Wohin geht man ins Theater, wenn man Experimente scheut? Das Alte Schauspielhaus und die Komödie im Marquardt sind hier die richtigen Adressen. Der Intendant Axel Preuß hat nun seine Pläne für die Saison 2019/20 vorgestellt.

Kultur: Tim Schleider (schl)

Stuttgart - Wohin geht das Theaterpublikum, das sehr wohl die großen Stoffe mit einem interessanten Ensemble auf einer nicht ganz kleinen Bühne erleben möchte, dem ein Besuch im Staatstheater mit seinen künstlerischen Experimenten aber schlicht zu riskant erscheint? Genau hier hat das Angebot der Schauspielbühnen Stuttgart seinen Platz in der Kulturszene der Landeshauptstadt. Der Intendant Axel Preuß meistert gerade seine erste Saison auf beachtlichem Niveau und mit großem Zuspruch. Nun hat er die Pläne für die Spielzeit 2019/20 vorgestellt – und es wird deutlich, wie sich aus manchem Thema, das beim Start noch zufällig wirken mochte, eine Themen-Linie entwickelt.

 

Zum Auftakt am Alten Schauspielhaus im September gibt es wieder einen Schiller, den ausladend wuchtigen „Wilhelm Tell“ – laut Preuß „noch nie auf unserer Bühne zu sehen gewesen“ und auch sonst eigentlich nur noch ein Fall für Freilichtbühnen mit Nähe zur Schweizer Grenze. Sehr neugierig stimmt aber, dass der in ungewöhnlichen Projekten versierte Klaus Hemmerle die Regie übernommen hat. Auf der Pressekonferenz versprach er nicht nur die nötigen Kürzungen des Text-Trumms, sondern vor allem eine Aufwertung der weiblichen Rollen unter all den Eidgenossen.

Ein Stephen-King-Thriller eröffnet die Krimitage 2020

Als Musical zum Jahreswechsel setzt Preuß nach dem immensen Erfolg von „Hair“ ein zweites Mal auf den Regisseur Klaus Seiffert – und auf die deutlich stillere, dramaturgisch aber schlüssigere Revue „Die Comedian Harmonists“. Die unsterblichen Schlager der berühmten Gesangstruppe erklingen dort vor der Kulisse der Weimarer Republik und des schließlich triumphierenden Nationalsozialismus – da braucht es eine Schar herausragender Sänger, die auch gute Darsteller sind. Einer von ihnen wird Marc Trojan sein, der ebenfalls schon in „Hair“ auf der Bühne zu erleben war, da aber in deutlich flippigeren Klamotten.

Wiederbegegnungen mit Darstellern aus der ersten Saison wird es in der zweiten häufig geben; da baut der Intendant, der an der Kleinen Königstraße kein eigenes Ensemble hat, irgendwie dann doch an einem. Ein Wiedersehen gibt es nämlich auch mit Marco Steeger und Sabine Fürst in der Dramatisierung von Goethes „Wahlverwandtschaften“ sowie mit Eva Geiler und Alina Rank in der Goldoni-Komödie „Diener zweier Herren“. In letzterer wird auch Sebastian Weingarten, Intendant des Renitenztheaters, als Darsteller zu erleben sein – während Franziska Beyer, gerade noch Elisabeth I. in „Maria Stuart“, als nächstes die Rolle einer durchgeknallten Krankenschwester übernimmt: „Misery nach Stephen King wird im März 2020 die Stuttgarter Kriminächte eröffnen, inszeniert von Eva Hosemann, eine Konstellation wie jetzt bei „Tabu“ – mithin eine weitere Traditionslinie im Reiche Preuß.

Monika Hirschle muss ihr Wohnzimmer vermieten

Fünf Premieren sollen an der Komödie im Marquardt den neuen Markenspruch „Gute Unterhaltung mit Anspruch“ einlösen. Zum Auftakt wird es mit dem Musical „Sister Soul und ihre Schwestern“ vermutlich wieder bunt zugehen. In den Weihnachtswochen setzt Preuß auf ein Stück, das der ganzen Familie Laune machen soll: „Wir sind keine Engel“ erzählt, wie in der Karibik drei verwegene Strafgefangene einer etwas lebensfernen Familie Art aus der Existenzkrise helfen. Filmfreunde erinnern sich an die herrliche Schwarzweiß-Verfilmung mit Peter Ustinov, Aldo Ray und Humphrey Bogart; die Stuttgarter Zuschauer dürfen sich auf Andreas Klaue, Jörg Pauly und Matthias Rott freuen.

Die Volksschauspielerin Monika Hirschle ist in der Komödie auch wieder mit von der Partie: „Koi Auskomma mit dem Einkomma“. Und zum Saisonende im Sommer 2020 melden sich zwei weitere Stars aus Film, Funk und Fernsehen zur Premiere: Hugo Egon Balder und Jochen Busse, im Theater bestens verwurzelt, sind in einem Stück von René Heinersdorff zu erleben: „Komplexe Väter“. Große Überraschungen und Experimente sucht man in den Plänen von Axel Preuß zwar auch diesmal vergebens. Überzeugen aber kann er mit einer guten Mischung aus Themen und Formen – und mit der unprätentiösen Ernsthaftigkeit, seinen Bühnen via Qualität nach und nach eine neues Publikum zu verschaffen.