Poker-Dealer Daniel Zimnik Der Herr über die Karten
Schiedsrichter, Kartenmischer, Glücksbringer, Moderator: Beim Pokern ist Daniel Zimnik der wichtigste Mann.
Schiedsrichter, Kartenmischer, Glücksbringer, Moderator: Beim Pokern ist Daniel Zimnik der wichtigste Mann.
Stuttgart - Er könnte in dem Outfit auch zum Sport gehen oder zum Grillfest: kurze, schlackernde Hosen, blaue Espadrilles, schwarzes Hardrock-Café-Shirt. Bequem ist gut, findet Daniel Zimnik. Schickimicki ist nichts für ihn. Und für den Job, den er heute zu erledigen hat, auch nicht von Bedeutung. „Ich arbeite ja nicht im Casino“, sagt er, „dort sind Hemd und Krawatte oder Fliege natürlich Pflicht.“
Zimnik ist ein sogenannter Pokerdealer. Anfangs haben seine Freunde den Dealerwitz fast täglich rausgehauen. „Koks, Hasch? Haha, was vertickst du denn heute?“ Lange her. Zimnik macht den Job seit mittlerweile zehn Jahren. Er ist der wichtigste Mann am Poker-Tisch. Der Herr über die Karten. Glücksbringer. Moderator. Er gibt den Ton an und die Karten aus. Weil er, wenn er selbst Turniere spielt, zwei Schweinefiguren als Glücksbringer bei sich hat, wird er von allen nur noch Schnitzel genannt.
Es ist Montagabend, 19 Uhr. Wie jede Woche gibt es in der Stuttgarter Stadtmitte ein Live-Poker-Turnier. Mehrmals in der Woche treffen in einem Altbau in der Kriegsbergstraße zwischen 20 und 30 Spieler aufeinander. Im selben Gebäude residiert der Club Kowalski. Der Hauptbahnhof ist gleich gegenüber, um die Ecke rauscht der Verkehr. Eine blaue Stahltür führt ins „Nuts“, eine kleine Welt für sich. 150 Quadratmeter, eine Mischung aus Vereinsheim, Hobbyraum und Gemeindezentrum. Die Wände orange, Pflanzen auf den Fenstersimsen. Pokale reihen sich auf der Theke aneinander, im Kühlschrank stehen Bier und Cola bereit. Ein wandfüllendes Bild zeigt Las Vegas bei Nacht. Schnitzel war schon zweimal dort. Ein drittes Mal war geplant, aber dann kam Corona.
Langsam trudeln die ersten Pokerspieler ein. „Hi Schnitzel, alles klar?“ Man kennt sich, der Pokerdealer ist hier keine Autorität, der man mit Distanz begegnet wie den Croupiers in den Casinos. Der 42-Jährige ist in die Vorbereitungen vertieft. Er checkt Karten und Chips, stapelt alles ordentlich vor sich. Geld ist heute für die Spieler nicht zu holen. Es geht um den Platz in der Rangliste, der Gewinner bekommt ein Turnierticket für ein größeres Pokerevent in Tschechien. Der Einsatz ist mit 15 Euro ohnehin gering.
Schnitzel ist ein alter Hase. Man merkt es daran, wie er mit wenigen geschmeidigen Bewegungen die Karten mischt und sie rasend schnell zentimetergenau in Richtung Spieler schnipst. Geredet wird wenig. Lediglich Schnitzel kommentiert. Jetons setzen – check – raise – fold. Bezahlen – weitergeben – erhöhen – passen. „Dealen ist Übungssache“, sagt er. „Je länger man dabei ist, desto besser wird man.“ Dass Schnitzel den Job macht, ist nicht selbstverständlich: Seine Sehkraft beträgt gerade mal 20 Prozent. Deshalb hat er sich erst gar nicht bei den Spielbanken beworben. „Ich würde beim Roulette die Zahlen nicht erkennen.“ Die Sehbehinderung hat er vom Vater geerbt. Setzt er seine Brille ab, wird alles unscharf. Mit Brille sieht er zwar nicht wesentlich besser, aber wenigstens scharf. Dass es hier beim Livepoker trotzdem sehr gut funktioniert, liegt daran, dass er die Chips anhand der Farben auseinanderhalten kann und die Zahlen auf den Karten groß sind. Auch seine Erfahrung kommt ihm zugute. „Ich hab ein Gespür für das Spiel, weiß schon vorher, welche Kombinationen folgen könnten.“
Die Spieler, die mit Schnitzel am Tisch sitzen, zeigen nicht die kleinste Regung. Der Begriff Pokerface bekommt hier ein Gesicht. Bloß nicht in die Karten schauen lassen. Ümit geht auf Nummer sicher. Er trägt eine Sonnenbrille. „Wenn man sich besser fühlt, spielt man besser.“ Er ist Bauleiter und erzählt, dass ihm ein Profiler bei der Polizei erklärt habe, wie man Menschen lesen kann. Er mag den Wettkampfgedanken. Früher hat Ümit oft Fußball gespielt. Beim Pokern hat er gelernt, „dass diejenigen weiterkommen, die geduldiger sind, sich weniger aus der Bahn werfen lassen“. Und: Dass im Vorteil ist, wer Ruhe ausstrahlt und mit Rückschlägen genauso umgehen kann wie mit Momenten der Euphorie. Kompetenzen, die man auch sonst gut brauchen kann im Leben.
Poker ist eine Männerdomäne. Es geht ums Bluffen, um Mathematik, Taktik und Risikobereitschaft. Anfänglich war Pokern vor allem von Kriminalität geprägt. Ende des 19. Jahrhunderts galten Glücksspiele in den USA als illegal. Also ging es in Hinterhöfen zur Sache. Pokerlegende Doyle Brunson sagte über diese Zeit: „Zuallererst musste man aufpassen, nicht von der Polizei geschnappt zu werden, dann musste man darauf achten, beim Spielen nicht betrogen zu werden. Hatte man gewonnen, war es oft nicht so einfach, an sein Geld zu kommen. Hatte man all das geschafft, musste man noch aufpassen, nicht überfallen zu werden.“
Stephan Kohlstetter, Veranstalter der Live-Poker-Turniere in Stuttgart, bedauert, dass dem Spiel noch immer ein Zockerimage anhängt. „Viele kennen Poker nur aus Westernfilmen. Da wird in einer dunklen Ecke gespielt, grundsätzlich betrogen und am Ende einer erschossen.“ Für ihn ist Poker ein spannendes Strategiespiel, in dem Können und Selbstbeherrschung eine größere Rolle spielen als Glück. Ein Sport ähnlich wie Schach, den viele Menschen als Hobby betreiben. Kohlstetter schätzt die Zahl der Pokerspieler in Deutschland auf vier Millionen.
In Stuttgart bluffen Banker und Lehrer, Gastronomen und Handwerker. Sofie, 36, ist heute eine von zwei Frauen. Sie ist vor vier Jahren von China nach Stuttgart gezogen, der Ehemann wartet mit den Söhnen zu Hause. Was sie fasziniert am Pokern? „Dass alles möglich ist.“ Sie träumt davon, dass ihre Kinder sie eines Tages als Spielerin im TV sehen können. Über die Konkurrenten am Tisch sagt sie: „Sie sind Familie.“
Auch Schnitzel hat beim Pokern gute Freunde gefunden. Natürlich kennt er auch die andere Seite – als Teilnehmer. Als der Fernsehsender DSF regelmäßig die Poker-Turniere der World Series of Poker übertrug, ließ er sich vom Boom anstecken. 2008 war das. „Ich mag alles, wo man seinen Ehrgeiz reinpacken kann, Brettspiele, Kegeln, Billard und Fußball.“ Die Pokerregeln hatte er schnell drauf. Auch wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, zu gewinnen, fand er schnell heraus. Nur wenige Monate nach seiner Premiere siegte er bei einem Weihnachtsturnier. Der Preis: die erste Reise nach Las Vegas. Als größten Erfolg wertet er den sechsten Platz bei einer Turnierserie mit 500 Spielern. 3200 Euro hat er damals gewonnen. In Tschechien war er auch schon dabei, „da kann der Sieger auch mal mit 40 000 Euro nach Hause gehen, unter bestimmten Voraussetzungen auch mit deutlich mehr“.
Nachdem Schnitzel 2010 nicht so erfolgreich war, zog er die Reißleine und ließ sich zum Pokerdealer ausbilden. „Ich wollte die Gemeinschaft nicht missen. Da sind so nette Leute dabei. Ich sag immer: Das ist meine Hobby-Arbeit, weil’s mir so viel Spaß macht.“ Maximal zwei- bis dreimal im Monat pokert er noch selbst. Als Dealer ist er zwei- bis dreimal die Woche im Einsatz, oft bis spätnachts. Nicht nur in Stuttgart, auch in Heilbronn wird er regelmäßig gebucht. Die Arbeitszeiten machen ihm nichts aus. Schnitzel ist ledig, Single, kinderlos. Zu Hause wartet niemand auf ihn. Vom Honorar – er verdient zwischen zehn und 13 Euro die Stunde – kann er nicht leben. Deshalb bleibt das Dealen ein Nebenjob. Sieben Jahre war er als Küchengehilfe angestellt. Zurzeit ist er arbeitssuchend, hat in einer Kantine einen Job in Aussicht. Gelernt hat er etwas anderes: Verwaltungsfachangestellter.
Beim Turnier im „Nuts“ geht es gesittet zu. „Alle spielen diszipliniert“, sagt Schnitzel in der ersten Pause. Dass mal gemeckert wird über den Dealer, sei normal. „Es ist so: Haben sie gewonnen, haben sie gut gespielt. Haben sie verloren, ist der Dealer schuld.“ Er lacht. Vier Stunden liegen noch vor ihm.
Der Abend verläuft ruhig wie bei einem Treffen unter Freunden. Wo mehr Geld ins Spiel komme und schwierige Charaktere aufeinanderträfen, könne es aber schon mal anstrengend werden, sagt Stephan Kohlstetter: „Bei jeder Runde gibt es schließlich sieben Verlierer.“ Der Turnierveranstalter, der selbst Pokerdealer schult, weiß, dass es nicht ausreicht, die Regeln zu beherrschen: „Der Dealer muss sympathisch rüberkommen und sensibel sein, souverän und selbstbewusst. Er muss in der Lage sein, die Regeln durchzusetzen – auch wenn da sein bester Kumpel sitzt.“
Um kurz nach Mitternacht ist das Turnier vorbei. Schnitzel nimmt die letzte Bahn nach Hause Richtung Filderstadt. 20 Euro Trinkgeld hat er bekommen. Das Geld sei ihm nicht so wichtig, sagt er. Es ist die Gemeinschaft, die ihn lächeln lässt. Nächste Woche werden die Karten wieder neu gemischt.