Die Bürger haben viele Ideen – und nicht alle lassen sich verwirklichen
Deshalb will die Stadtverwaltung die Buchenbachtalauen nun aufwerten und „neu denken“, begleitet vom Planungsbüro Kienleplan aus Leinfelden-Echterdingen. Bekäme die Stadt den Zuschlag für einen Landschaftspark, würde der Verband Region Stuttgart die Hälfte der Kosten für eine solche Aufwertung übernehmen. Bis Ende September muss sich die Stadt für die diesjährige Runde bewerben, in der ersten Gemeinderatssitzung nach den Ferien soll die Entscheidung dazu fallen.
Zunächst hatten aber die Bürger das Wort. Und sie haben ihr Mitspracherecht ausgiebig genutzt. Zu einem Rundgang Ende Juli sind mehr als 80 Bürger aus allen Altersgruppen gekommen. Auch Jugendliche waren dabei. Mit so viel Interesse, sagt der Winnender Umweltbeauftragte Jürgen Kromer, habe keiner gerechnet, zumal es nicht die erste Informationsrunde für die Bürger gewesen sei. Weitere Ideen konnten bis Freitag auch noch per E-Mail eingereicht werden. Mit von der Partie bei dem Rundgang war die Landschaftsarchitektin Christiane Messner vom Planungsbüro Kienleplan, die das Projekt begleitet. Sie musste den Bürgern nicht erst sagen, was für eine Chance es sei, diesen Bachlauf neu zu denken. Die Ideen sprudelten bei Alt und Jung ganz von selbst.
Der ausgefallenste Wunsch ist ein Achtsamkeitspfad
Doch die Bandbreite an Wünschen und Vorstellungen ist groß, nicht zuletzt, weil Naherholung durch die Pandemie an Bedeutung gewonnen hat. Sportler wünschen sich einen Trimm-dich-Pfad. Radfahrer hätten gern, dass die Schranken geöffnet werden und der Weg entlang des Spielplatzes befahren werden kann.
Wieder andere regen einen kulturellen Themenpfad an, womöglich mit Skulpturen bestückt. Kinder wollen einen Bachlauf, den man erkunden kann, in dem man auch mal barfuß stehen und Tiere beobachten darf. Der ausgefallenste Wunsch indes ist wohl die Anregung, einen Achtsamkeitspfad zu schaffen. Den Naturschützern wiederum sind all diese Pläne zuwider: Sie wünschen sich, dass die Biotope am Wasser möglichst in Ruhe gelassen werden.
Und dann gibt es noch jene, die am liebsten alles lassen würden, wie es ist. Auch Martina Staiger, die Vorsitzende des Hundesportvereins, schwankt noch: Zwar habe der Verein sich vor Jahren bereit erklärt, einen Teil des Geländes abzugeben, sagt sie. Aber ausdrücklich nur, um dort den Bach zu renaturieren. Wenn dort jedoch nun eine weitere Freizeitnutzung geplant werde, schaffe das neue Konflikte – und das sei absolut nicht im Interesse ihres Vereins.
Dem Fluss mehr Raum geben – und das Tal für Starkregen wappnen
Der Umweltbeauftragte Jürgen Kromer glaubt, dass am Buchenbach tatsächlich Naherholung und Naturschutz gleichzeitig möglich sein kann – und dass beide Seiten vom Schaffen eines Landschaftsparks profitieren würden. Zum Beispiel, indem man die Uferwiesen an manchen Stellen wieder zum Feuchtgebiet macht und einen Steg baut, von dem aus die Tiere beobachtet werden können, die sich dann mit der Zeit ansiedeln. Denkbar sei so ein Beobachtungsplatz vielleicht sogar direkt an der Seewasenstraße, sagt er. Denn seine Erfahrung zeige: Erholungssuchende nähmen es an, wenn man sie lenke. Biete man dagegen nichts an, müsse man damit rechnen, dass Unwissende durch ein Biotop trampeln, das sie gar nicht als solches erkannt haben.
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Die Chance, ähnlich wie in Birkmannsweiler dem Fluss mehr Raum zu geben und natürliche „Altarme“ zu gestalten, sieht Kromer gleich an mehreren Stellen: Dort, wo das alte Vereinsheim des Hundesportvereins steht, zum Beispiel. Auf diese Weise könne man das Tal auch für extreme Starkregen besser wappnen. „Wenn dann richtig viel Wasser herunter kommt, läuft so eine Fläche voll – und das darf sie an dieser Stelle auch.“ Zwar reiche ein einzelner renaturierter Abschnitt alleine nicht aus, um Hochwasser zu vermeiden. Aber viele kleine Maßnahmen, sagt Kromer, ergäben am Ende auch eine beachtliche Wirkung.
Das Konzept von Landschaftsparks
Idee
Landschaft nicht nur schützen, sondern sogar aufwerten – das ist die Idee von Landschaftsparks. Mit anderen Worten: Lieblingsorte sollen noch schöner werden – und es soll mehr davon geben. Seit 2005 fördert der Verband Region Stuttgart deshalb jedes Jahr kommunale Projekte mit diesem Ziel.
Finanzierung
Bis zu 1,5 Millionen Euro gibt der Verband jedes Jahr für die Landschaftsparks aus. Bekommt eine Stadt oder Gemeinde den Zuschlag für ihr Projekt, zahlt der Verband die Hälfte der Kosten. Kommunen und Verband investieren gemeinsam also drei Millionen Euro jährlich für Neugestaltungen.
Beispiele
Im vergangenen Jahr wurde nur ein Projekt aus dem Rems-Murr-Kreis gefördert: die ökologische Aufwertung des Zipfelbachs in Waiblingen. Fast ein Drittel der Fördersumme ging nach Stuttgart: Am Neckar sollen Auen entstehen, die auch die Möglichkeit zur Beobachtung von Tieren wie dem Eisvogel bieten.