Podiumsdiskussion Religion war noch nie so öffentlich

Von Petra Mostbacher-Dix 

Studierende haben an der Macromedia Hochschule eine hochkarätig besetzte Diskussion zum Thema Integration organisiert: Auf dem Podium saßen die Islamwissenschaftlerin Bahar Yeniocak, Gökay Sofuoglu, Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, der Komiker Özcan Cosar und Muhterem Aras, Grünen-Abgeordnete im Landtag aus Stuttgart.

Was heißt Integration und wie ist sie zu gestalten, das sind zwei der Fragen auf der Podiumsdiskussion gewesen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Was heißt Integration und wie ist sie zu gestalten, das sind zwei der Fragen auf der Podiumsdiskussion gewesen. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Die Islamwissenschaftlerin Bahar Yeniocak würde den Begriff Integration am liebsten abschaffen. Gökay Sofuoglu, Bundesvorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, bevorzugt Partizipation und Teilhabe. Der deutsch-türkische Komiker Özcan Cosar braucht ihn nicht, da gutes Nebeneinander auch schön sei. Muhterem Aras, Grünen-Abgeordnete im Landtag Baden-Württemberg, ist froh, in einer Stadt zu leben, die dafür schon mehrfach ausgezeichnet wurde. Vier Muslime beschreiben in kurzen Filmen den Begriff Integration. Von Studenten gedreht, bildeten diese den Einstieg zur Diskussion „Deutschland (k)ein Weltverbesserer“ über „religiöse Integration und Islam“ an der Macromedia Hochschule.

Jeder kann eine eigene Geschichte erzählen

Deren Studierende hatten das Podium organisiert, die Idee dazu hatte die Journalistik-Studentin Natalie Diedrichs. „Das mediale Bild ist verzerrt, wir müssen aus dem Schwarz-Weiß-Denken herauskommen“, sagt sie. „Es geht weniger um die Integration von Kulturen oder Religionen als um die von Identitäten.“

Mit Yeniocak, Sofuoglu, Cosar und Aras habe sie daher vier unterschiedliche Muslime eingeladen, die eine eigene Geschichte zu erzählen hätten. Zunächst befragte Moderatorin Regina Braungart aber das Publikum. „Wie viele Muslime leben in Deutschland, eine, vier oder zehn Millionen?“ Oft weichten Einschätzung und Realität voneinander ab, so die Journalistin. Nach einer Studie überschätzten fast 70 Prozent der Menschen die Zahl der Muslime, sie glaubten, dass mehr als vier Millionen in Deutschland lebten. Und während fast die Hälfte der Befragten Angst haben, fremd im eigenen Land zu sein, seien schon 50 Prozent der Muslime diskriminiert worden. „Hier helfen Fakten“, bekräftigte Aras. Die grüne Landtagsabgeordnete spielte auf Guido Wolf an, der 2016 für die CDU gegen Ministerpräsident Kretschmann antritt. Er habe behauptet, dass Weihnachtsmärkte in Wintermärkte und der Martinsumzug in „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ umbenannt würden. „Um Stimmen zu fischen, darf man nicht Märchen erzählen, das ist unverantwortlich, schürt Ängste und schadet der Gesellschaft.“

„Noch nie ist Religion so öffentlich gewesen“

Noch nie sei Religion so öffentlich gewesen wie heute, erklärte Yeniocak. Früher habe das keinen interessiert, so die Mitgründerin von Islam Consulting, einer Agentur, die Unternehmen bei Geschäften im Orient berät. „Integration setzt eine homogene Gesellschaft voraus, doch wohin soll man sich integrieren? Wir müssen unsere Unterschiede annehmen, es ist immer nur aus Vielfalt etwas entstanden.“

Nach Sofuoglu ist es auch eine Sache der Wahrnehmung. Wenig hilfreich sei, wenn der Islam in den Medien nur in Zusammenhang mit Konflikten gezeigt werde, betonte er. Cosar ergänzte, er wolle sich nicht ständig dafür rechtfertigen, was in Syrien oder anderswo passiere. Seit 9/11 werde gefragt, warum Muslime das tun. „Ich weiß es doch auch nicht! Das machen vielleicht 0,001 Prozent.“ Im Grunde wollten alle doch in Deutschland anerkannt werden.

Während Sofuoglu Rassismus im System ausmachte – „der Heinz bekommt eher den Job“ –, betonte Aras, dass es weniger eine Sache der Ethnie denn der sozialen Schicht und Bildung sei. Statt Kindergeld zu erhöhen, müsse die Politik die Infrastruktur stärken. „Für die Familien muss etwas getan werden, wenn die Kinder ganz klein sind“, so die Steuerberaterin. „Aber: Es hat sich auch schon viel getan, zunehmend arbeiten auch bei der Polizei und in Schulen Migranten.“ Einig waren sich alle, dass es dafür Vorbilder brauche. Cosar, studierter Sportlehrer, beweise Jugendlichen, dass man es auch aus einem schwierigen Stadtteil schaffen könne.