Plantage in Nicaragua Ritter Sport lässt sich die Aufzucht der Kakaobäume etwas kosten

Von  

Fachkräfte wie er verdienen bis zu 560 US-Dollar. Dazu kommen – wie bei allen Mitarbeitern – Sozialleistungen, der Transport zur Plantage, Verpflegung und medizinische Versorgung. Für den jungen Mann offenbar gute Argumente, um im Zwei-Wochen-Rhythmus zwischen seiner Familie im 450 Kilometer entfernten Leon und El Cacao zu pendeln. „Wenn er dort einen vergleichbaren Job mit vergleichbarem Verdienst gefunden hätte, wäre er nicht bei uns“, sagt Volker Schuckert.

Der 57-jährige Leiter von El Cacao, einer von zwei Deutschen, die dauerhaft auf der Plantage sind, ist ein ungewöhnlicher Typ. Für Ritter Sport arbeitet der gebürtige Kurpfälzer erst seit wenigen Monaten, doch auf Plantagen hat er sein halbes Arbeitsleben verbracht, zuletzt auf einer Teeplantage in Indien und einer Kaffeeplantage in Tansania. Für die Erfahrung, im Herbst seines Berufslebens für ein mittelständisches Familienunternehmen zu arbeiten, „in dem langfristige Pläne wichtiger sind als Quartalsergebnisse oder Aktienkurse“, wie er sagt, fällt den redseligen Farmer mit der grauen Cargohose, dem karierten Kurzarmhemd und dem Panamahut nur ein Wort ein: „unbezahlbar“.

Die Freiheit, etwas zu tun, was bisher kein anderer Schokoladenproduzent in vergleichbarer Größenordnung gewagt hat, ließ sich Ritter Sport etwas kosten. Ungefähr 30 Millionen Euro haben die Waldenbucher in den vergangenen sechs Jahren in den Aufbau von El Cacao gesteckt. Das Geld floss in weit mehr als die Aufzucht von 1,5 Millionen Kakaobäumen: 70 Kilometer Straßen und Wege sowie viele Brücken wurden auf El Cacao gebaut, Stromleitungen wurden verlegt und Brunnen gegraben. Dazu entstand ein eigener Fuhrpark sowie einfache Wohn- und Wirtschaftsgebäude.

Fruchtschneider macht das Öffnen mit Hand und Machete unnötig

Auch auf technischem Gebiet ist der Schokoladenproduzent neue Wege gegangen und nicht nur zum Farmer geworden, sondern auch gleich noch zum Maschinenbauer. Ingenieure aus Waldenbuch haben eine Anlage entwickelt, deren Prototyp seit kurzem auf El Cacao im Einsatz ist: einen Fruchtschneider, der das gefährliche Öffnen der Früchte per Hand und Machete unnötig macht. Es handelt sich um schwäbischen Tüftlergeist in Reinform. In die zimmerhohe Apparatur werden auf der einen Seite die geernteten Kakaofrüchte eingefüllt, innen spalten scharfe Messer die Schale auf, in einer Trommel werden Bohnen und Schale getrennt. Die Maschine soll später einmal 20 000 Früchte pro Stunde knacken. Doch vorher wird sie, noch in diesem Jahr, durch einen von externen Experten optimierten Fruchtschneider ersetzt.

Yadira del Carmen Polanco Ramirez steht hinter der Maschine und sortiert gewissenhaft Reste von Schalen aus einem glitschigen Berg Kakaobohnen und Fruchtfleisch. Die 30-Jährige überwacht auch die Warenannahme, dokumentiert Temperaturen beim Trocknungsprozess und kontrolliert die Maschinen. „Ich bin vor einem Jahr zu Ritter Sport gekommen, habe damals in der Baumschule angefangen und bin dann hierher gewechselt“, sagt sie. Für den Job hat sie den Umzug von der Hauptstadt Managua auf sich genommen, wo sie in einer Näherei beschäftigt war. Heute verdient sie besser und lebt ganz in der Nähe der Plantage bei ihrer Schwester.

Wenn Yadira mit dem Aussortieren fertig ist, werden die Bohnen abgewogen und in eine weitere Apparatur der Marke Eigenbau gefüllt: eine kombinierte Fermentierungs- und Trocknungsanlage. Durch die Kombination der beiden Schritte würden ein paar Tage eingespart, aber vor allem müssten die Bohnen nicht mehr aufwendig von Mitarbeitern per Hand gewendet werden. Es sind die letzten Verarbeitungsschritte des Kakaos in seiner Heimat, bevor er in 60-Kilo-Jutesäcken abgefüllt nach Costa Rica gefahren wird und von dort in Containern den Seeweg über den Atlantik nach Deutschland antritt.