Planetarium in S-Mitte Das Blau des Himmels ist handgefärbt

Der Zeiss-Planetariumsprojektor kann mehr als 9000 Sterne originalgetreu an die Foto: Archiv
Der Zeiss-Planetariumsprojektor kann mehr als 9000 Sterne originalgetreu an die Foto: Archiv

Bei der Eröffnung 1977 war das Planetarium das modernste der Welt. Heute ist die Planetariumstechnik antiquiert, doch das Publikum merkt nichts davon. Anfang 2014 wird saniert.

Lokales: Sybille Neth (sne)
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S-Mitte - Stuttgart bei Nacht ist als Szenario immer mit von der Partie, wenn die Sternegucker im Kuppelsaal des Planetariums ins All blicken. Aber Stuttgart bei Nacht macht Probleme, von denen die Besucher aber nichts ahnen. Das Panoramabild der Stadt wird von zwölf Diaprojektoren computergesteuert und somit absolut passgenau zu einer Gesamtansicht überblendet, die am unteren Kuppelrand zu sehen ist. Insgesamt 80 der robusten Kodak-Projektoren, wie sie auch für Messen verwendet werden, sind im Planetarium im Einsatz. „Ihr Rattern kennen die jungen Leute nur noch aus alten Filmen“, sagt der Direktor des Planetariums Uwe Lemmer.

Sollte einer der Kodak-Projektoren das Rattern für immer aufgeben – und dies passiert aufgrund des Dauereinsatzes der Geräte häufiger – sind unkonventionelle Lösungen gefragt, denn die Projektoren gibt es auf dem Markt nicht mehr zu kaufen. „Wir haben schon bei Ebay die Lagerbestände einer Firma aufgetan und Projektoren bestellt“, erzählt Lemmer lachend. „Das ist eine aussterbende Technik. Aber auch noch gebraucht kostet so ein Projektor 500 Euro.“

Eine Zeitreise rückwärts

Probleme macht auch das Stadtpanorama an sich. Stuttgart bei Nacht verblasst mit der Zeit und muss deshalb laufend mit neuen Bildern aufgehübscht werden. Dafür machen die Planetariums-Leute eine Zeitreise rückwärts. Fotografiert wird die Skyline digital und wird dann am Computer in ein analoges Dia umgewandelt. Das aber benötigt ein Glasrähmchen, und damit beginnt das nächste Problem: Glasrähmchen werden ebenfalls nicht mehr hergestellt. Auch hier hat schon „ein, zwei, drei – meins“ via Internet weiter geholfen. „Wir haben zur Zeit wieder Bestände im Haus, und in Ostdeutschland gibt es viele kleine Planetarien. Dort können wir Rähmchen bekommen. Wir fummeln uns das so durch“, erzählt der Direktor.

1977 wurde die sogenannte Pyramide im Schlossgarten eröffnet. Damals war das Stuttgarter Planetarium das modernste der Welt. „Andere haben sich weiter entwickelt. Wir haben den Anschluss verloren“, bedauert Lemmer. Zum Besten, was es derzeit für Planetarien gibt, gehört jedoch nach wie vor der Zeiss Projektor im Zentrum des Kuppelsaales. „Der kann unvergleichlich gut Sterne zeigen“, schwärmt Lemmer. 2008 übernahm er die Leitung und war bis Frühjahr dieses Jahres in Warteposition, denn viereinhalb Jahre war man davon ausgegangen, dass das Planetarium in ein Science Center in Bad-Cannstatt integriert wird. Investitionen am alten Standort wurden deshalb keine mehr getätigt. Jetzt aber ist klar, dass es an seinem alten Standort bleibt und dringend modernisiert werden muss.

Der Umweltschutz schlägt den Mitarbeitern ein Schnäppchen

Die Digitaltechnik hat nicht nur bei der Projektion der Szenarien die analoge Ausstattung des Planetariums überholt, auch der Umweltschutz schlägt Lemmer und seinen Mitarbeitern ein Schnäppchen. Glühbirnen gibt es ebenfalls nicht mehr zu kaufen. Die aber werden im Planetarium benötigt, denn blauer Himmel an der Kuppel wird mit blauen Glühbirnen erzeugt – die Himmelsfärbungen mit Blau, Rot und Gelb. „Die werden heute nur noch in Osteuropa produziert. Die Farben sind jedoch nicht schön“, ärgert sich Lemmer. Deshalb sitzt der Direktor mitunter selbst am Farbtopf und steckt weiße Glühlampen in Tauchlack. „Unser Improvisationstalent wird äußerst strapaziert“, ulkt er. Anfang 2014 soll sich einiges ändern, denn der Gemeinderat hat im März der Modernisierung des Planetariums für 2,6 Millionen Euro zugestimmt. Als erstes werden die Diaprojektoren durch ein Video-Fulldome-System ersetzt. Damit können die Zuschauer vom Sessel aus auch einen Flug durchs Universum mitmachen. In der Sparversion ist das heute bereits an Bord einer Ariane-Rakete möglich. Aber dabei handelt es sich um ein Provisorium der Universität Tübingen. Jetzt steht die technische Runderneuerung im Kuppelsaal an, allerdings muss das Planetarium nach Weihnachten dafür drei bis vier Monate schließen. Die Glühlampen werden noch dieses Jahr durch zeitgemäße LED-Technik ersetzt.

Das alles lässt den Planetariums-Direktor auf steigende Zuschauer hoffen, zumindest sollen sie nicht weiter sinken wie dies seit 2009 der Fall ist. Andererseits wird die Pyramide durch die Stuttgart-21-Baustelle immer mehr zur Insel werden. Auch den Parkplatz an der Willy Brandt-Straße wird es einbüßen und der Trog für den Tiefbahnhof wird bald nur rund 20 Meter von der Sternenpyramide entfernt sein. „Einige Jahre werden wir auf die Zähne beißen müssen“, sagt Lemmer. Soviel ist sicher.




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