„Super interessant war’s. Aber leichter ist die Wahl jetzt nicht unbedingt“: Dieses Fazit, das eine Besuchergruppe nach zwei Stunden intensiver Podiumsdiskussion im Kornwestheimer Martinisaal zieht, als sie das Gehörte draußen rekapituliert, können wohl viele Zuhörerinnen und Zuhörer unterschreiben. Die Veranstaltung unserer Zeitung, mit 300 gespannten Menschen komplett ausgebucht, ließ fünf Kandidaten im direkten Austausch nochmals Kontur gewinnen. Geht man von dem Abend aus, ist es wohl keine allzu steile These, dass sich eine Trias mit konkreteren Chancen für die Nachfolge von Oberbürgermeisterin Ursula Keck abzeichnet. Bedenkenswerte Beiträge lieferte indes jeder ab.
Wer diskutierte mit? Auf dem Podium saßen Stefan Duscher (parteilos), Zennure Funke-Ulusoy (parteilos), Nico Lauxmann (CDU), Markus Kämmle (Freie Wähler) und Kadir Koyutürk (Grüne, ruhende Parteimitgliedschaft). Durch den Abend führte Karin Götz, die Leiterin der Gemeinschaftsredaktion Kreis Ludwigsburg der Stuttgarter Zeitung / Stuttgarter Nachrichten / Marbacher Zeitung / Kornwestheimer Zeitung. Sie fokussierte sich auf die Themen Innenstadt, Flächenversiegelung und Bürgerschaftliches Engagement und kitzelte auch Antworten auf unangenehme Fragen heraus. Etwa, warum Duscher im Flyer die Mitbewerber mit Seitenhieben bedenke („Menschlich hab’ ich alle meine Mitbewerber lieb, aber wir sind im Wahlkampf, nicht im Wahlkuscheln“) oder ob Koyutürk Teil der Gülen-Bewegung in Deutschland sei („Nein, bin ich nicht“). Bei den „Ja-oder-Nein“-Fragen seufzte Kämmle bei der Wahl „Auto oder Fahrrad“: „Ich hab’ Sie auch schon mal lieber gehabt, Frau Götz.“
Warum waren es nur fünf Gäste? Nicht auf dem Podium mit dabei war der Bewerber Thomas Hornauer. „Wir wollen eine inhaltliche Diskussion führen und haben die aussichtsreichsten Kandidaten eingeladen. Wir hoffen, Sie finden es richtig, wie wir gehandelt haben“, sagte Uwe Reichert, Leiter regionale Koordination Zeitungsgruppe Stuttgart GmbH, direkt bei der Begrüßung. Applaus brandete auf. Der selbst ernannte „König“ signierte derweil, umschwirrt von einer Gruppe jugendlicher Tiktok-Fans, vor dem Saal seine Wahlkampfplakate und tat seine Ansichten kund. Auch Fridi Miller, die mangels der benötigten Wählbarkeitsbescheinigung nicht kandidieren durfte, war vor Ort und verteilte Flyer.
Haben die Kandidaten Wahlberater? Sie lasse sich von Familie und Freunden beraten, erklärte Zennure Funke-Ulusoy. Ohne professionellen Wahlberater agieren nach eigener Aussage auch Markus Kämmle, Stefan Duscher und Kadir Koyutürk. „Teilweise – für die Dinge, die ich nicht selbst kann, wie Flyer und ähnliches“, so Nico Lauxmann.
Wie wird die Innenstadt attraktiver? Was konkret die Innenstadt ist – Bahnhofstraße, Güterbahnhofstraße, Johannesstraße? – , dazu gab es keine einheitliche Festlegung. Mehr Bänke, mehr Schatten – das war allerdings konsensfähig. Koyutürk fand, eine autofreie Güterbahnhofstraße sei durchaus eine mehrmonatige Pilotphase wert; mit einem Wirtschaftsförderer mit entsprechend ausgestatteter Kompetenz könne man sich um einen besseren Branchenmix bemühen, inklusive Pop-Up-Geschäften mit regionalen Produkten: „Wir müssen mal etwas mutig sein!“ Auch Lauxmann kann sich einen Verkehrsberuhigungs-Modellversuch vorstellen: „Der Wunsch der Bürgerschaft ist relativ eindeutig, aber bei den Einzelhändlern spüre ich viel Angst.“ Kornwestheim brauche andere Strukturen in der Wirtschaftsförderung und ein Citymanagement. Für Kämmle ist es hingegen das Höchste der Gefühle, „abends und an den Wochenenden ab Nachmittag“ Autos zu verbannen. „Zum Flanieren bräuchten wir die Geschäfte. Die kriegen wir nur, wenn wir selbst anmieten und steuern können, dass nicht der zigste Döner, Friseur oder Bäcker kommt.“ Man brauche mehr Begegnungsräume für alle Generationen, auch ohne ein Gastro-Angebot nutzen zu müssen, so Funke-Ulusoy. Flanieren? Nur im Sommer nett, so Duscher. „Und wenn man flanieren will, ohne dass man sich die Füße bricht, müsste man mal die Straßen genauer anschauen.“
Soll Kornwestheim wachsen? Und wo? „Kornwestheim ist verdichtet genug, wenn Wachstum, dann in der Fläche“, so Funke-Ulusoy. Ohne Infrastruktur wie ausreichend Kitaplätze mache das aber keinen Sinn. „Wohngebiet Zügelstraße durchziehen, Vorsicht mit Innenstadtverdichtung“, so Duscher. Es gebe eh „kleinkriegerische Verhältnisse“ wegen zu weniger Parkplätze an Mehrfamilienhäusern. Lauxmann erklärte: „Schwerpunkt Innenstadtverdichtung, wenn neue Wohngebiete, dann klimaneutral.“ Die Zeit des Wachstums um des Wachstums willen sei vorbei, aber es solle auch kein Kornwestheimer wegziehen müssen, weil er keinen Bauplatz vor Ort finde. Koyutürk ist für „Qualität auf eigenen Flächen“ mit Objekten, die die Faktoren soziales und bezahlbares Wohnen berücksichtigen – und für Raum für Häuslebauer mit ökologischen und klimafreundlichen Projekten. „Kein Wachstum um jeden Preis“, so Kämmle, „aber Innenstadtverdichtung ist auch endlich, man kommt jetzt schon fast nirgends mehr durch.“ Die im Flächennutzungsplan avisierten Erweiterungsmöglichkeiten Ost IV, Südliche Bolzstraße und Nördlich Obstgarten will erst mal kein Kandidat antasten.
Was bewegt die Jugend? Gymnasiasten mit Gemeinschaftskunde-Schwerpunkt konfrontierten die einzelnen Kandidaten noch mit Fragen zur Sanierung von Sporthallen (Tenor: Ist geplant, hängt aber am Geld und am Personal), zur Jugendbeteiligung (Lauxmann unterstützt einen Jugendgemeinderat mit Budget und Rederecht im Gemeinderat, Funke-Ulsoy findet, Kommunalpolitiker sollten auch gezielt in Schulen gehen und dort mit den Jugendlichen ins Gespräch kommen) und zur Digitalisierung (Lauxmann würde alle Schüler mit Tablets ausstatten und die Wartung dafür bei der Stadt ansiedeln, Kämmle stimmte zu, setzte aber bei der Finanzierung Fragezeichen). Bürgerschaftliches Engagement und Vereine wollen indes alle fördern – und etwa darüber nachdenken, ob man für das kaum erschwingliche Kongresszentrum „Das K“ den Vereinen mehr Sonderkonditionen einräumen kann.
Und zum Schluss? Das Publikum nutzte trotz Hitze eifrig die Zeit für Fragen– jeweils eine konnte an einen Bewerber gestellt werden. Wie sie zu E-Scootern stehen, wie man mehr Jugendtrainer finden oder mehr regionale Zuganbindungen generieren kann: Das und mehr wollten die Zuschauer wissen. Und sie mahnten, dass Pattonville nicht vergessen werden dürfe.
Wahlstudio mit Live-Stream
Die Wahl
Die Nachfolgerin oder der Nachfolger von Ursula Keck wird am Sonntag, 25. Juni, gewählt. Insgesamt 24 312 Personen sind wahlberechtigt. Sollte eine Neuwahl notwendig sein, findet sie am Sonntag, 9. Juli, statt.
Der Stream
Am Wahlsonntag, 25. Juni, berichtet unsere Zeitung mit einem Wahlstudio direkt aus dem Kornwestheimer Rathausfoyer. Es wird Gespräche mit Bewerbern, mit Vertretern der Kommunalpolitik und der Stadtgesellschaft geben. Der Livestream wird über die Homepage von Stuttgarter Nachrichten/Stuttgarter Zeitung abrufbar sein. Die Zuschauer können am Bildschirm mitverfolgen, wie die Ergebnisse aus den 24 Wahlbezirken und sieben Briefwahl-Bezirken einlaufen. Die Stadtverwaltung schätzt, dass ein Großteil der Wahlbezirke bis 19.30 Uhr ausgezählt sein wird und das Ergebnis etwa um 20 Uhr vorliegt.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Berichts war der Kandidat Kadir Koyutürk aus technischen Gründen nicht zu sehen. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.