Nach Ankündigungen wie diesen haben Schulze und Zeitfracht-Chef Wolfram Simon-Schröter bei den Mitarbeitern Aufbruchsstimmung verspürt, wie sie sagen. Die Mitarbeiter hätten in den Betriebsversammlungen applaudiert. Auch in der Branche wurde der Kauf, dem Banken und Kartellbehörden noch zustimmen müssen, was als Formsache gilt, mit einer Mischung aus Erleichterung und Wohlwollen registriert: Für die Buchhändler und Verlage gilt KNV als systemrelevant, weil das Unternehmen für 300 Verlage Bücher ausliefert, Unmengen von Büchern auf eigene Rechnung kauft und an die Buchhandlungen veräußert. Außerdem übernimmt KNV für 5600 Buchhandlungen die Lieferung, oft über Nacht. Eine KNV-Pleite hätte allen geschadet. Zeitfracht schaffe „eine Perspektive für die Buchlogistik und Planungssicherheit für Verlage und Buchhandlungen“, lobt deshalb der Börsenverein des Deutschen Buchhandels.
Zeitfracht darf sich in der Buchbranche als Retter fühlen
Zeitfracht ist also in einer komfortablen Position, man darf sich als Retter fühlen. Die Berliner seien verbindlich und bescheiden aufgetreten, ist aus der Branche zu hören. Goutiert werde, dass das Unternehmen offenbar nachhaltig agieren wolle, was auch Finanzchef Schulze bekräftigt: „Uns kommt es nicht in jedem Jahr auf die maximale Rendite an – wir wollen das Geschäft langfristig profitabel entwickeln“, sagt er und betont: „Wir haben in unserer Unternehmensgeschichte noch nie einen Verlust gemacht – das werden wir auch beibehalten.“
Bisher ist die Bilanz von Zeitfracht solide: 1927 als Fuhrunternehmen in Stendal (Sachsen-Anhalt) gegründet, hat die Gruppe in den vergangenen Jahren ihre (Logistik-)Geschäfte von der Straße aus auf die Wasser- und Luftwege ausgeweitet. Erst im April dieses Jahres übernahm sie von Lufthansa die Luftfahrtgesellschaft Walter und arbeitet jetzt im Auftrag von Eurowings, viele Maschinen fliegen von und nach Stuttgart. Eine Grundlage der Expansion ist die gut gefüllte Einkaufskasse: Zeitfracht hat vor Jahren Anteile am Deutschen Paket Dienst (DPD), den das Unternehmen einst mitgegründet hatte, verkauft. Zuletzt erzielte die Gruppe mit ihren 1800 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von 480 Millionen Euro.
„Ich kann alles hinterfragen, ohne dass mir das jemand übel nimmt“, sagt der Finanzchef
Dass der Logistiker bisher nichts mit der Buchbranche zu tun hatte, sieht der Finanzchef nicht als Nachteil: „Ich kann alles hinterfragen, was ich erklärt bekomme, ohne dass mir das jemand übel nimmt“, sagt Schulze. Ins Detail wolle er vor der Genehmigung des Kaufs durch die Kartellbehörden nicht gehen, die Entwicklungslinie für KNV deutet er aber schon an: Im Zentrum stehe die Auslastung des Logistikzentrums in Erfurt. Denkbar sei auch ein Dreischichtsystem, außerdem müssten ja nicht nur Bücher gelagert und ausgeliefert werden, so Schulze, denkbar seien zum Beispiel auch Elektroartikel.
Ein weiterer Fokus liege auf dem Wachstum mit IT-Dienstleistungen; KNV betreibt für viele kleine Buchhandlungen Internetshops und -seiten. „Das Geschäft werden wir weiter ausbauen, hier wird es Investitionen geben. Wir glauben, dass es für die Buchhändler Möglichkeiten gibt, mit unseren Dienstleistungen bei ihren Kunden zu punkten.“ Außerdem setze man sich bei den Lieferungen für Kooperationen mit anderen Logistikern ein, um die Strecke zwischen Depot und Haustür, die sogenannte letzte Meile, günstiger zu gestalten, sagt Schulze. „Wenn wir das umsetzen, sind wir einen ganz weiten Schritt vorangekommen.“
Lieferungen am selben Tag könnten für die Buchkäufer einen Aufpreis bedeuten
Vielleicht wird die eine oder andere Idee auch den Buchkäufer direkt betreffen. Denkbar seien Lieferungen am selben Tag, wie sie der größte Konkurrent in der Branche, Amazon, gegen Aufpreis anbietet. „Für besonderen Service muss dann mehr bezahlt werden“, sagt Schulze – das sei doch eine Möglichkeit für den Buchhandel vor Ort, um gegen den Internetgiganten zu bestehen.
Ein anderes Gedankenspiel ist konkreter: Zeitfracht schlägt einen Ausgleichsfonds vor, um vor allem den kleineren Verlagen einen Teil des Geldes zurückzuzahlen, das sie durch die Insolvenz von KNV nicht mehr wiedersehen werden. Das hatte etliche der kleineren Verlage in wirtschaftliche Schwierigkeiten gebracht, da sie kaum Rücklagen haben. „Das ist uns Verpflichtung und Anliegen“, sagt Schulze, man wolle „einen sechsstelligen Betrag“ geben und hoffe, dass sich auch andere aus der Buchbranche und auch die Politik am Fonds beteiligten. Man habe mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels gesprochen, der den Fonds und die Auszahlungen steuern solle.
Der Ausgleichsfonds für kleine Verlage kommt gut an – die Summe noch nicht
Die Kurt-Wolff-Stiftung, die viele der kleineren Verlage vertritt, spricht von einer „schönen Geste“. Natürlich könne ein Ausgleichsfonds „in schlimmsten Notfällen die Not sicher etwas lindern“, teilt der Vorstand mit. „Wir hören allerdings, dass es für die Verlage – große wie kleine – um einen Verlust von mehr als 40 Millionen Euro geht, und manch ein unabhängiger Verlag allein hat schon Verluste von etwa 100 000 Euro zu verarbeiten, da greift ein sechsstelliger Betrag leider kaum“, heißt es weiter.
Abzuwarten bleibt, wie weit Zeitfracht die Branchenhoffnungen tatsächlich erfüllen kann. Die persönliche Leidenschaft von Sabine Schröter, seit 2011 Mehrheitsgesellschafterin bei Zeitfracht und derzeit in Elternzeit, ist für die Buchhändler und Verlage ein gutes Zeichen: Schröter gilt als ausgewiesene Buchliebhaberin. „Natürlich war viel Herz bei der Entscheidung dabei, KNV zu erwerben“, sagt sie – auch wenn am Ende die Zahlen ausschlaggebend gewesen seien. „Aber ich glaube fest an die Zukunft des Buches und auch die Werte, die es in unserer Kultur einnimmt.“