Coronavirus, neue Flüchtlingskrise, CDU in der Krise: Deutschland sorgt sich. Da kommt ein völlig sinnfreies Format wie der Schlagabtausch zwischen Oliver Pocher und Michael Wendler gerade recht.

Köln - Vor der Liveshow sind die Fronten ziemlich klar: Mehr als eine Million Abonnenten hat Oliver Pocher bei Instagram - sein Kontrahent Michael Wendler gerade mal rund ein Fünftel davon. Bei Facebook ist der Kontrast noch deutlicher. Im RTL-Studio hingegen sind die Verhältnisse ausgewogen: Der Comedian und der Schlagersänger haben je 100 Fans zu ihrem Kampf «Pocher vs. Wendler» geladen. Es soll der Abschluss eines wochenlangen Zwists sein. Moderatorin Laura Wontorra spricht schon Anfang März vom «Duell des Jahres».

 

Nach neun Spielrunden und einem Finale gewinnt der 42-jährige Pocher am Sonntagabend deutlich gegen seinen 47 Jahre alten Gegner. Der sagt zu seiner Freundin Laura Müller: «Pech im Spiel, Glück in der Liebe». Und muss zur Strafe ein Video von Pocher drehen lassen, in dem er ihm Respekt zollt. Dann umarmen sich beide - schon zum zweiten Mal.

Das Duell hat eine Vorgeschichte

Der Kampf hat eine Vorgeschichte, an der sich allerhand ablesen lässt: Wie sich das vergleichsweise träge Fernsehen dem Tempo des Internets annähert. Wie sich Künstler dort vermarkten. Und vielleicht auch ein bisschen, wie in Zeiten von Coronavirus, befürchteter Flüchtlingskrise und CDU-Führungssuche zahlreiche Menschen nach etwas Ablenkung suchen.

Wochenlang lieferten sich die Duellanten eine Fehde aus der Ferne. Dabei war der selbst nicht allseits beliebte Pocher der weitaus Aktivere. Von Wendler hörte man eher mal Ärger und eine Klagedrohung.

Auslöser war vor über einem Monat ein Video von Müller, in dem die 19-Jährige ihrem Freund einen Pickup-Truck schenkt. Die auf Instagram veröffentlichte Schlüsselübergabe, bei der sehr oft die Wörter «Schatzi», «Baby» und «Ich liebe dich» fallen, parodierte das Ehepaar Pocher. Daraus wurde die «Wendler-Challenge», bei der schon unzählige Leute die Szene nachgestellt haben. Danach verteilte Pocher immer häufiger Spitzen gegen den «Sie liebt den DJ»-Sänger, unter anderem mit einem Musikclip in Anspielung auf die Wendler-Single «Egal», deren Kernaussage auch in der Liveshow dauernd eingespielt wird.

Pocher knackte die Million bei Instagram

Pocher nutzte die öffentliche Aufmerksamkeit. Für seine Reichweite: Bei Instagram knackte er die Eine-Million-Abonnenten-Marke. Für sich als Geschäftsmann: Mit einer neuen Firma ist er auch als Produzent an der Liveshow beteiligt. Und um Gutes zu tun: So gehören zu den Sticheleien gegen Wendler T-Shirts unter anderem mit dem Ausdruck «egal.», die Pocher herstellen lässt. Die Hälfte der Einnahmen gingen an den «RTL-Spendenmarathon» und - in Anspielung auf ihr Alter - «wegen Laura auch für „Ein Herz für Kinder“», verspricht er. Als er sein Kontingent von 100 Karten für die Show verlost, sollen Fans Belege über Spenden für einen sozialen Zweck ihrer Wahl einreichen.

Der Kölner Privatsender wiederum braucht nach Pochers Darstellung ein wenig, bis er auf den Zug aufspringt: «Zunächst habe ich RTL die Idee für die Sendung angeboten – nicht alle haben sofort Hurra geschrien», sagte er dem Branchenportal dwdl.de. «170 Millionen Interaktionen auf meinem Instagram-Profil, weitere 200 Millionen auf Facebook und Millionen Klicks und Likes zu diesem Thema sprechen allerdings eine eindeutige Sprache.» Das Thema sei in der breiten Masse angekommen. «Hätten wir uns nicht auf eine TV-Show verständigt, wären wir damit in die Arena Oberhausen gegangen.» Pocher ist medienerprobt, denkt groß und weist den Vorwurf von sich, der ganze Streit sei fingiert.

RTL baut sein Programm um

RTL hat dafür kurzerhand drei Filme aus dem Programm geschmissen und den Sonntagabend freigeschaufelt. Die Zuschauer bekommen nach der Liveshow, die fast eine Stunde länger dauert als geplant, auch noch Teile der Doku «Laura & Wendler – Total verliebt in Amerika» zu sehen. Ob sich das bei der Einschaltquote rechnet, wird sich zeigen. Konkurrenz ist etwa im Ersten ein Franken-«Tatort». Auch nutzt RTL den Zoff etwa im Vorabend-Programm bei «Exclusiv - Weekend» und lässt die Streithähne schon Freitagabend bei «Let’s Dance» aufeinandertreffen, wo Müller als eine der Prominenten mittanzt.

Knapp zehn Tage seien Zeit für die Organisation der Show gewesen, so Pocher. Ein bisschen merkt man das auch: Die Spiele sind wenig einfallsreich. Mal muss Wendler sich Wäscheklammern ins Gesicht heften, mal Pocher Gegenstände aus einem Kühlschrank erinnern. Beide schmeißen sich in überdimensionalen Hand-Kostümen auf Matten, füllen mit Schwämmen auf einem Helm Säulen mit Wasser und zerschlagen rohe Eier an der Stirn. Es gibt Fragen an ihre Partnerinnen zum Beispiel über das erste Mal und Schätzfragen etwa zum Nachwuchs eines Zuchthengstes und der durchschnittlichen Ehedauer. Auch scheint die Sendung ab und zu aus dem Ruder zu laufen, Wontorra bremst Pocher.

Das Konzept erinnert an das TV-Duell «Alle auf den Kleinen» zwischen Pocher und Boris Becker nach einem Twitter-Kleinkrieg im Jahr 2013 oder Sendungen wie «Schlag den Star». Eine, die das Ganze offenbar schon seit geraumer Zeit nervt, ist Amira Pocher, Ehefrau des Comedian. Im «Exclusiv»-Beitrag vor der Show sagt sie: «Ich bin froh, dass das ein Ende findet.» Ob dem nun so ist, bleibt abzuwarten.