Schmiden - Kai Vetter hat feste Laufrunden. Bevor er losjoggt, was er regelmäßig und gern macht, steckt der Sport-, Technik- und Biolehrer an der Hermann-Hesse-Realschule in Schmiden immer Handschuhe und Tüten ein. Die braucht er eigentlich auch jedes Mal, denn Kai Vetter macht auf diesen Laufrunden nicht nur Sport, er sammelt auch Müll ein, den er am Wegesrand liegen sieht. „Das mache ich schon lange so. Ich kenne die Strecken in- und auswendig und weiß ganz genau, wo der nächste Mülleimer steht. Dann ist es doch wirklich kein Problem, den Müll gleich zu beseitigen, wenn man ihn sieht.“
Die Plogging-Aktion ist eine willkommene Abwechslung im Sport-Fernunterricht
Weil das für den 51-Jährigen so selbstverständlich ist, und weil es gar nicht so einfach ist, die Schüler im Fach Sport schon so lange per Homeschooling zu unterrichten und bei Laune zu halten, hatte der Lehrer eine Idee: Wie wäre es, wenn er mit den Schülern die Trendsportart „Plogging“ ausprobieren würde – eine Mischung aus Fitnesstraining, Umweltschutz und sozialem Engagement. „Wir mussten uns immer wieder neue Ideen für den Sport-Fernunterricht einfallen lassen, da war die Aktion eine willkommene Abwechslung, die die Kinder in Bewegung bringt und Gutes tut“, sagt Kai Vetter.
Als das Wetter Mitte Februar endlich nicht mehr so winterlich war, verschickte der Lehrer die Anleitung für die neue Sport-Wochenaufgabe: So sollten die Schüler aller Klassenstufen einmal täglich ihre wetterfesten Klamotten anziehen, sich Mülltüte und Handschuhe schnappen und dann 60 Minuten locker Joggen gehen und dabei Verpackungsmüll für die gelbe Tonne aufsammeln. „Seit man bedingt durch die Pandemie nur noch Essen zum Mitnehmen kaufen konnte, hat der Kunststoffmüll stark zugenommen, umso wichtiger ist es, dass jeder mithilft, ihn zu beseitigen und dem Recycling zuzuführen“, sagt Vetter. Alle müssten füreinander da sein, nicht weggucken. „Dahin müssen wir dringend kommen, sonst wird das Müllthema noch mehr Überhand nehmen.“ Und wie kommt die neue Idee an? „Das Feedback war durchweg positiv. Klar ist, mit so einer Aktion erreichen wir nicht alle. Aber wir sind schon zufrieden, wenn wir einen Teil motiviert kriegen“, sagt der 51-Jährige, der in verschiedenen Umweltverbänden und Organisationen aktiv ist.
Schüler Ruben Leuzzi fand das Plogging anfangs peinlich
Schüler Ruben Leuzzi fand das Plogging anfangs peinlich. Zudem war er geschockt, wie viel Müll überall herumliegt. „Da gab es Schuhe, Zigaretten und vieles mehr. Schon nach 15 Minuten hatte ich eine Tüte voll. Ich musste also regelmäßig zu einem Mülleimer laufen. Mit der Zeit fand ich es gar nicht mehr so schlimm, wie ich anfangs gedacht hatte. Im Gegenteil. Es hat mir richtig Spaß gemacht“, sagt der Achtklässler und empfiehlt Plogging weiter. Schließlich helfe es der Umwelt und der Gesundheit aller. Das sieht Kai Vetter genauso. Schon vor Corona beteiligte er sich mit den Schülern an der traditionellen Putzete, und am vorletzten Schultag fand regelmäßig eine Aktion statt, bei der die Schüler den Schulweg säubern. „Ökologie ist Teil des Bildungsplans. Jetzt passt das Thema mehr denn je. Das schafft ein Bewusstsein.“ Und auch andere Organisationen und Vereine bieten Plogging an, zum Beispiel der TSV Schmiden. Die Siebtklässlerin Maya Kern findet die Aktion super und hat Kai Vetter über die Schulcloud ihre Meinung geschrieben.
Rallyes und Fotodokus sollen auch Bewegung in das Homeschooling anderer Fächer bringen
Erschreckend fand ich, wie viel Müll die Menschen achtlos in die Natur werfen. Wenn jeder etwas mehr darauf achten würde, wäre die Umwelt viel sauberer. Mein kleiner Bruder war auch begeistert, und wir haben gemeinsam gesammelt.“ Mit GPS-Rallyes, Rechercheaufgaben im Stadtgebiet, Fotodokus und vielen praktischen Aufgaben versucht die Schule auch, „Bewegung“ in den Fernunterricht der anderen Fächer zu bekommen. „Das ist wichtig, denn die langen Zeiten vor den Bildschirmen werden bei vielen Schülern Spuren hinterlassen“, sagt Kai Vetter.