Podiumsdiskussion zur Pflege in Stuttgart Heimträger kritisieren die Stadt und fordern einen „Pakt für Pflege“

Wie viele Pflegeplätze braucht Stuttgart? Die Meinungen gehen auseinander. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Die Heimträger fordern von der Stadt Stuttgart mehr Engagement für die Schaffung zusätzlicher Pflegeplätze. Sie kritisieren behördlichen Schwergang in der Sache. Ein „Pakt für Pflege“ soll für mehr Schwung und mehr Verbindlichkeit sorgen.

Familie/Bildung/Soziales: Mathias Bury (ury)

Dass die Sozialverwaltung der Stadt inzwischen der Auffassung ist, dass es in Stuttgart genügend stationäre Pflegeheimplätze gibt, hat unter den Heimträgern für Kopfschütteln gesorgt. Der katholische Stadtdekan Christian Hermes will nicht so stehen lassen, dass Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann (Grüne) künftig verstärkt vor allem auf ambulante Pflegeangebote setzen will und sonst offenbar „alles easy“ sei. „Das reicht politisch nicht aus“, betonte Hermes bei einer Podiumsdiskussion zum Thema Pflege, zu der die CDU-Ratsfraktion in den Hospitalhof geladen hatte.

 

Auch Ingrid Hastedt, die Vorsitzende des Wohlfahrtswerks für Baden-Württemberg, machte deutlich: Man sei in Stuttgart bei der Schaffung von Pflegeheimplätzen zwar „unglaublich erfolgreich“ gewesen. „Aber die Nachfrage ist noch stärker gewachsen.“ Inzwischen sei es aber „sehr schwer, Neues umzusetzen“, betonte die Vorsitzende des Stuttgarter Trägerforums. Dieser Meinung ist auch Bernhard Schneider, der Hauptgeschäftsführer der Evangelischen Heimstiftung. „Wir haben in Stuttgart mehr als 150 Anfragen, die wir nicht bedienen können.“ Angesichts des demografischen Wandels müsse auf dem Gebiet „mehr getan werden“.

Das sieht offenbar auch eine Mehrheit der Ratsfraktionen so. In einem breit angelegten Antrag, dessen Unterstützer vom Linksbündnis über die Fraktionsgemeinschaft Puls bis zur SPD und zur CDU reichen, fordern sie, dass die Sozialverwaltung wieder auf die alte Bedarfsberechnung zurückkehrt. Nach dieser fehlen in Stuttgart bis zum Jahr 2030 etwa 2000 stationäre Pflegeplätze.

Aus Sicht der Heimträger muss sich aber auch die Haltung der Verwaltung in der Sache ändern. In den zuständigen Ämtern herrsche „Harzigkeit und Schwergang“, kritisierte Christian Hermes. Susanne Scheck, die als Vorsitzende des Landespflegerats Baden-Württemberg an der Diskussion teilnahm, hat die Erfahrung gemacht, dass bei Bauprojekten „jedes Amt noch Auflagen draufsattelt“, die alles noch teurer machten.

Susanne Scheck beschreibt dabei ihre Erlebnisse als Vorstandsvorsitzende der Württembergischen Schwesternschaft vom Roten Kreuz. Diese betreibt im Stuttgarter Norden an der Relenbergstraße eine Einrichtung mit 42 Plätzen im betreuten Wohnen, eine Tagespflege und einen ambulanten Dienst. Bereits im Jahr 2015 wurde dort am Stammsitz der Schwesternschaft das Altenpflegeheim mit 45 Plätzen geschlossen. Nach dem ursprünglichen Zeitplan sollte an der Stelle schon nächstes Jahr ein neues Heim mit 45 Plätzen eröffnen, dazu sind 15 Kurzzeitpflegeplätze geplant und ein Hospiz für zehn Bewohner. Derzeit sei die Lage dort lediglich günstig für Eidechsen, merkte Susanne Scheck an. Die Baukosten sind inzwischen auf geschätzte 26 Millionen Euro gestiegen und die Schwesternschaft vom Roten Kreuz sucht nach Spendern für das Projekt.

Die meisten Heimträger können ähnliche Geschichten erzählen. „Es macht keinen Spaß mehr in Stuttgart“, sagte Bernhard Schneider, der sich aktuell gegen städtische Auflagen bei einem Projekt in SWeilimdorf wehrt. Zumal die Lage der Heimträger durch die stark gestiegenen Baukosten erschwert wird. Inzwischen lägen diese pro Pflegeplatz bei 215 000 Euro, erklärte der Hauptgeschäftsführer der Heimstiftung.

Vor Jahren, als es noch eine Projektförderung von Land und Stadt von 60 Prozent gab, habe die Zuzahlung der Pflegebedürftigen und ihre Angehörigen für Investitionen bei 15 Euro pro Tag gelegen, heute seien das 40 Euro. Inzwischen kämen dafür pro Monat 1200 Euro zusammen. „Da besteht Handlungsbedarf“, betonte Bernhard Schneider. Man brauche „sehr dringend wieder eine Pflegeheimförderung“, findet auch Christian Hermes.

Baubürgermeister Peter Pätzold (Grüne) müsste den Trägern eigentlich „die Tür aufhalten“, meint nicht nur Bernhard Schneider. Stattdessen werde man „wie Bittsteller behandelt“, kritisierte Stadtdekan Hermes. Dabei schätzen die Träger durchaus, dass Sozialbürgermeisterin Alexandra Sußmann erklärt habe, sie wolle die Sozialplanung künftig „kooperativ angehen“, wie Florian Bommas, der Geschäftsführer Diak Altenhilfe, kürzlich sagte, obwohl er zu den vehementen Kritikern der neuen Statistik in der Kreispflegeplanung gehört. Auch die Moderatorin der Podiumsdiskussion, die Vizepräsidentin des Deutschen Pflegerats, Annemarie Fajardo, sagte, Stuttgart sei etwa durch seine kommunale Pflegekonferenz im Vergleich „sehr weit“.

Stadtdekan Christian Hermes ist das alles aber zu unverbindlich. Es gehe nicht nur darum, „ein sehr gutes Papier“ zu produzieren, sondern um dessen Umsetzung. „Sonst laufen wir in einen Pflegenotstand“, warnte Hermes. Er wünscht sich, OB Frank Nopper (CDU) „wäre sozialpolitisch interessierter, als er es ist“. Denn der Stadtdekan ist überzeugt: „Wir brauchen eine Pakt für Pflege“, wie es dies auch in anderen Bereichen gebe. Bernhard Schneider stimmte ein: „Die Träger wären dabei.“

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