Stuttgarts Wahrzeichen neu entdeckt Plötzlich Stammgast – warum diese 70-Jährige nicht genug vom Fernsehturm kriegt

Sie genießt die Weitsicht zum Nulltarif: Angelika Mathae auf der Aussichtsplattform des Stuttgarter Fernsehturms. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Angelika Mathae ist so alt wie der Fernsehturm, war aber bis vor kurzem nie oben. Jetzt bekommt sie nicht genug von ihm. Was sie an Stuttgarts Wahrzeichen so begeistert.

Den Fernsehturm hatte Angelika Mathae bisher links liegen gelassen, jetzt kann sie nicht genug davon bekommen: Ihr Sinneswandel hat damit zu tun, dass sie am 26. Januar dieses Jahres ihren 70. Geburtstag feiern konnte – und genauso alt ist wie das Stuttgarter Wahrzeichen, das am 5. Februar 1956 am Hohen Bopser eröffnet wurde. Damit gehört sie zu den Jahrgangs-Gleichen, die das ganze Jubiläumsjahr lang kostenlos auf den Fernsehturm fahren dürfen. Egal, woher sie kommen, und wie oft sie wollen.

 

„Das ist ja toll, das mache ich“, habe sie sich über das nachträgliche Geburtstagsgeschenk gefreut, das neue Perspektiven, einen erweiterten Horizont und die schönsten Aussichten verhieß. Seither genießt sie das Hochgefühl. Immer wieder, spontan und begeistert.

Stuttgarter Fernsehturm: Jubiläumsangebot wird zahlreich genutzt

Was zieht sie immer von Neuem hinauf zu den Aussichtsplattformen in 150 und 153 Metern Höhe? Süchtig nach Höhenrausch? Um das zu erfahren, treffen wir Angelika Mathae. Natürlich am Fernsehturm. Und natürlich bei gutem Fernsicht-Wetter, das an diesem Donnerstag viele Besucher anzieht. Alle gucken erst mal nach oben: zu den Arbeitern, die in schwindelnder Höhe auf konvex gekrümmten und von Seilen sicher gehaltenen Arbeitsbühnen den Beton sanieren und bestaunt werden wie Akrobaten unter der Zirkuskuppel.

An der Kasse muss die Besucherin für das Gratis-Ticket nur ihren Personalausweis vorzeigen. Sie wird auch an diesem Tag nicht die einzige bleiben, die von diesem Angebot profitiert: „Wir hatten bisher, also seit dem 5. Februar, 1214 Gäste des Jahrgangs 1956, die das Angebot genutzt haben“, teilt Francisco Hoyo Pino von SWR Media Services, der Betreiberin des Turms, zum Stand 16. April mit. Ob darunter auch so viele Wiederholungstäter sind wie Angelika Mathae, weiß er natürlich nicht. Teilweise seien es Gruppen mit Personen gleichen Alters, die sich aus der Schulzeit kennen.

Der Ausblick vom Stuttgarter Fernsehturm macht süchtig

Die Rechnung des Unternehmens – hinter vorgehaltener Hand verraten –, dass sich das Angebot am Ende finanziell lohnt, weil die 70-Jährigen in Begleitung kämen, geht bei Angelika Mathae nicht auf. Die Friseurin – kobaltblauer Mantel, Fransenfrisur mit dezentem Rotstich – ist fit und beruflich immer noch aktiv. Nur einmal, erzählt sie, habe ihr Mann Peter sie auf den Turm begleitet: „Am Ostermontag, da hatte er Geburtstag und wie alle Geburtstagskinder auch eine Freifahrt.“

Gleich im Februar, „als es mal so warm war“, ist sie zum ersten Mal, ja, wirklich zum allerersten Mal, hochgefahren: „Ich war begeistert.“ Seither kann sie nicht genug davon kriegen. Das Hochgefühl bei der Vogelperspektive auf die Stadtlandschaft auf Hügeln und in Tälern, dort stolz aufragend und dann wieder eingeschmiegt in Senken, zwischen unendlichem Grün. Ja, das macht süchtig.

Der Blick nach unten ist beeindruckend, aber auch oben, wo sich die Antenne befindet, gibt es etwas zu sehen. Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Es wird sofort deutlich, warum sie sich nicht sattsehen kann. Nach Süden und Norden, nach Ost und West, weit über die Stadtgrenzen hinaus geht der Blick, bis die Löwensteiner Berge oder die Alb den Horizont begrenzen. Und dann der Himmel, immer anders, immer ein Ereignis. Als der Vollmond am 3. März als „Blutmond“ angekündigt wurde, war Angelika Mathae wieder da: „Dort hinter Esslingen ist er um 18.33 Uhr aufgegangen“, sagte sie und deutet in 153 Metern Höhe, auf der oberen Plattform, nach Osten.

Dramatische Wolken und der Mond locken auf den Stuttgarter Fernsehturm

Ganz hat der „Blutmond“ ihre kosmischen Erwartungen nicht erfüllt: „Ich habe ihn mir größer vorgestellt“, sagt sie und zeigt das Foto auf dem Handy, auf dem mittlerweile eine eindrucksvolle Sammlung gespeichert ist: feurig glühende Sonnenuntergänge und die Stuttgarter City im abendlichen Lichterglanz. An diesem Tag sind es dramatische Wolkengebilde, die sie animieren: „Die muss ich fotografieren.“

Weite Horizonte sind Angelika Mathae vertraut. Vor allem jene, wo Himmel und Meer miteinander verschmelzen, denn die gebürtige Pfälzerin aus Neustadt an der Weinstraße lebte als junge Frau nicht nur auf der Kanaren-Insel La Gomera, sie segelte auch mit ihrem Freund von Teneriffa aus vier Jahre lang um die Welt. „Da war ich jung und voller Tatendrang“, sagt sie und lacht. Und weil dieser Freund aus Stuttgart stammte, ist sie 1993 hier gelandet und sesshaft geworden.

Wo genau? Sie deutet auf die Schneise in Richtung Kaltental. Da ist der Horizont begrenzter. „Macht nichts, ich liebe es, einfach nur zu gucken und eine schöne Aussicht zu genießen“, sagt Angelika Mathae.

Sorgt Angelika Mathae für einen neuen Besucherrekord?

„Entschuldigung, wo liegt Ludwigsburg?“ Ein Herr vermisst die Nachbarstadt auf dem Metallrelief, das auf der unteren Plattform Orientierungshilfe gibt. Denn Andreas Kürfke aus Bautzen in Sachsen hat dort für die Ludwigsburger Firma Lotter gearbeitet. In Stuttgart ist er jetzt mit Ehefrau Regina zu Besuch. Dann stellt sich heraus, dass auch er 1956 geboren ist: „Da hätten sie gratis hochfahren und die 12,50 Euro für das Ticket sparen können“, erklärt ihm Stammbesucherin Angelika Mathae. „Aber woher sollte ich das denn wissen?“ Kürfke ärgert sich ein bisschen. Denn weder auf der Liste der Ticketpreise noch sonst irgendwo wird darüber vor Ort informiert.

„Unsere Mitarbeitenden erkundigen sich immer wieder beim Ticketkauf nach dem Geburtsjahr“, versichert dagegen Hoyo Pino von SWR Media Services. Das hat die nette Kassen-Dame wohl in diesem Fall vergessen. „Ein Manko“, kritisiert Angelika Mathae. Sie werde ihre Freifahrten so oft nutzen, dass sie wahrscheinlich die Besucherzahl dieses Jahres – normalerweise liegt sie bei 300.000 – anheben wird. Nur der nächste Vollmond-Termin am 1. Mai klappt nicht: „Da bin ich in der Pfalz.“ Der Vollmond am 31. Mai aber ist schon vorgemerkt.

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