Fraunhofer-Institut Pläne für Ausbau in Stuttgart-Vaihingen

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Das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung braucht mehr Flächen. Fünf Neubauten sollen entstehen. Die Stadt soll dafür den Bebauungsplan ändern. Die Anwohner sind in Sorge.

So soll der Fraunhofer-Neubau zum Thema Leichtbau südlich der Nobelstraße aussehen. Foto: Gewers Pudewill
So soll der Fraunhofer-Neubau zum Thema Leichtbau südlich der Nobelstraße aussehen. Foto: Gewers Pudewill

Stuttgart - Das Fraunhofer Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) wünscht mehr Flächen auf dem Vaihinger Campus. Auch die Uni Stuttgart beansprucht Erweiterungsflächen. Fünf Neubauten sollen auf dem Gebiet Birkhof südlich der Nobelstraße entstehen. Da die geplanten Vorhaben größer ausfallen als der Bebauungsplan zulässt, soll er geändert werden. Die Nachbarn in den Wohnhäusern beobachten die Entwicklung mit Sorge.

Sind alle Baugenehmigungen eingeholt, werde mit dem ersten Bau Mitte 2018 begonnen, mit der Fertigstellung rechne man im August 2020, berichtet Thomas Bauernhansl auf Anfrage. Er leitet nicht nur das Institut für Industrielle Fertigung und Fabrikbetrieb (IFF) der Uni Stuttgart, sondern auch das IPA, das ebenfalls auf dem Vaihinger Campus angesiedelt ist – mit 1100 Mitarbeitern das drittgrößte Fraunhofer-Institut in Deutschland und „weltweit eines der größten Institute für Automatisierung“, so Bauernhansl. „Damit profitieren auch viele Mittelständler am Standort. Wir wachsen um zehn bis 15 Prozent im Jahr.“ Seit er vor fünf Jahren angefangen habe, sei das Budget von 36 auf 70 Millionen Euro gewachsen. Problematisch seien nur der Platzmangel.

Ein viergeschossiger Neubau soll der Erforschung von Leichtbau-Technologien dienen

„Wir wollen schrittweise die Möglichkeiten des Bebauungsplans im Birkhof ausnutzen“, erklärt Bauernhansl. Gegenüber vom bestehenden Fraunhofer-Standort an der Nobelstraße soll das „BTL Stuttgart“ entstehen – das steht für Bearbeitungstechnologien im Leichtbau. Dort wird die Reduzierung des Gewichts von Konsum-, Gebrauchs- und Investitionsgütern erforscht, wie man sie aus dem Fahrzeug- und Flugzeugbau kennt. Dadurch sollen Herstell-, Transport- und Entsorgungskosten sowie Rohstoffe gespart werden. 80 Arbeitsplätze werden dort entstehen – davon 60 neue. 20 Mitarbeiter sollen aus der Innenstadt auf den Vaihinger Campus ziehen. 3300 Quadratmeter Nutzfläche und vier Geschosse soll der Baukörper des Berliner Architekturbüro Gewers und Pudewill fassen. 20 Millionen Euro soll der Bau kosten. Er ist dort geplant, wo bisher Parkplätze und grüne Wiese sind.

Parallel zum BTL laufen die Planungen für einen weiteren Fraunhofer-Neubau, und zwar zum Thema Massenpersonalisierung. Dabei gehe es um neue Geschäftsmodelle für Unternehmen, Digitalisierung, künstliche Intelligenz und die Änderung von mechatronischen in cyberphysische Produktarchitekturen. Die Leitfrage laute dabei: „Wie kann man die Stückzahl Eins für einen Kunden produzieren zu Preisen der Massenproduktion?“ Dabei wolle man mit dem Schwesterinstitut für Arbeitswirtschaft und Organisation IAO zusammenarbeiten. „Damit wollen wir den Technologietransfer in Stuttgart und der Region vorantreiben“, so Bauernhansl. Das dritte Bauvorhaben sei noch nicht spruchreif. Es solle erst von 2020 an in die Planung gehen. Im Zentrum sollen smarte Materialien stehen. Was in den zwei weiteren Neubauten entstehen soll, sagt Bauernhansl nicht. Jedenfalls sei dabei auch die Uni Stuttgart beteiligt.

Uni Stuttgart braucht Reserveflächen für großflächige Transferzentren

Laut Unisprecher Hans-Herwig Geyer soll die Fläche, die im Westen an die Kleingartenanlage grenzt, „großen Verbund- beziehungsweise ‚Industry on Campus’-Vorhaben dienen“. Erweiterungsflächen für das Höchstleistungsrechenzentrum (HLRS) seien vorgesehen, das wie auch die Technologie-Transfer-Initiative (TTI) der Uni bereits auf dem Birkhof beheimatet ist. „Wir sehen mittel- bis langfristig auf dem Areal Birkhof eine der wenigen Flächenreserven für die bauliche Entwicklung der Universität Stuttgart für den Campus Vaihingen und für großflächige Transferzentren zwischen Wissenschaft und Wirtschaft“, so Geyer. Die Idee sei „die Errichtung eines Forschungscampus zur Förderung von öffentlich-privaten Partnerschaften für Innovationen“.

Die Nachbarn sorgen sich indes, ob die Grün- und Frischluftschneisen sowie das Naherholungsgebiet den Bauplänen zum Opfer fallen. „Man erfährt das nur gerüchteweise“, sagt ein Anwohner, der Flugblätter verteilt, seinen Namen aber nicht in der Zeitung lesen will. „Wie weit weicht die Idee der Planungsabsicht vom Bebauungsplan ab?“, will er wissen. Das Unibauamt gibt zu den Plänen derzeit keine Stellungnahme ab, so Mitarbeiter Michael Spingler.

Südlich der Nobelstraße soll höher gebaut werden als zulässig – Klimaschneise soll bleiben

Die Stadt schon: Zum einen werde es eine Verdichtung der bestehenden Fraunhofer-Gebäude nördlich der Nobelstraße geben – geplant sei ein Spin-Bau (Stuttgarter Plattform für innovatives und nachhaltiges Bauen) im Anschluss an das Technikum. Zum anderen solle südlich der Nobelstraße höher gebaut werden als laut Bebauungsplan zulässig, erklärte Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne). Die Straße selbst solle zu einem Boulevard umgestaltet werden. Die Baugrenze des Birkhof-Areals nach Süden, zur Autobahn hin, bleibe erhalten – gegen den Wunsch des Landes und der Fraunhofer Gesellschaft. Grund sei die stadtweite Bedeutung dieser Klimaschneise – „da sind wir hart geblieben“, betont Pätzold. Zudem werde eine ökologische oder landschaftliche Aufwertung des südlichen Birkhof-Bereichs geprüft. Dieser Bereich komme für naturschutzrechtliche Ausgleichsmaßnahmen in Betracht, so Pätzold. Auch die Grünfläche im östlichen Birkhof-Areal namens „Spitzallmandländer“ dürfe weiterhin nicht bebaut werden – außer einer „unwesentlichen, kleinflächigen Arrondierung“.

Der Aufstellungsbeschluss werde wohl Ende März/Anfang April im Technikausschuss und im Bezirksbeirat diskutiert, kündigte Pätzold an. Seit einem halben Jahr warte man darauf, dass die Fraunhofer Gesellschaft den städtebaulichen Vertrag unterschreibe. Pätzold findet es „erfreulich, dass wir eine Forschungseinrichtung haben, die expandiert – wir profitieren von der Forschung, die da stattfindet“.

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