Plochingen „Das mache ich selbst“ – im Club der Strickerinnen

Kaffee, Kuchen und Handarbeit: Der Stricktreff bietet willkommenen Austausch über Alltägliches und das Hobby. Foto: Roberto Bulgrin

Einmal pro Monat packen die Frauen im Café Deschawü in Plochingen ihre Handarbeiten aus. Der Stricktreff der Best Agers sorgt für Geselligkeit und fachlichen Austausch.

Region: Corinna Meinke (com)

Der Kaffee duftet und nach und nach trudeln immer mehr Frauen ein. Es ist mal wieder der erste Dienstagnachmittag im Monat und damit Zeit fürs Stricken im Café. So nennt sich der Strick- und Handarbeitstreff im Retro Musik Café Deschawü in Plochingen, wo noch echte Schallplatten aus Vinyl aufgelegt werden.

 

„Sind Sie auch strickaffin?“, werden Neuankömmlinge in der Runde begrüßt und schon werden die Projekte ausgepackt, wie Initiatorin Iris Ortz die Handarbeiten augenzwinkernd bezeichnet. In dem Cafébereich, wo Keyboard und Gitarre auf musizierfreudige Gäste warten und auch die beliebten Karaoke-Abende stattfinden, machen es sich die Frauen im Rentenalter gemütlich.

Sockenstricken eignet sich gut als Handarbeit fürs Wartezimmer

Eine begeisterte Strickerin hält ein Nadelspiel in der Hand und von der Socke, an der sie gerade arbeitet, ist schon fast der ganze Schaft zu sehen. Mindestens zehn verschiedene Garne kombiniert die Plochingerin und es ist nicht zu übersehen, dass sie leuchtende Farben bevorzugt.

Aber sie habe auch ihr Unterwegsprojekt dabei, meint Ortz und holt aus ihrer großen Tasche einen Beutel mit grauer und weißer Wolle hervor, das werde ein weniger aufwendiges Paar, das sich leichter verarbeiten lasse und mit dem sie unterwegs beispielsweise ein wenig Wartezeit überbrücken könne.

Mit leuchtenden Farben gegen den Herbstblues anstricken.. Foto: Roberto Bulgrin

Zum Stricken kam die Plochingerin bei einem Urlaub in Österreich vor gut 20 Jahren. Da habe sie in einem Laden ihr Schlüsselerlebnis gehabt, wo sie ein schönes Paar Socken anlachte. Allerdings war Ortz der Preis von 25 Euro deutlich zu hoch und so beschloss sie: „Das mache ich selbst“.

Socken für Babys, Kinder und Erwachsene entstehen in Plochingen

Und die Freude am Sockenstricken hat Iris Ortz nicht mehr los gelassen. Bis heute strickt sie am laufenden Band Socken in allen Größen für Babys, Kinder und Erwachsene und verkauft sie inzwischen auch auf Märkten wie dem Plochinger Herbst oder im Altenheim Johanniterstift.

Der Strick- und Handarbeitstreff ist vor eineinhalb Jahren beim gemütlichen Beisammensein mit ihrer Nachbarin Heike Renz aus einer Weinlaune heraus entstanden. „Die Flasche Wein war halb leer, da haben wir beschlossen, wir fragen mal im Deschawü, ob sie für so etwas offen sind“, erinnert sich Renz. Kaum war die Zusage da, habe man ein Plakat entworfen und zum ersten Treffen eingeladen.

Stricken am Abend kann beruhigend wirken

Bei Ulrike und Frank Ferrari, den Betreibern vom Deschawü, ist die Idee auf fruchtbaren Boden gefallen. „Ich stricke selbst sehr gerne“, erklärt die Chefin, das habe am Abend eine beruhigende Wirkung auf sie.

„Und es ist schön in der Gruppe zu handarbeiten, da lernt man neue Leute kennen“, sagt eine weitere Plochingerin, die mit dicken 9er Nadeln und dem entsprechend starken Dochtgarn an einem breiten Schal in gedeckten Blautönen arbeitet.

Schals und Tücher stehen in der Runde hoch im Kurs. Auch Heike Renz, die ein besonders raffiniertes diagonal gearbeitetes Modell im Rippenlook trägt, strickt schon wieder einen Schal. Diesmal soll er lang und schmal werden, das sei gerade in.

„Oh, der ist aber ganz leicht“ und „wie entstehen diese Löcher?“, solche Fragen stürmen auf eine Handarbeiterin ein, die zum ersten Mal den Weg zum dem Treff gefunden hat. „Das sind alles nur rechte Maschen. Ich verwende ein Kaschmirgarn“, erklärt die Dame, die über die Plochinger Nachbarschafts-App auf die Gruppe aufmerksam wurde.

Viele Frauen pausieren während der Familienphase mit dem Handarbeiten

„Stricken ist nur was für Omas“, von diesem Klischee will die muntere Frauenrunde nichts wissen. Es spuke zwar immer noch durch die Köpfe, meint eine Frau, die aus Gammelshausen im Kreis Göppingen kommt, doch es sei ganz normal, dass Frau während der Familienphase pausiere. Die meisten hätten tatsächlich erst jetzt im Rentenalter wieder zum Stricken gefunden.

Einiges Wissen ist dabei verschütt, aber nicht verloren gegangen: „Ich musste erst wieder lernen, wie man bei den Socken die Ferse arbeitet“ und „ich habe ganz vergessen wie man abnimmt“, rufen die Frauen bei der Frage nach Wissenslücken in die Runde. Auch dafür sei die Gruppe ideal, denn so könne man sich schnell mal gegenseitig helfen.

Hilfe gibt es auf Youtube und in den Fachgeschäften des Einzelhandels

Ansonsten verlassen sich die Frauen auf Anleitungen auf Youtube oder die Beratung in Fachgeschäften in Baltmannsweiler, Kirchheim oder Nürtingen und Tipps für die besten Adressen und Sonderangebote machen die Runde. Auch mit Hilfe einer Exceltabelle lässt sich der Überblick behalten, das erklärt eine weitere Strickerin, die sich auf asymmetrische Dreieckstücher aus abwechselnden Zopf- und Lochmustern sowie einem spannenden Farbwechsel spezialisiert hat.

Auf die Frage nach den Handarbeits- und DIY-Künsten der längst erwachsenen Kinder kommt Unterschiedliches zur Sprache. „Junge Frauen häkeln lieber“, hat Silvia Wittwar festgestellt, die sich in Vorfreude auf das erste Enkelkind ihrerseits an Babyschuhe gewagt hat.

Die süßen kleinen Teile, die sie auf Bambusnadeln gestrickt hat, werden rundum bewundert, und schon geht es um die Enkel, die in der Freizeit lieber am Handy spielten, als sich aufs Strickenlernen einzulassen. Es sei aber schon schade, wenn das Kulturgut Handarbeit nicht weitergegeben werde, meint eine Plochingerin, zumal stricken auch die Koordination und die Konzentration fördere.

An den Schulen würde das Stricken meist gar nicht mehr zugunsten anderer Textil- und Basteltechniken unterrichtet. „Ob das aus Rücksicht auf die Jungs so gemacht wird?“, diese Frage bleibt an diesem Nachmittag unbeantwortet.

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