Als ein denkbarer Standort wird der Cannstatter Neckarpark genannt. Entlang der Mercedesstraße ist ohnehin ein hoher Riegel von Gebäuden vorgesehen, in denen wegen des benachbarten Festgeländes nicht gewohnt werden kann, der aber als Lärmschutzwand für die einmal dahinter lebenden Menschen dienen soll.
Synergiepark soll ein Kandidat sein
Nun wird auf den Rathausfluren nach übereinstimmenden Aussagen ein zweiter Standort diskutiert. Es handelt sich um den Synergiepark Stuttgart, erst vergangene Woche Anlass für Diskussionen, weil die Allianz Deutschland AG und die Allianz Lebensversicherungs AG auf ihrem Sportgelände nicht wie vorgesehen fünf, sondern nur noch drei Bürogebäude für sich selbst bauen, weil mehr Mitarbeiter als bisher im Homeoffice arbeiten. Sollte die Stadt den Wettbewerb für ein Zentrum „Künstliche Intelligenz“ gewinnen, könnten dort Start-ups und Forschungseinrichtungen einziehen.
Im Gewerbegebiet siedelt sich außer der Allianz auch die Daimler AG an. Und der Projektentwickler W 2 Development erwarb mit dem Münchner Investmentunternehmen Competo Capital Partners GmbH das Grundstück der Koch, Neff & Oetinger Verlagsauslieferung GmbH mit einer Gesamtfläche von rund 25 000 Quadratmetern. Erste Gespräche mit Mietinteressenten hätten begonnen, sagt Stefan Willwersch von W 2 und dem Stuttgarter Architekturbüro willwersch architekten bda. Man sei auch mit der Stadtverwaltung in Kontakt, bestätigte der Projektentwickler und Planer.
60 000 Quadratmeter Bürofläche bis 2024/25
In Kürze soll der Bauantrag eingereicht werden, 2024/2025 will man auf dem Areal Am Wallgraben 95 und Schockenriedstraße 37 und 39 auf Möhringer Gemarkung mehrere Bürogebäude im Umfang von 60 000 Quadratmetern oberirdischer Bruttogeschossfläche erstellt haben. Zwei Tiefgaragen sind vorgesehen, jedoch mit deutlich weniger als den ursprünglich vorgesehenen 1000 Stellplätzen. Die Stadtbahnhaltestelle Am Wallgraben befindet sich vor der Haustür, eine Regiorad-Station ist fest eingeplant. Der Individualverkehr ist auf den Fildern ein sensibles Thema: Bis 2030 könnte sich im Synergiepark die Beschäftigtenzahl von etwa 22 000 auf bis zu 40 000 erhöhen. Aber schon heute stehen die Mitarbeiter morgens und abends im Stau.
Noch ist völlig unklar, wann die Stadt ihren „Leuchtturm“ einweihen will. Wohl wissend, dass solch ein Projekt jahrelanger Vorbereitung bedarf, hat die CDU vor 17 Monaten eine „intensive Grundlagenermittlung“ gefordert. Allerdings sind die Fragen zu Bedarf, Ort und Planungshorizont vom September 2019 zum Verdruss der Antragssteller noch immer nicht beantwortet. Die CDU wollte etwa geklärt haben, wo aktuell die Ämter im Eigentum und wo in Miete untergebracht sind, welche Kosten regelmäßig auflaufen und welche Synergien möglich sind. Gefragt wurde auch nach Beispielen für neue Verwaltungsgebäude.
Die Stadt ist mit der Planung „ganz am Anfang“
Auf Anfrage unserer Zeitung erklärte die Verwaltung nun, mit der Idee zur Errichtung eines „Office Hub“ sei man noch „ganz am Anfang“. Es gehe um eine langfristige Perspektive. In drei Ämtern wurden insgesamt zwei Stellen für die Vorbereitung und „modernes Arbeiten“ geschafft. Bisher hat man sich damit beholfen, in Bad Cannstatt und in der City mehrere Gebäude anzumieten oder zu kaufen. Derzeit würden mehrere Standorte für einen Neubau „geprüft“. Im März soll der Gemeinderat informiert werden.
Die Stadt will mit einem Neubau „dem durch Personalaufbau notwendig werdenden Raumbedarf Rechnung tragen“. Für die Gesamtpersonalratsvorsitzende Claudia Häußler sind die im letzten Haushalt beschlossenen 829 Stellen aber nur ein Grund, zügig ein neues Verwaltungsgebäude zu beschließen, zu planen und zu erstellen. Sie teilt die Ansicht der CDU, die Verwaltung befinde sich „räumlich in den achtziger Jahren – oder früher“, was aktuell die Chancen mindert, überhaupt engagierte und kompetente Mitarbeiter zu verpflichten, um ein „guter, effizienter, freundlicher und möglichst flexibler Dienstleister“ zu sein. Ein attraktiver Arbeitsplatz sei dafür die Voraussetzung. Dieser müsse aber auch „den sozialen Anforderungen an eine heutige Arbeits- und Lebenswelt gerecht werden“.
Wer will überhaupt bei der Stadt arbeiten?
Die Stadt stehe bei der Suche nach den besten Köpfen schließlich im harten Wettbewerb mit der freien Wirtschaft. Sie muss nicht nur die wegen stetig wachsender Aufgaben zusätzlich geschaffenen Stellen besetzen, sondern auch die vielen frei werdenden. Bis 2026 sind es 2000, aber schon heute finden sich für sieben Prozent der 11 500 Stellen keine Leute. Bis 2033 steigt die Zahl der jährlich altersbedingt Ausscheidenden von 200 auf 500 Beschäftigte.
Zeitgemäßes ämterübergreifendes Arbeiten orientiert sich längst nicht mehr entlang von Ämterstrukturen. Projekte werden in Teams realisiert. Das verhindern aber heute Raumknappheit und die räumliche Trennung im Stadtgebiet. „Effizientes Arbeiten nach modernen Maßstäben“ sei so nicht möglich, glaubt die CDU.
Das bremst auch die Digitalisierung. Der Personalrat weist darauf hin, dass viele Neuerungen zur Einrichtung digitaler Arbeitsplätze nicht oder nur mit sehr hohem Aufwand möglich seien. Er setzt für einen Neubau voraus, dass er erweiterbar ist, und hält es deshalb für sinnvoll, dass die Stadt Eigentümerin des Rathauses ist. Das spricht für den Neckarpark, denn dort ist die Stadt im Besitz des Grundstücks. Es spricht aber nicht gegen den Möhringer Büro-Campus: Die Projektentwickler vermieten oder verkaufen ihre Gebäude.