Pläne für Zentrum für Baukultur Haus mit Strahlkraft oder Feigenblatt?

Der Gebäudekomplex in der unteren Königstraße ist als Standort für das Zentrum Baukultur im Gespräch. Foto: Lichtgut/Max Kovalenko

Das seit Langem von der Architektenschaft gewünschte Zentrum für Baukultur in Stuttgart rückt in greifbare Nähe. Doch an den Plänen entzündet sich auch Kritik.

Kultur: Ulla Hanselmann (uh)

Stuttgart - Architekturzentrum, Schaufenster für Architektur, Haus der Baukultur: Namen kursieren viele für das Projekt. Es ist eines, das die Architektenschaft in Stuttgart und im Land seit Langem auf dem Zettel hat. Denn dass Baden-Württemberg sich nicht nur mit Automobilen profiliert, sondern international hoch angesehene Ingenieur- und Architekturleistungen vorweisen kann, steht außer Frage. Doch einen Ort, an dem diese Kompetenz für eine breite Öffentlichkeit sichtbar werden könnte, gibt es bislang nicht. Und das, obwohl die obersten Köpfe der Berufsorgane wie die Architektenkammer Baden-Württemberg (AKBW) und der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) Baden-Württemberg ihn immer wieder aufs Tapet gebracht haben.

 

Im Koalitionsvertrag verankert

Steter Tropfen höhlt den Stein? Eher scheint ein Ruck durch die neue, für Belange des Bauens und Wohnens deutlich stärker sensibilisierte Landesregierung gegangen zu sein. Kaum bekundete man im Koalitionsvertrag, ein „Zentrum für Architektur und Ingenieurskunst“ voranbringen zu wollen, rückt ein solches nun in greifbare Nähe. Im Gespräch für das Zentrum für Baukultur, so der Arbeitstitel für die Einrichtung, sei eine Fläche im Gebäudekomplex Königstraße 1–3, berichtet Gabriele Renz, Sprecherin der Architektenkammer.

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Die Eigentümerin des Komplexes, die LBBW-Immobilien-Gruppe, hatte 2021 ihre Pläne revidiert, die Häuser abzureißen und sich stattdessen für eine „Revitalisierung“ entschieden. Schon zuvor hatte die Stadt Forderungen nach einem kulturellen Leuchtturm in Gestalt etwa eines Konzerthauses an dieser Stelle abschlägig beschieden. Fest hält Stuttgart indes an dem Vorhaben, dort eine Kultureinrichtung zu installieren. „Mit dem Zentrum für Baukultur wäre dies an einem zentralen Punkt in der Stadt eine sehr gute Lösung“, sagt Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne).

Auch für die Kammer passt der Standort. „Das Gebäude liegt zentral, die im Gespräch befindlichen Flächen haben die erforderliche Größe“, sagt Renz. Die für diesen Sommer geplante Jubiläumsausstellung zu „Bauen für eine offene Gesellschaft – 100 Jahre Günter Behnisch“ in der Königstraße 1c, wo früher Karstadt Sport untergebracht war, sieht man dabei als eine Art „Probelauf“ an. Das „ Zentrum Baukultur“ würde die Kammer als Trägerin betreiben, zusammen mit festen wie auch wechselnden Kooperationspartnern. Mit welchen Inhalten es gefüllt werden soll, stehe noch nicht fest, so Renz. Nur so viel sei klar: „Nichts Museales“ solle es haben. Vielmehr wolle man die Vernetztheit, Prozesshaftigkeit und Innovationskraft der Baukultur abbilden, ein „Ort des Diskurses“ sein. Vom Land erhofft sich die Kammer nun Haushaltsmittel für die Grundfinanzierung, als realistische Größenordnung insgesamt nennt sie mindestens drei Millionen Euro – mit diesem Etat sei auch das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt ausgestattet, argumentiert Renz. Pätzold umreißt das weitere Vorgehen so: „Sofern es eine Einigung zwischen LBBW, Land und AKBW gibt und das Konzept feststeht, wird man in den zuständigen Gremien berichten.“

Kammer fordert drei Millionen Euro zur Grundfinanzierung

Also alles auf einem guten Weg? Nicht für den BDA-Landesverband. Oder zumindest nur in Teilen. „Wir freuen uns wahnsinnig, dass das Zentrum für Baukultur ins Rollen kommt“, sagt die Landesvorsitzende Liza Heilmeyer. Doch sie treibe die Sorge um, dass die Umsetzung architektonisch und städtebaulich unbefriedigend gelöst werden könnte. So kritisiert der Landes-BDA, dass die Architekturleistungen für den Umbau durch einen Direktauftrag erfolgen und nur in Teilen per Wettbewerb vergeben werden sollen, wie im Städtebauausschuss zu erfahren gewesen sei. „Ein Zentrum für Baukultur sollte die Prozesse illustrieren, die wir als eine Architektenvereinigung propagieren, die sich insbesondere für die Qualität der gebauten Umwelt einsetzt. Dazu zählt ganz wesentlich das Instrument des Wettbewerbs“, so Heilmeyer.

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Mit der geplanten herkömmlichen Mischung aus Büros, Kommerz und Gastronomie verschenke man zudem die Chance, eine die Innenstadt aufwertende Eingangspforte zu schaffen und das Quartier nachhaltig zu beleben. „Wir brauchen ein Gebäude mit Strahlkraft, so wie sie sicherlich das Haus für Film und Medien entwickeln wird“, betont Heilmeyers BDA-Kollege Michael Ragaller.

Experimenteller Nutzungsmix und Niederschwelligkeit

Um den Bestandsbau zu einem attraktiven Stadt- und Kulturbaustein umzugestalten, müsse über das Nutzungskonzept neu nachgedacht werden, sagen die Architekten und werfen Stichworte wie Co-Working-Spaces oder Kurzzeit-Wohnen in den Ring. Entscheidend sei zudem ein niederschwelliger Zugang. Wie dies mit konventionell vermieteten Ladenflächen im Erdgeschoss vereinbar sein soll, können sich die BDA-Leute nur schwerlich vorstellen. Doch für einen experimentelleren Mix müsste der Bebauungsplan geändert werden – dies sei aus Zeitgründen nicht vorgesehen.

Architekten fordern eine Debatte

„Wir wollen nicht das kulturelle Feigenblatt in einem x-beliebigen Investorenbau sein“, sagt Heilmeyer. Sie kritisiert zudem: „Die LBBW verschließt sich dem offenen Dialog, weil das mutmaßlich aus ihrer Sicht die Dinge verkompliziert. Doch Architektur betrifft alle und muss deshalb Teil unserer Debattenkultur sein.“

Von der LBBW Immobilien ist zu hören, dass sie sich mit verschiedenen Interessenten unterhalte und unterschiedliche Ideen prüfe. Auch mit der Kammer führe man „intensive Gespräche“, dabei gehe es vorrangig um die Vorbereitung der Behnisch-Ausstellung. Und: „Natürlich können wir uns auch eine weitere gemeinsame Zusammenarbeit vorstellen, jedoch gibt es in diesem frühen Stadium noch keine konkreten Konzepte.“

Behnisch-Ausstellung als Probelauf

Standortdebatten
In der Vergangenheit kursierten unterschiedliche Adressen für ein Architekturzentrum, mal verortete man es im Kunstgebäude am Schlossplatz, mal im Neuen Schloss, mal in der Weißenhofsiedlung, mal auf dem Areal des Kaufhof-Parkhauses. Doch so schnell wie solche Vorschläge aufkamen, wurden sie auch wieder verworfen.

Ausstellung
Der 100. Geburtstag des Architekten Günter Behnisch (1922–2010) am 12. Juni ist Anlass für eine Jubiläumsausstellung, die im ehemaligen Karstadt-Sport-Kaufhaus, Königstraße 1c, geplant ist. Die Federführung hat die Architektenkammer, weitere Beteiligte sind das Südwestdeutsche Archiv für Architektur und Ingenieurbau (saai) in Karlsruhe, also das zentrale Architekturarchiv des Landes, und das Stuttgarter Büro Behnisch Architekten, das von Günter Behnischs Sohn Stefan mitgeführt wird.

BDA
Dem baden-württembergischen Landesverband des Bundes Deutscher Architektinnen und Architekten gehören etwa 900 ordentliche und 70 außerordentliche Mitglieder in 15 Kreisgruppen an; diese werden in den Verband berufen.

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