Pläne zum Flughafentunnel Für Landwirte wäre die Teilsperrung eine Katastrophe

Jörg Briem aus Bernhausen hat an seinem Feld ein Protestplakat aufgestellt. Foto: Caroline Holowiecki

Die Idee des Verkehrsministers, den Flughafentunnel zugunsten des Radverkehrs in eine Richtung zuzumachen, bringt viele Menschen auf die Palme. Für Filderstädter Bauern hätte das Ganze zudem wirtschaftliche Auswirkungen. Inwiefern?

Jörg Briem ist ein großer Mann, er misst wohl an die zwei Meter. Um diese zwei Meter Mensch in Wallung zu bringen, bedarf es dieser Tage nur eines Stichworts: Flughafentunnel. Dann ist es bei Jörg Briem vorbei mit der Ruhe. „Das ist ein Schwachsinn!“, wettert er. Was den Landwirt aus Bernhausen so in Rage bringt, ist die Idee des Landesverkehrsministers Winfried Hermann, den Tunnel, der unter der Start- und Landebahn des Stuttgarter Airports hindurchführt und somit Bernhausen und Plieningen verbindet, in Richtung Plieningen für motorisierte Fahrzeuge zu sperren, um mehr Platz für den Radverkehr zu schaffen. Denn auf der Route gebe es laut Ministerium ein enormes Potenzial von bis zu 4800 Radfahrten pro Tag. „Die Zahlen sind so was von verbogen, das gibt es gar nicht“, sagt indes Jörg Briem.

 

Gegen das Radfahren hat er nach eigenen Angaben nichts. Er schwinge sich selbst gern aufs Fahrrad. Doch für ihn als Landwirt käme die Teilsperrung des Tunnels einer „Katastrophe“ gleich. 50 Prozent seiner Betriebsflächen hat Jörg Briem in Plieningen. Gemüse wächst dort aktuell, Kartoffeln und Brokkoli. Fiele der direkte Weg dorthin weg, müsste er das Dreifache an Strecke auf sich nehmen, um zu seinen Flächen zu gelangen, wie er sagt, „mindestens“. Jörg Briem zählt auf, warum das für ihn wirtschaftlich ein Problem wäre: höhere Spritkosten, mehr Zeit auf der Straße, steigende Personalkosten. „Somit summiert sich so eine Fahrt brutal“, sagt er, ganz zu schweigen von den Abgasen und der Verkehrsbelastung. „Das ist ein Schwachsinn“, sagt er wieder. Und weiter: „Und das noch von einem Grünen. Das ist weder nachhaltig noch umweltschonend.“

Sämtliche Landwirte in Filderstadt sind gegen die Pläne, sagt Tobias Briem, weitläufig verwandt mit Jörg Briem. Tobias Briem ist nicht nur der landwirtschaftliche Obmann in Bernhausen, er ist auch der Vorsitzende des Kreisbauernverbands Esslingen. „Die Beunruhigung ist groß“, sagt er. Durch den Flughafenbau seien seinerzeit etliche Filderstädter Landwirte „Richtung Plieningen getrieben“ worden und bewirtschafteten dort heute Flächen. „Es gibt viele, die nach Stuttgart zum Großmarkt oder zu den Wochenmärkten fahren“, fügt er hinzu. Eine Teilsperrung würde in der Landwirtschaft Beschäftigte aus ganz Filderstadt treffen. „Intern kommunizieren wir da sehr stark“, sagt Tobias Briem. Jörg Briem – er ist stellvertretender Obmann in Bernhausen – bestätigt das. Täglich fahren demnach Branchenkolleginnen und -kollegen unter dem Flughafen hindurch zum Großmarkt oder zur Autobahn. „Der komplette Warenverkehr geht durch den Tunnel“, sagt er. Tobias Briem hat gemeinsam mit drei Kollegen Ende Mai an der Fahrradrundfahrt des Verkehrsministers teilgenommen und vorgesprochen. Auch einen Alternativvorschlag habe er bei der Gelegenheit unterbreitet, nämlich den eines Radwegs entlang des Flughafenzauns. Was das Stuttgarter Ministerium davon mitgenommen hat, Tobias Briem weiß es nicht. Ohnehin würde er sich wünschen, dass die Landwirtschaft stärker beteiligt würde, auch von der Betreibergesellschaft des Flughafens wünschte er sich mehr Initiative. „Der Kreisverband wird spätestens, wenn es in die Planungsphase geht, angehört“, sagt er. Bis dahin würden Gespräche mit der Stadtverwaltung und dem Gemeinderat geführt. Vor allem der Draht ins Gremium ist kurz. Etliche Landwirte sind im Gremium vertreten. Tobias Briem sagt: „Man will da auf jeden Fall am Ball bleiben.“

Alternativvorschlag: Ein Radweg entlang des Flughafenzauns

Der Landwirt Jörg Briem drückt derweil seinen Frust mit einem Plakat aus, das er an seinem Feld unmittelbar am Flughafen aufgestellt hat. Weizen wächst dort aktuell und steht kurz vor der Ernte. „Die Landwirtschaft braucht den B 312-Flughafentunnel“, liest man auf dem großen Schild. Was ihm am liebsten wäre? „Dass es so bleibt, wie es ist, und zwar für alle.“ Kopfschüttelnd schaut Jörg Briem auf die Autos, die auf der Nord-West-Umfahrung an ihm und dem Banner vorbeibrausen. „Als die Straße gebaut wurde, haben wir fruchtbarste Felder verloren“, sagt er. „War das umsonst?“

Tausende haben Petition unterzeichnet

Widerstand
Das Thema Flughafentunnel ist seit Monaten eines der heißesten Eisen in Filderstadt, seitdem bekannt geworden war, dass das Verkehrsministerium erwägt, den Tunnel in Fahrtrichtung Plieningen für den Autoverkehr zu sperren, um dem Radverkehr mehr Platz einzuräumen. Nicht nur in der Politik und in der Stadtverwaltung regt sich Widerstand gegen das Vorgehen, vor allem auch in der Bürgerschaft. Die Online-Unterschriftensammlung eines Filderstädters ist mittlerweile abgeschlossen. Seine Petition, die zum Ziel hat, den Tunnel wie gehabt offen zu lassen, haben 3452 Personen unterschrieben, 1839 davon aus Filderstadt.

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