Plusenergiehaus in Möhringen Wie ein Stuttgarter sein 100-jähriges Haus fit für die Zukunft macht

„Die Fassade hier polarisiert“, sagt Heinrich Welker. Auch die Balkone sind mit Solarmodulen bestückt. Foto: /Lichtgut/Ferdinando Iannone

In Stuttgart-Möhringen zeigt Heinrich Welker, wie sich ein 100-jähriges Haus auf den neuesten Stand bringen lässt. Das Mehrparteienhaus produziert jetzt mehr Energie, als es verbraucht. Von dem Energieklotz wird wohl auch die Nachbarschaft profitieren.

Klima & Nachhaltigkeit: Judith A. Sägesser (ana)

Um eines gleich vorwegzunehmen: Heinrich Welker hat das fast 100-jährige Haus nicht verwandelt, damit ihn hinterher keiner darauf anspricht. Ganz im Gegenteil. „Die Fassade hier polarisiert“, und das wollte er auch. Draußen auf dem Gehweg kommen Fragen, ein Nachbar eifert ihm sogar schon nach, und Stuttgarts Oberbürgermeister Frank Nopper hat sich den ungewöhnlichen, seit Kurzem bewohnten Energieklotz auch persönlich angesehen.

 

Drumherum ist noch Baustelle, aber die Fassade spricht eine klare Sprache. Photovoltaik so weit das Auge reicht. Insgesamt 28 Kilowattpeak werden hier in der Spitze rund ums Gebäude produziert. Die Module seien besonders effektiv, sagt Welker. Und das ist noch längst nicht alles. Das dunkle Haus, das nahe einer Kreuzung an der Vaihinger Straße in Möhringen steht, soll zeigen, „dass es funktioniert“, sagt Heinrich Welker. Einen Altbau so zu sanieren, dass er hinterher mehr Energie produziert als verbraucht.

Das Haus in Möhringen ist nicht wiederzuerkennen

Am deutlichsten wird das, wenn man die Energieausweise nebeneinander legt – vom alten und vom sanierten Haus: Früher war der Pfeil ganz rechts im roten Bereich, heute ganz links im grünen. Heinrich Welker ist Verwalter und gehört zu der Bauherrengemeinschaft, die den Umbau auf den Fildern angestoßen hat. Der Stuttgarter, dem ein Teil der sieben Wohnungen gehört, ist beruflich in der Energieberatung tätig. Das Haus in Möhringen, Baujahr 1935, das heute nicht wiederzuerkennen ist, sei aber ein privates Projekt.

„Der Plusenergiehaus-Standard im Bereich Sanierung von Mehrfamilienhäusern ist ein überaus seltenes Phänomen“, sagt Frank Hettler, der Leiter von Zukunft Altbau, ein Programm der Landesregierung zur Förderung energetischer Sanierung. „Mir persönlich ist kein Projekt wie in Möhringen bekannt, das so eine gute Dämmhülle mit sparsamer Technik und der hohen PV-Erzeugung kombiniert.“ Bei dem Haus in Möhringen könne man „in jedem Fall von einem derzeit noch einzigartigen Projekt im Gebäudebestand sprechen“.

Wand- und Deckenheizungen und Wärmepumpe

Abgesehen von der Solaranlage samt großem Speicher (160 Kilowattstunden) hat das Haus eine Wärmepumpe sowie einen Warmwasser- und Heizungsspeicher, untergebracht in einem Heizraum, der in Wahrheit ein Heizräumchen ist. Jede Wohnung hat eine Frischwasserstation und einen Hochleistungswärmetauscher sowie Wand- oder Deckenheizungen. Noch hat das umgebaute Haus keinen Winter erlebt, aber die Berechnungen sagen, dass sich das Haus durchgehend selbstversorgen kann. „An und für sich muss es reichen“, sagt Heinrich Welker.

Im Sommer produziere die Solaranlage sogar einen beachtlichen Überschuss. Die Idee sei, den Strom mehr oder weniger vor Ort direkt zu vermarkten, sagt Welker. Deshalb haben sie draußen an der Straße eine Ladesäule installiert, an der die Hausbewohner günstig ihre E-Autos laden können. Perspektivisch sollen sie eine kleine Tiefgarage mit Wallboxen bekommen, und selbst dann reiche es noch, dass die Nachbarschaft an der Ladesäule Strom zapfe. Erste Anfragen gebe es bereits.

Nur effiziente Haushaltsgeräte

Das Haus, von dessen Vorgänger noch die Mauern bis zum Fußboden des Obergeschosses stehen, kann aber nicht nur gut Energie produzieren, sondern auch einsparen. In den Wohnungen stehen etwa die effizientesten Geräte, die es auf dem Markt gebe. „Was Sie nicht brauchen, müssen Sie nicht produzieren.“ Mit allen Maßnahmen zusammen „haben wir ein normales Wohnen im Griff“. Die Mieten bewegen sich laut Welker im Rahmen des Stuttgarter Mietspiegels.

Die gesamte Investition, um aus dem fast 100-jährigen Gebäude zwischen Juni und Dezember 2023 ein Plusenergiehaus zu machen, lag bei gut einer Million Euro. „Am Anfang sind es große Investitionen“, sagt Welker. „Aber man muss langfristig denken. Ich kann versichern, es rechnet sich.“ Und da muss etwas dran sein, denn auch im Hintergebäude wird bereits gearbeitet. Der Energieklotz an der Vaihinger Straße bekommt einen Zwilling. Geplanter Einzug: Juni 2025.

Studie: Sanierung rechnet sich

Problem
Laut Umweltbundesamt sind Gebäude bundesweit für ein Drittel der klimaschädlichen Emissionen verantwortlich. Damit Deutschland bis 2050 klimaneutral wird, müssten jährlich mindestens zwei Prozent aller Altbauten energetisch saniert werden, 2023 waren es 0,7 Prozent. Die Investitionskosten liegen schnell im fünfstelligen Bereich. Weshalb beispielsweise der WWF fordert, dass der Staat Zuschüsse erhöhen und am Einkommen ausrichten sollte.

Studie
Eine neue Studie, die der WWF in Auftrag gegeben hat, kommt zu dem Ergebnis, dass sich Sanierungen langfristig rechnen. Vergleiche man über einen Zeitraum von 20 Jahren die Energiekosten für ein unsaniertes Haus mit den Investitionskosten für eine Sanierung plus den laufenden Kosten, so mache der Betrag für das sanierte Haus etwa ein Drittel aus.

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