Warum braucht es auch bei uns eine Reaktion auf den Angriff der Hamas auf Israel? Dieser Leitfrage haben sich unter dem Titel „Frieden im Nahen Osten und der Kampf gegen den Antisemitismus“ am Montag die Teilnehmer eines Podiumsgesprächs im Filderstädter Ortsteil Bernhausen gestellt. In der letzten Oktoberwoche vergangenen Jahres wollte Filderstadts Oberbürgermeister Christoph Traub eigentlich nach Givatayim reisen, der Partnerstadt des Landkreises Esslingen in Israel. Aus der Reise der Delegation wurde nichts, der Angriff der Hamas am 7. Oktober machte die Pläne zunichte: „Aufgrund der Sicherheitslage mussten wir absagen“, berichtete Traub am Montagabend im gut gefüllten großen Saal der Filharmonie in Bernhausen.
Was der Filderstädter Rathauschef Christoph Traub mit diesem persönlichen Erlebnis in Zusammenhang mit dem aktuellen Nahostkonflikt zum Ausdruck bringen will: Auch in Filderstadt und in anderen Städten und Gemeinden des Landkreises Esslingen leben viele Menschen mit familiären und beruflichen Beziehungen nach Israel.
Ein wichtiger Grund, aber natürlich nicht der einzige, weshalb es jetzt viele Menschen mit großer Sorge erfüllt, dass der Antisemitismus seit dem Terroranschlag der Hamas überall auf der Welt, aber eben auch hierzulande, breit zutage tritt. „Der Nahostkonflikt hat eine Komplexität erreicht, die wir auch in unserer Stadtgesellschaft aufarbeiten müssen“, beschreibt Traub gleich zu Beginn der Veranstaltung die Ausgangslage. „Es braucht darauf eine Reaktion.“
Platz genommen auf dem Podium haben an diesem Abend neben dem Oberbürgermeister der Beauftragte der Landesregierung gegen Antisemitismus, Michael Blume, Kenan Batman von der Alevitischen Gemeinde in Filderstadt sowie der Historiker und Orientalist Matthias Hofmann. Blume analysiert, dass wir in unserer Gesellschaft aktuell zwei große Krisen gleichzeitig erleben, die mitverantwortlich für die aktuelle Entwicklung sei: eine mediale sowie eine fossile Krise. Propaganda, auch aus anderen Ländern, werde über die sozialen Medien ungefiltert geschürt.
Umgekehrt verlören die klassischen Medien, so Blume, an Bedeutung. Das Ergebnis: „Die Gesellschaft wird durch die Medienkrise zunehmend polarisiert.“ In Bezug auf die Auswirkungen unseres eigenen Gas- und Ölkonsums erklärte Blume, dass dieser die Konflikte im Nahen Osten mitfinanziere: „Was wir alle tun können: weg von Öl und Gas“, so der Antisemitismusexperte. „Mit jedem Liter finanzieren wir die Kriege mit.“
Dass es im Rahmen des aktuellen Konflikts gleichwohl möglich bleiben müsse, auch die israelische Politik zu kritisieren, unterstrich der Historiker Matthias Hofmann. „Wenn etwas schief läuft, muss man es benennen.“ Hofmann plädierte dafür, die Vielfalt der seriösen Sichtweisen wahrzunehmen. So bewerteten zum Beispiel ausländliche Zeitungen außenpolitische Fragen zum Teil völlig anders als deutsche.
Über Remigration sprechen und Deportation meinen
Auf die Frage von Moderatorin Juliane Langer, wie dem Antisemitismus gerade bei jungen Menschen entgegnet werden könne, unterstrich Traub die Bedeutung der Aufklärungsarbeit über die deutsche Geschichte in den Schulen: „Dann wissen die Schüler zum Beispiel auch, wenn sich Menschen im Geheimen in Potsdam treffen und über Remigration sprechen, dass sie dann im Grunde Deportation meinen.“
Um den Hass gegen das Fremde zu bekämpfen, spricht sich Blume unter anderem dafür aus, dass Kinder und Jugendliche im schulischen Religionsunterricht nicht nur die eigene Konfession, sondern möglichst früh die Vielfalt der Religionen kennenlernen sollten.
Ins selbe Horn stößt der Historiker Matthias Hofmann, der vom Erlernen der Toleranz spricht und dabei unterstreicht, dass diese nie eine Einbahnstraße sein dürfe. „Wir müssen bei den Kindern anfangen. Das gilt in Israel und Palästina genauso wie bei uns.“
Kenan Batman beschreibt dasselbe sehr bildhaft mit anderen Worten: „Jeder Mensch hat zwei Wölfe in sich“, zitiert der Alevit eine Geschichte aus seiner Heimat Anatolien, „einen guten und einen bösen.“ Wer von den beiden wächst, hänge davon ab, welchen man füttert.