Plochinger Bahnhof Noch mindestens fünf Jahre Kofferschleppen

Bisher kommt man nur auf zwei Bahnsteige per Aufzug. Ansonsten heißt es tragen. Foto: Karin Ait Atmane

Plochingen zählt zu den wichtigsten Bahnknotenpunkten in der Region. Der Bahnhof soll endlich barrierearm umgebaut werden – aber das dauert noch.

Am Plochinger Bahnhof gibt es bisher nur zwei Aufzüge für vier Bahnsteige. Wer im Rollstuhl sitzt und Richtung Ulm fahren möchte, muss möglicherweise zuerst mit der S-Bahn nach Esslingen und dort umsteigen. Denn in Esslingen sind bereits alle Bahnsteige über Aufzüge erreichbar – vorausgesetzt, diese funktionieren. Auch Fahrräder und anderes müssen auf die entsprechenden Bahnsteige in Plochingen getragen werden. Im Zug des Bahnhofsmodernisierungsprogramms II soll nun aber auch dieser Bahnhof modernisiert und barrierrearm gestaltet werden. Die Vorplanung steht, die Umsetzung beginnt allerdings frühestens 2029.

 

Jahrelanger Streit zwischen Stadt und Bahn wegen der Kosten

„Endlich tut sich was, das ist sehr gut“, sagte Dagmar Bluthardt (SPD), als im ABTU (Ausschuss für Bauen, Technik und Umwelt) die Planungen der DB Infra Go vorgestellt wurden. Die Bahn-Tochtergesellschaft ist für den Umbau verantwortlich. Dieser sei längst überfällig, sagte unter anderem Reiner Nußbaum (CDU), schließlich sei Plochingen der „wichtigste Bahnhof im Landkreis“. Dass die Ertüchtigung hier trotzdem erst so spät verwirklicht werden soll, hat einen finanziellen Hintergrund: Während die Bahn erwartet, dass sich die jeweiligen Kommunen finanziell am Bahnhofsmodernisierungsprogramm beteiligen, lehnte Plochingen das ab. Nach jahrelangem Hin und Her wurde man sich 2023 einig, auch dank einer neu eingeführten Härtefallregelung.

Mittlerweile stehen die Vorplanungen. Sie wurden von Volker Memmler und Jan Freitag von der DB Infra Go vorgestellt. Geplant ist die Erneuerung der Bahnsteige, die damit gleichzeitig alle auf die Höhe von 76 Zentimetern gebracht werden. Erneuert werden soll auch das Mobiliar, der Wetterschutz und teilweise die Beleuchtung, vor allem aber der Zugang zu den Bahnsteigen. Die Mittelbahnsteige für die Gleise 3/4 und die Gleise 6/7, zu denen bislang nur Treppen führen, werden jeweils einen Aufzug bekommen. Die bestehenden Aufzüge am Gleis 1 und an den S-Bahn-Gleisen (9 und 10) werden dem aktuellen Standard angepasst und damit vergrößert. Derzeit ist es so, dass ein Fahrrad und erst recht ein Pedelec kaum in die Kabine passen.

Weitere Elemente der Modernisierung sind Leitstreifen und weitere Vorrichtungen für Sehbehinderte und eine zweite Treppe am Gleis eins. Sie soll neben dem Aufzug, also gegenüber der bestehenden Treppe nach oben führen. Wären statt der Treppen auch Rampen oder schräge Ebenen möglich? Das wollte Dagmar Bluthardt wissen, auch im Hinblick darauf, dass Aufzüge bekanntlich öfter mal defekt sind. Allerdings habe man da meist ein Platzproblem – bei entsprechend flachem Gefälle brauchen Rampen weitaus mehr Platz als Treppen, zudem „durchschneiden sie den Bahnsteig“, wie Jan Freitag erklärte. Denkbar wäre das aus Platzgründen lediglich an Gleis eins, sagte er – das werde man prüfen. Lorenz Moser (OGL) fragte, ob PV-Module auf den Dächern möglich seien. Dafür sahen die Planer nur wenig Chancen, allenfalls könne man auf neu errichteten Dächern einzelne Module anbringen.

Kopplung an die Sanierung der Filstalbahn

Gebaut werden soll nach aktuellem Stand im zweiten Halbjahr 2029. Das liegt nicht nur am langwierigen Planrechtsverfahren der Bahn, sondern in erster Linie daran, dass die Filstalbahn zur Generalsanierung vorgesehen ist: Die Strecke Stuttgart-Ulm über Göppingen und Geislingen soll im Rahmen der „Hochleistungskorridorsanierungen“ der Bahn neu aufgestellt werden. Bei diesen Sanierungen, die mit der Riedbahn begonnen haben, werden die jeweiligen Strecken teils über Monate hinweg komplett gesperrt. Folglich liege es nahe, auch die Bahnhofsanierung in dieses Zeitfenster zu legen, erklärten die beiden Bahn-Mitarbeiter. Das bedeutet, dass vor 2029 nichts passiert – und falls die Bahn ihre Sanierungen streckt, könnte es noch später werden. Ausgenommen von der Generalsanierung ist aber die S-Bahn, die weiter in Betrieb bleibt. Ihr Bahnsteig wird separat, vor oder nach der großen Sanierung, erneuert.

Härtefall Plochingen

Kommunale Kostenbeteiligung
In der Regel erwartet die Bahn, dass die Kommunen 20 Prozent der Kosten für die Modernisierung ihres Bahnhofs übernehmen. Für den Umbau in Plochingen liegt die aktuelle Schätzung bei 16,5 Millionen Euro, 20 Prozent davon wären 3,3 Millionen Euro.

Härtefall
Plochingen ist insofern ein Härtefall, als der Bahnhof weitaus größere Dimensionen hat als es der Einwohnerzahl entspricht. Die Kleinstadt hat einen der wichtigsten Bahnknotenpunkte. Deshalb hat die Bahn für Plochingen und ähnliche Fälle eine Sonderregelung eingeführt, die den finanziellen Beitrag auf 80 Euro pro Einwohner deckelt. Bei 15 000 Einwohnern entspricht das 1,2 Millionen Euro, was der Stadt allerdings immer noch zu viel war. Sie hat den Vertrag erst unterschrieben, nachdem der Kreistag im März 2023 mit knapper Mehrheit beschlossen hatte, die Hälfte der Beteiligung zu übernehmen. Somit bleiben lediglich 600 000 Euro bei Plochingen.

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