläge, wie es weitergehen könnte.

 

Herr Humburg, zum Auftakt der kommenden Spielzeit sollte es an der Staatsoper Stuttgart Richard Strauss‘ „Frau ohne Schatten“ geben. Ein Stück mit 90 Musikerinnen und Musikern im Orchestergraben. Daran ist derzeit nicht zu denken. Wann werden wir solche Stücke und „Aida“, „Carmen“, „Götterdämmerung“ mit großem Chor auf der Bühne wieder wie früher erleben?

Es gibt Stimmen, die sagen, dass wird erst im Sommer 2021 sein. Das wäre eine Katastrophe für die einmalige deutsche Stadttheaterlandschaft. Aber sicher werden wir in dieser Spielzeit keine normalen Aufführungen mehr erleben, auch wenn die Zahlen gerade besser sind als vor zwei Wochen. Ob es von diesem Sommer an vielleicht doch schrittweise wieder losgeht, hängt von klaren Regeln ab. Die Deutsche Orchestervereinigung, der Bühnenverein, unsere Chefdirigentenkonferenz, der Deutsche Musikrat und die Deutsche Konzerthauskonferenz fordern jetzt von den Trägern genaue Angaben zu Abstands- und Hygiene-Maßgaben für Musiker sowie für die Sänger auf der Bühne. Andererseits müssen wir uns Gedanken machen zum Einlassablauf und zur Anzahl und der Platzierung der Zuschauer.

Sie haben derzeit nicht nur zu Ihren Dirigentenkollegen Kontakt, sondern auch zu Orchestermitgliedern: was belastet die derzeit mehr, existenzielle Sorgen oder, dass sie sich als Musiker künstlerisch nicht mehr ausdrücken können?

Die Ängste schwanken. Vor wenigen Tagen telefonierte ich mit einem Konzertmeister in Münster, der kurz vor Schließung noch in „Anatevka“ auf der Bühne zwischen Sängern gegeigt hatte, von denen sich später herausstellte, dass vier mit dem Coronavirus infiziert waren. Das ist natürlich eine konkrete Sorge. Die andere betrifft die materielle Existenz. Glücklicherweise sind festangestellte deutsche Musiker, trotz Kurzarbeit bei manchen Theatern, nicht so bedroht wie beispielsweise in New York, wo die Metropolitan Opera das Orchester und den Chor sofort zum 1. April gekündigt hat. Die sitzen jetzt auf der Straße. Bei uns ist es dagegen finanziell ein Riesenproblem für alle freien Musiker und Sänger. Es gibt für diese Gruppe einen Vorstoß der Kulturstaatsministerin Monika Grütters, dass deren vereinbarten Gasthonorare wenigstens auf Höhe der jeweils festgelegten Kurzarbeit gezahlt werden. Hoffentlich klappt das. Und klar, fragen sich viele Musiker, wie die Orchesterlandschaft nach der Krise aussehen wird, und ob und wo sie als Künstler wieder ihren Platz haben werden.

Täuscht mein Eindruck, dass sich in Corona-Zeiten grundsätzlich nichts an der Wertigkeit in der Gesellschaft geändert hat: zuerst Wirtschaft, Sport, am Schluss Bildung, Kunst und Kultur?

Genau darüber haben wir bei der Video-Versammlung unserer Chefdirigenten-Konferenz mit 67 Teilnehmern am 1. Mai gesprochen. Es fällt schon auf, dass die Deutsche Fußball-Liga ein 164-Seiten starkes Papier vorlegt, die Lufthansa durchgesetzt hat, dass die Mittelsitze wieder besetzt werden dürfen und die Friseure geöffnet sind, wobei ich mich frage, wie man mit zwei Meter Abstand einen geraden Pony schneiden will. Aber in Corona-Fernsehinterviews und in den Talkshows habe ich noch nie einen Künstler, Musiker, geschweige denn, einen Dirigenten erlebt. Dabei gehen mehr Deutsche im Jahr ins Konzert, ins Theater und in die Oper als zu Fußballspielen. Obwohl die Kultur- und Kreativwirtschaft bei uns insgesamt anscheinend 100 Milliarden Euro brutto jährlich erwirtschafte, und damit kurz hinter der Autoindustrie liegt, fehlt uns eine Lobby, die auch nur annähernd so stark ist. Aber was macht zum Beispiel die AfD in Thüringen? Sie sagt, nehmt den Theatern die Gelder weg und gebt sie den Kneipen, die haben es jetzt nötiger.

Was hilft gegen solche Pauschalierungen?

Wir können nur hoffen, dass das Publikum uns die Treue hält und vor allem fordert, dass es so bald wie möglich wieder Angebote von Konzerten und Opernaufführungen gibt, wie auch immer die erstmal aussehen!

Was können Sie als Chefdirigenten-Konferenz an Ideen einbringen zum Wiederanlaufen der Musikinstitutionen?

Wir müssen alternative Aufführungsformen finden, und sei es, dass wir das Publikum ins Parkett setzen, die Bläser vom ersten Rang spielen, die Streicher auf der Bühne platziert sind und der Chor vom zweiten Rang singt. Warum nicht das Orchester auf die Probebühne setzen und den Ton auf die Bühne übertragen, wo sich dann Tristan und Isolde mal nicht anfassen? In Ruth Berghaus‘ berühmter Hamburger Inszenierung 1988 standen die ja auch schon fünf Meter auseinander! Oder wir machen Autokino-Konzerte: Scheiben ein Drittel runter, und vor der Leinwand spielt im Freien das Orchester – wir kommen ja langsam in den Sommer. Oder wir führen Kammerfassungen von Opern auf, programmieren endlich mal wieder mehr Haydn-Sinfonien, die Streicher können mit Mundschutz spielen, die zwölf Bläser spielen mit Mindestabstand und ich als Dirigent setze mir auch eine Maske auf. Uns Dirigenten, aber auch den Intendanten und Regisseuren fällt dazu viel ein.

Was halten sie dem Spruch entgegen: erst kommt der Konsum, dann der schöne Ton?

Gerade in so einer schwierigen Zeit brauchen wir Kultur, Musik. Wir brauchen Trost, wir brauchen geistiges Futter. Bundespräsident Frank-Walter-Steinmeier hat vor dem Europa-Konzert der in abgespeckter Besetzung antretenden Berliner Philharmoniker gesagt: Musik ist ein Lebensmittel. Ja, das ist es auch. Ich sage: wir sind systemrelevant. Die deutsche Theater- und Orchesterlandschaft steht nicht umsonst auf der Nominierungsliste der Unesco als Immaterielles Kulturerbe der Menschheit.

Zur Person

Will Humburg, 63, war Generalmusikdirektor in Darmstadt und Münster sowie Chefdirigent und künstlerischer Leiter des Teatro Massimo Bellini in Catania. Zur Zeit ist er ständiger Gastdirigent am Theater Bonn und regelmäßiger Gast an der Kölner Oper. Humburg ist stellvertretender Vorsitzender der Generalmusikdirektoren- und Chefdirigentenkonferenz, an deren Spitze Marcus Bosch steht.

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