Pläne in Markgröningen Prächtige Villa von Politik-Pionierin – „ An ein Wohnhaus wird nicht viel erinnern“

, aktualisiert am 07.01.2025 - 14:33 Uhr
Die Griesinger-Villa ist eine Immobilie, wie man sie in puncto Architektur und Grundstücksgröße nur noch selten findet. Foto: Werner Kuhnle/ 

Das prächtige Elternhaus der CDU-Ikone und früheren Ministerin Annemarie Griesinger in Markgröningen im Kreis Ludwigsburg steht seit Längerem leer. Das dürfte sich bald ändern. Die Stadt hat für das Haus Pläne.

Die Stadt Markgröningen hat Annemarie Griesinger nicht grundlos den Titel als Ehrenbürgerin verliehen und sie zu ihrem 100. Geburtstag zuletzt mit einem Festakt gewürdigt. In einer Ära, als Politik fast ausschließlich von Männern dominiert wurde, machte die Tochter des Theologen Hermann Roemer bei der CDU Karriere. Sie zog 1964 in den Bundestag ein, wurde 1972 als erste Frau überhaupt ins Kabinett des Landes Baden-Württemberg berufen.

 

So beeindruckend die Vita der 2012 verstorbenen Griesinger ist, so imposant ist auch die Villa, in der sie mit ihrem Mann Heinz in Markgröningen lebte. Zumindest architektonisch. Im Innern kann man den Glanz vergangenen Tage nur noch erahnen. Das Gebäude steht seit einigen Jahren leer – soll nun aber wiederbelebt werden.

Die Stadt möchte die Immobilie in der Gartenstraße in ein Kinderhaus umwandeln. In zwei Gruppen sollen je zehn unter Dreijährige betreut werden können, eine weitere Einheit biete Platz für rund 25 Mädchen und Jungs im klassischen Kindergartenalter, erklärt Benno Hermannstädter, Fachgebietsleiter für Gebäudemanagement.

Bürgermeister Jens Hübner (links) und Benno Hermannstädter, Fachgebietsleiter Gebäudemanagement, inspizieren die mittlerweile leer geräumte Villa. Foto: Christian Kempf

Villa von Annemarie Griesinger: Abriss war keine Option

Dafür muss die Kommune allerdings tief in die Tasche greifen. Rund 2,7 Millionen Euro sind im Haushalt für die Umgestaltung reserviert. Eine Summe, für die man womöglich alternativ auch einen Abriss samt Neubau hätte in Erwägung ziehen können. Doch für die Kommune war das keine Option. „Wenn man das Gebäude von außen betrachtet, sieht man, dass es erhaltenswert ist, auch im Sinne der Nachhaltigkeit. Und es ist prägend“, erklärt Hermannstädter.

Bürgermeister Jens Hübner pflichtet ihm bei. „Das ist das Wohnhaus unserer Ehrenbürgerin. Das ist nicht abreißbar“, betont der Rathauschef. Zumal man bei einer Sanierung im Bestand auf Zuschüsse von der öffentlichen Hand hoffen dürfe. Insofern hätte man über die künftige Verwendung der Villa vielleicht diskutieren können, nicht jedoch darüber, ob man das Haus erhalten wolle oder nicht.

Eigentümer der Villa ist die Griesinger-Roemer-Stiftung

Dazu kommt, dass die Stadt in der Frage ohnehin nicht frei schalten und walten könnte. Eigentümerin der Immobilie ist die Griesinger-Roemer-Stiftung, die es sich auf die Fahnen geschrieben hat, soziale und kulturelle Zwecke in Markgröningen zu fördern – und die Villa der Kommune nun eben zur Kinderbetreuung zur Verfügung stellt. Genau dort drücke bei der Stadt auch der Schuh, konstatiert Jens Hübner, der selbst im Stiftungsrat sitzt. Insbesondere im Bereich der unter Dreijährigen brauche es frische Kapazitäten. Eine Prüfung habe ergeben, dass sich die Pläne für ein Kinderhaus in dem Gebäude umsetzen lassen. Der Bürgermeister macht jedoch keinen Hehl daraus, dass die Umgestaltung mit einem immensen Aufwand verbunden ist. Von der schmucken Villa wird im Prinzip nicht viel mehr als die Außenhülle übrig bleiben. „Es geht um eine Kernsanierung. Natürlich muss auch der Grundriss so angepasst werden, dass ein Kitabetrieb möglich ist“, erläutert Benno Hermannstädter.

Das einstige Wohnzimmer ist besonders geräumig. Foto: Christian Kempf

Bei der Stadt scharrt man schon mit den Hufen, will endlich loslegen mit dem Umbau. Man brauche jedoch zunächst grünes Licht vom Regierungspräsidium in Stuttgart, sagt Jens Hübner. „Wir warten eigentlich täglich darauf, dass wir es genehmigt bekommen“, betont er. Die Hoffnung sei, dass die Handwerker im Sommer anrücken können, sagt Benno Hermannstädter, der mit einer Bauzeit von eineinhalb Jahren rechnet. Ziel sei, die Kita Anfang 2027 zu eröffnen.

Umbau der Griesinger-Villa: Grünes Licht aus Stuttgart fehlt noch

Besucher, die den Vorher-nachher-Vergleich haben, werden sich dann vermutlich die Augen reiben. An ein Wohnhaus werde nicht mehr viel erinnern, sagt Hermannstädter. Auf 566 Quadratmetern und verteilt über drei Stockwerke entstehen Betreuungsräume, Elternsprechzimmer, ein Büro für die Leitung, Aufenthaltsmöglichkeiten für das Personal und anderes mehr. Außerdem wird ein Aufzug installiert, um einen barrierefreien Zugang zu gewährleisten. Im großzügigen Garten können sich die Kinder auf einer Fläche von rund 450 Quadratmetern austoben.

Wenn man diese Zahlen hört, kann man sich vorstellen, wie viel Beinfreiheit die Villa als Wohnhaus bot. Das bestätigt ein Rundgang vor Ort. Die Wände sind hoch, im Wohnzimmer im ersten Stock könnte man locker einen Billardtisch unterbekommen und anschließend einem Feuer im Kamin in der Ecke beim Lodern zuschauen. Hier, im oberen Teil der Villa, habe das kinderlose Ehepaar Griesinger gelebt, zuletzt bis zu seinem Tod vor wenigen Jahren Heinz Griesinger als Witwer, berichtet Benno Hermannstädter. Eine Wohnung im Erdgeschoss sei seines Wissens nach vermietet gewesen. Die Erben hätten das Gebäude ausgeräumt, die Stadt inzwischen mit dem Entkernen angefangen.

Insgesamt ist unverkennbar, dass der Zahn der Zeit an der Villa genagt hat. Es riecht modrig, die Holztreppen sind abgewetzt, ein Modernisierungsschub ist somit unausweichlich, damit wieder Leben in das Haus der Politik-Pionierin einkehren kann.

Wahrzeichen von Markgröningen

Erbaut
Die Villa in der Gartenstraße in Markgröningen wurde nach Angaben der Stadt im Jahr 1914 errichtet und 1971 um einen Anbau ergänzt. Es handelt sich um das Elternhaus von Annemarie Griesinger, die dort auch selbst mit ihrem Mann lebte. „Die Villa ist kein Denkmal, aber ein Wahrzeichen“, sagt der Bürgermeister Jens Hübner.

Ministerin
Annemarie Griesinger lebte von 1924 bis 2012. Sie wurde in Markgröningen geboren und wuchs laut Wikipedia in einem Pfarrershaushalt auf, wurde erst Mitglied der Jungen Union, später der CDU. In den 1960er-Jahren schaffte sie den Einzug in den Bundestag, 1972 wurde sie Teil des Kabinetts in Baden-Württemberg. Griesinger fungierte als Ministerin für Arbeit, Gesundheit und Sozialordnung.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Markgröningen Umbau Kinderhaus