Größer hätte der Kontrast nicht sein können: Im Abschlusskonzert des Podium Festivals standen sich in der Werkshalle von Russ Jesinger Automobile in Oberesslingen die tiefromantischen Klangwolken von Anton Bruckners vierter Sinfonie und die Uraufführung der „Sinfonie der Gegenwart“ gegenüber. Mit dem faszinierenden Klangereignis zwischen Werkbänken und Hebebühnen fand das Projekt „Bruckner.lab“, in dem sich seit Herbst vergangenen Jahres ein Komponisten-Kollektiv mit der Sinfonik des Romantikers auseinandergesetzt hatte, seinen Abschluss und Höhepunkt zugleich.
Das Orchester spielt ohne Dirigenten
Zunächst gab es Bruckners „Romantische“ in Reinkultur. Zeitlebens hat der wankelmütige Komponist mit seinen Kompositionen gerungen, diese immer wieder umgebaut und gelegentlich neue Sätze in die Sinfonien hineinkomponiert. Auch an seiner „Vierten“ feilte Bruckner über Jahre hinweg und arbeitete diese mehrfach um. Aus der Reihe dieser Bearbeitungen spielte das groß besetzte Ensemble reflektor die dritte Fassung aus dem Jahr 1880.
Auch heute noch begeistern die gewaltigen Klangmassen, der Drive der Musik, aber auch die filigranen Partien den Hörer. Bei der Esslinger Aufführung des Bruckner-Opus‘ wagte man ein Experiment: Das Orchester spielte ohne Dirigenten. „Es ist eine riesige Herausforderung, diesen großen Apparat zusammenzuhalten“, sagte Festival-Chef Josten Ellée, der das Ensemble vom Konzertmeisterpult aus führte. Man umschiffte die Klippen sehr achtbar: Angesichts des über 70 Minuten Aufführungsdauer durchgehenden großen Spannungsbogens trübten gelegentliche Unschärfen im Zusammenspiel und marginale Abweichungen von der Idealspur der Intonation den Hörgenuss nur unwesentlich.
Entscheidend war das feurige Spiel der jungen Instrumentalisten, mit formidablen Hornklängen, filigranem Holzbläserspiel und auftrumpfenden Blechbläserchorälen. Das gewaltige Werk voller Farben mit seinen Jagd-, Liebes- und Tanzszenen war dynamisch bis in die Feinheiten hinein ausgeleuchtet, wobei das Wechselspiel der differenziert agierenden Streicher mit der immer wieder brillant hervorstechenden Bläserfraktion dem Werk Kontur gab.
Bruckners Ausdruck der Naturverbundenheit zog sich wie ein roter Faden durch die vier Sätze, von den Hornrufen des Beginns, über ein Trauermarsch-Andante, die tänzerische Attitüde des Scherzos, bis hin zum fulminanten Finale. Hier steuerte die aus dem Nichts herauswachsende Coda mit dem ein letztes Mal erschallenden Hornruf auf einen grandiosen Höhepunkt zu: Zyklische Erfüllung und eindrucksvolle Schlussapotheose zugleich. Das beglückende Klangerlebnis wurde vom Publikum frenetisch gefeiert.
Nach der Pause änderte sich die Klangaura radikal. Als Ergebnis eines innovativen Entstehungsprozesses wurde die „Sinfonie der Gegenwart“ uraufgeführt – ein Werk, in dem ein Komponistenkollektiv den Versuch wagte, die traditionelle Sinfonik in die Gegenwart fortzuschreiben. Grundlage war Bruckners Vierte, aus der immer wieder Zitate durch den neutönerischen Notentext durchschimmerten.
Mit sehr unterschiedlichen kompositorischen Ansätzen näherten sich Maria Reich, Ying Wang, Cymin Samawatie und Ketan Bhatti sowie die Schriftstellerin Simoné Goldschmidt-Lechner der neuen Klangform. Mal bestimmten statische Klangebenen die Szene, dann wieder sorgten sich verzahnende Klangstränge für spannungsvolle Verdichtungen.
Das Publikum goutiert den Auftritt mit Standing Ovations
Cymin Samawatie, die das differenziert musizierende Ensemble reflector mit ruhigem Dirigat führte, brachte mit der Vertonung eines Gedichts im mit „Der Wind wird uns verwehen“ überschriebenen dritten Satz vokale Aktionen ins Spiel. Sphärisch schwebende neuzeitliche Klänge mischten sich mit traditioneller Harmonik, und in Ying Wangs „Cosmic Static Part 2“ ertönte die skurrile Paraphrase auf einen Militärmarsch. Mit „Bruckner Palimpsest“ schloss Ketan Bhatti die sechsteilige Satzfolge, die durch eingefügte Improvisationen eine verbindende Klammer erhielt, mit ausdrucksstarken Klängen ab.
Das Publikum goutierte den Kontrast von Tradition und dem mutigen Aufbruch zu neuen musikalischen Ufern: Es gab Standing Ovations und tosenden Applaus für die Akteure.
Das 16. Podium-Festival im Rückblick
Veranstaltungen
Zwischen dem 25. April und 5. Mai zeigte das Podium Esslingen in einer Vielzahl von Konzerten ein breites Spektrum innovativer Musik. Obwohl wegen eines Grippe-Virus zwei Veranstaltungen abgesagt werden mussten, erreichte Podium mehr als 5000 Hörende aller Altersgruppen.
Vielfalt
Den Spagat zwischen traditionellen Klängen und zeitaktueller Musik schaffte das Podium souverän: In drei Stadtteilkonzerten, 23 Festival- und sechs Schulkonzerten sowie einer Vielzahl von Minikonzerten wurde ein breites Spektrum aufgezeigt. Im Zentrum stand das innovative Projekt „Bruckner.lab“
Fazit
Gut besuchte Konzerte, begeisterter Applaus und musikalische Variationen: Das Resümee der Podium-Macher ist überaus positiv. „Ich bin glücklich, dass das Publikum dieses ambitionierte Programm mit so viel Neugier angenommen hat“, sagt Joosten Ellée, der künstlerische Leiter des Podium Festivals.