Sie setzt sich an ihren Yamaha-Flügel. Poldy Tagle tut dies auf ausdrücklichen Wunsch des Fotografen. Während er mit der Kamera direkt neben ihrer Tastatur hockt, hat sie sich komplett in ihr Spiel versenkt. Ein magischer Moment, ein Augenblick absoluter Konzentration. Die Macht der Musik entfaltet sich. Plötzlich tun sich in diesem kleinen Zimmer durch dieses spontane Piano-Intermezzo weit offene Landschaften vor dem inneren Auge des Zuhörers auf. Die Ohren sind gespitzt. Und die Seele macht einen Luftsprung. Als ob gerade Friedrich Hölderlins unvollendetes literarisches Vermächtnis „Der Gang aufs Land“ musikalisch neu interpretiert würde: „Komm, ins Offene, Freund!“
Poldy Tagle liebt das Freie und Offene. Über den eigenen Tellerrand hinaus zu schauen, das versucht sie auch ihren Musikschülern und Musikschülerinnen mitzugeben. „Wichtig ist mir, dass es ein offener Unterricht ist.“ Sie selbst ist musikalisch zwischen ganz verschiedenen Kulturen und Kontinenten groß geworden: „In Santiago de Chile, wo ich herkomme, wurde ich klassisch am Klavier ausgebildet“, sagt die 63-Jährige. Schon als Kind bekommt sie Musikunterricht. Ihr Vater ist Orchestermusiker, Komponist und Pädagoge: „Er war ein großer Bewunderer der deutschen Musik“, berichtet die Pianistin, die in der Stuttgarter Region in zahlreichen Ensembles mitwirkt. „Mein Vater redete immer mit Hochachtung von den drei großen B’s: Damit meinte er Bach, Beethoven und Brahms“, erklärt sie. Poldy Tagles Mutter liebt dagegen die Oper, hört gern Tschaikowski und ist zeitlebens auch der Tanzmusik zugetan.
Fast alles in der Ausbildung dreht sich um die Musik
So wächst Poldy Tagle in einer Musikerfamilie mit den Werken europäischer Komponisten auf, aber auch mit der Liebe zur Volksmusik Lateinamerikas. „Mit 13 Jahren kam ich an die Hochschule in der Hauptstadt. Wir hatten dort ab der 6. Klasse vier Mal pro Woche nachmittags Musikunterricht neben dem normalen Unterricht.“ Sie geht auf das Instituto de Estudios Secundarios (Isuch). Das Isuch gehört zur Kunstfakultät der Universidad de Chile und fördert hochbegabte Musiker und Musikerinnen bereits in der frühen Jugend: „Fast alles drehte sich in meiner Ausbildung um die Musik.“
Gleichzeitig erlebt Tagle damals die bleierne Zeit der Diktatur in Chile. 1973 entmachtet die Militärjunta die demokratisch gewählte Regierung von Salvador Allende und bombardiert mit der Luftwaffe den Präsidentenpalast. Auch in Argentinien terrorisiert ab 1976 das Militär das Volk. Kritische Kulturschaffende und Oppositionelle werden verfolgt, inhaftiert, gefoltert oder auch getötet: „Viele Menschen sind damals in Chile einfach verschwunden. Es war eine dunkle Zeit. Einige Opfer der Militärdiktatur werden in Chile immer noch von den Hinterbliebenen gesucht, genauso wie auch in Argentinien“, berichtet Tagle.
Der südamerikanische Tango mit all seinem Schmerz und der Trauer ist unter dem Pinochet-Regime auch eine Stimme der Unterdrückten: „In der Zeit der Diktatur hat diese Musik auch politisch eine sehr wichtige Rolle gespielt“, sagt die Pianistin. Mitte der 1980er Jahren kommt sie nach Deutschland. Selbst in der Gemeinschaft der Exil-Chilenen habe es eine politische Spaltung gegeben, berichtet sie. Aber Tagle lässt sich als freischaffende Musikerin weiter von der Folklore Lateinamerikas und dem Tango inspirieren. Sie pflegt ihre Wurzeln. Und sie entwickelt und schreibt mit Mitstreitern in verschiedenen Ensembles wie Litero Música oder auch in dem Frauenchor Coro mi Canto, den sie 2014 gründet, zu dem Thema musikalische Programme. „Bei uns im Chor sind viele Nationalitäten vertreten, auch aus Polen und Finnland kommen Frauen. Aber die Lieder singen wir alle auf Spanisch.“
Tagle verbindet Tango und Poesie
Dieser interkulturelle und weltmusikalische Ansatz ist ihr sehr wichtig. Auch mit der Regisseurin und Intendantin Edith Koerber von dem Theater Tri-bühne in Stuttgart arbeitet sie immer wieder zusammen, genauso wie mit dem Esslinger Schauspieler, Erzähler oder Moderator Michael Stülpnagel oder der Tango-Sängerin Julieta Anahi Frias: „Kommendes Jahr machen wir eine Hommage an Mercedes Sosa“, berichtet sie. Die argentinische Sängerin gehört zu den bekanntesten politischen Liedermacherinnen Südamerikas. Sosa sprach sich stets gegen Diktatur und Krieg aus. Und setzte sich für die Existenzrechte der unterdrückten indigenen Bevölkerung ein. „Mir ist es sehr wichtig, dass die Texte der Lieder und die Gedichte solcher Programme exakt ins Deutsche übersetzt werden“, betont Tagle. Diesen Part übernehme ihre Tochter, die hier Linguistik und Philosophie studiert habe, erklärt die Pianistin und Arrangeurin.
Tagle verbindet Tango und Poesie. Sie bringt sogar diesen Pulsschlag Lateinamerikas ins evangelische Gotteshaus. Als Korrepetitorin erarbeitet sie momentan für die Fellbacher Lutherkirche eine Tangomesse, der Komponist kommt aus Buenos Aires. „Das wird ein großes Projekt, ein Termin steht noch nicht fest“, sagt die Musikerin. Über ihrem schwarzen Flügel in der Fellbacher Wohnung hat die Pianistin eine bunt gewebte Decke gelegt: „Das ist ein Stoff der Mapuche“, erklärt sie. Mit der Geschichte des indigenen Volkes aus ihrer alten Heimat hat sie sich sehr beschäftigt. Das Programm „Raigambre“, was übersetzt Wurzelwerk heißt, ist auch daraus entstanden. Das Thema ist aktuell. Denn auch in einigen Ländern Lateinamerikas sei der Rassismus – ähnlich wie in Europa - stark auf dem Vormarsch: „Und das führt dazu, dass Minderheiten und Ethnien diskriminiert werden.“
Dabei ist der gesamte Kontinent im Grunde prädestiniert für ein respektvolles Miteinander der Kulturen. Denn in Südamerika vermischen sich wie in einem großen Schmelztiegel durch die Kolonisation und die Migration die ureigenen lateinamerikanischen Einflüsse mit Rhythmen, Stilrichtungen und Melodien sowohl aus Afrika wie aus Europa: „Ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist, auf diese Verbindungen in der Musik auch hierzulande aufmerksam zu machen. Denn solche Einflüsse bereichern die Musik. Durch die Fusion entsteht etwas Neues“, erläutert die chilenische Pianistin und Musikerzieherin, die sich auch als kulturelle Brückenbauerin sieht.
Doch stattdessen gebe es hier wie dort noch viele Abgrenzungsfanatiker, auch in der Musik. Da blicken dann die Klassikliebhaber von den Zinnen ihres Elfenbeinturmes auf die Niederungen der Rockmusik herab oder Jazzer rümpfen ihre Nase über Rapper: „Ich bin gegen solche Schubladen, denn ich erlebe Musik ganz anders“, sagt die 63-jährige Pianistin. „Die Kunst ist doch, die Seele einer Musik zu spüren – ganz egal wie komplex oder einfach ein Stück ist.“