Plakat-Streit in Nürtingen Doch Minderjährige auf Plakat für Bierzelt

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Zwei der Mädchen, die auf einem Plakat für den Nürtinger Maientag mit Bierkrügen abgebildet sind, ärgern sich. Sie sind zum Zeitpunkt der Aufnahmen 15 und 16 Jahre alt gewesen – und keinesfalls volljährig.

Nürtingen - Eines der Mädchen, mit der ein Stuttgarter Wasenwirt und die Stadt Nürtingen für das Bierzelt beim Maientag werben, ist vor vier Wochen 18 Jahre alt geworden. 15 Jahre alt ist es gewesen, als das Foto vor rund zwei Jahren aufgenommen worden ist. Anabel Rührig sitzt ganz links am Biertisch, direkt neben ihr Katja Müller*. Zusammen machen die beiden derzeit ihr Abitur auf dem Salier-Gymnasium in Waiblingen (Rems-Murr-Kreis). Eine weitere Freundin (auf dem Plakat Dritte von rechts) besucht dieselbe Schule und geht jetzt in Klasse 11. Bei der Aufnahme sind alle abgebildeten Mädchen minderjährig.

Katja Müller* erinnert sich noch gut an den Vormittag im Herbst des Jahres 2010, an dem sie als 16-Jährige gegen 11 Uhr gemeinsam mit ihren Freundinnen auf dem Cannstatter Wasen das Weeber Festzelt besuchte. Noch kaum etwas sei los gewesen um diese Uhrzeit. Eine Kontrolle am Eingang habe es nicht gegeben. „Wir sind da einfach so reinspaziert“, sagt sie. Die Gruppe habe sich an einen Tisch gesetzt und sei von einem Mitarbeiter der Agentur Onetaste Media angesprochen worden, ob sie zu einem Shooting bereit seien.

„Stoßt mal an“, damit Stimmung aufkommt

Laut der damals 16-Jährigen musste die Gruppe ein DIN-A4-Papier ausfüllen. Sie erinnere sich nicht mehr hundertprozentig, ob sie auch ihr Alter ausfüllen mussten, sie glaube aber nicht. Falls doch, hätten die Mädchen auf jeden Fall ihr richtiges Alter angegeben. „Dafür lege ich meine Hand ins Feuer“, bekräftigt Katja Müller*. Eine Einverständniserklärung der Eltern, denen sie „gleich nach dem Wasenbesuch alles erzählt habe“, gebe es nicht.

Dann begann das Shooting. „Die haben zu uns gesagt: ,Jetzt stoßt mal an‘“, damit Partystimmung aufkomme. Der Mann am Tisch sei ein anderer

Wasenbesucher gewesen, den sie aber nicht gekannt hätten. „Als Belohnung haben wir jeder Märkchen für zwei Maß und für ein halbes Göckele bekommen“, sagt die Gymnasiastin. „Wir haben auch Bier getrunken.“ Keinesfalls jedoch hätten sie sich betrunken, sagt Katja Müller* auch stellvertretend für ihre Freundinnen. Dass nun auch durch das Werbeplakat für den Maientag ein falscher Eindruck von ihnen entstehe, empört die heute 18-Jährige sehr. „Ich möchte nicht als Aushängeschild dafür dienen, dass die Jugend zum Trinken animiert wird.“ Das Motto der After-Work-Party am 10. Juni gibt das Werbeplakat so vor: „Feiern in Nürtingen. Sparbieraktion! Ein Bier kaufen, zwei Bier trinken“.

Agentur: Mädchen seien „weit über 18“

Die Waiblinger Abiturientin fühlt sich von der Agentur Onetaste Media hintergangen. Ihnen sei lediglich gesagt worden, das Foto werde für eine Wasenwirt-Werbebroschüre verwendet. Etwa zwei Wochen später habe sie dann einen Flyer mit dem Motiv gesehen, was für sie in Ordnung gewesen sei. Doch dann sei das Foto immer wieder benutzt worden – ohne ihre Zustimmung. „Ich finde es eine Frechheit, dass man es so lange verwendet“, klagt sie.

Der Geschäftsführer von Onetaste Media, Felix Fuchslocher, hatte gegenüber der Stuttgarter Zeitung am Montag erklärt, die Mädchen seien bei der Aufnahme „weit über 18“ gewesen und hätten ihre Ausweise gezeigt. Gestern lehnte Fuchslocher eine weitere Stellungnahme ab.

„Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dadurch Minderjährige zum Biertrinken verführt werden“, hatte der Nürtinger Oberbürgermeister Otmar Heirich (SPD) noch am Dienstag erklärt. Auf dem Plakat sehe er junge Leute, „um die 27 Jahre alt, die feiern und fröhlich sind“. Für ihn sei das Plakat „nichts Besonderes und auch nicht anstößig“, so Otmar Heirich, der sich selbst als einen „massiven Gegner von Alkoholexzessen“ bezeichnet. „Da musste ich fast schon lachen, als ich das mit den 27 Jahren gelesen habe“, kommentiert Katja Müller* die Altersschätzung des Nürtinger Rathauschefs.

Stadt: Alter der Mädchen sei nicht belegt

Das Poster, mit dem die After-Work-Party am 10. Juni angekurbelt werden soll, hat die Stadt auch an Schulen und Kindergärten geschickt. Zumindest an zwei Kitas ist das Plakat aufgehängt worden. Nürtinger Schulleiter zeigten sich entsetzt über die Plakataktion der Stadt. Der Maientag ist das zentrale Fest für die Schulen mit einer jahrhundertealten Tradition und gilt den Nürtingern als „Nationalfeiertag“.

Heirich reagierte auf die neue Entwicklung gestern mit dem Hinweis, das Alter der Mädchen sei „im Moment weder nachgewiesen noch belegt“. Für ihn gebe es derzeit keinen Grund, an der Seriosität des Weeber Festzeltbetriebs zu zweifeln, der als Vertragspartner der Stadt das Plakat gestaltet und finanziert habe. Das Nürtinger Rathaus tue alles dafür, dass der Maientag „zu einer gelungenen Veranstaltung für alle Nürtinger wird“, erklärt Otmar Heirich in seiner Stellungnahme.

*Name von der Redaktion geändert




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