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Polen Danzig: Ein Aufbauwunder

Von Andreas Burkhardt aus Danzig 

Danzig kam im Zweiten Weltkrieg gnadenlos unter die Räder. Doch heute ist die Heimatstadt von Günter Grass wieder vollkommen schön.

Vom Wasser aus präsentiert sich die Danziger Altstadt in ihrer ganzen Schönheit mit der Johanneskirche (rechter Turm) und der Marienkirche (Mitte).  Foto: Burkhardt
Vom Wasser aus präsentiert sich die Danziger Altstadt in ihrer ganzen Schönheit mit der Johanneskirche (rechter Turm) und der Marienkirche (Mitte). Foto: Burkhardt

Danzig - Armes Oskarchen! Da sitzt er nun mit seiner Trommel vis-à-vis einem Brunnen auf einem öden Platz im Vorort Langfuhr. Allein. Ganz still. Kein Schrei. Keine Gefahr. Keine mit Formalin gefüllten Gläser voller Embryonen, die berstend vom Arztschrank stürzen. Keine Standuhren, Fenster oder Lehrerbrillen, die zersplittern. Oskar wirkt wie abgestellt. Nicht einmal sein geistiger Vater Günter Grass leistet ihm Gesellschaft. Der wollte nicht zu Lebzeiten schon zum Denkmal werden. „Baut lieber Klos ein in die Häuser meiner Jugend, statt mich in Bronze zu gießen“, soll er den Stadträten entgegengegrummelt haben. Eine Galeone segelt durch den Hafen und schindet Eindruck, vorbei am mittelalterlichen Krantor und den nach Bigos (Eintopf) duftenden Garküchen, vorbei an den unzähligen Werften, gegen den Wind und alle Widersprüche. Aus den Stückpforten ragen Kanonen. Klar zum Gefecht, scheinen sie zu rufen.

Ziel des eigentümlichen Dreimasters ist die Westerplatte, eine zwischen dem Fluss Mottlau und der Ostsee gelegene Halbinsel. Spätestens wenn man auf dem Kahn ist, kommt einem vieles spanisch vor. Steuerbord und Backbord Kameras. Achtern ein Radar. In etwa zwölf Meter Höhe ragen aus den Masten Abgasrohre. Und die Kanonen des mit Touristen beladenen motorbetriebenen Vehikels entpuppen sich bei näherem Hinsehen als Kunststoffattrappen. Danzig (polnisch: Gdansk) hat den Dreh raus, liebt den Mummenschanz, die Verkleidung. In der belebten, ach was, in der tosenden Langgasse (Dluga) gehen Harlekins und Blumenmädchen auf und ab, an anderer Stelle Kaufleute im schweren Fuggerkostüm. Und vor dem Neptunbrunnen treibt ein Stadtpirat mit Augenklappe sein Unwesen, indem er, so will es das Hochzeitsdrehbuch des anwesenden Kamerateams, einem Bräutigam mit vorgehaltener Steinschlosspistole die Braut stiehlt.

„Die Innenstadt glich einem Trümmerfeld“

Ein buntes Stilgemisch. Ein wildes Heraufbeschwören vergangener Zeiten. Aber die Maskeraden kommen an. Die Reisenden bleiben stehen und lassen sich einfangen von den Inszenierungen. Im Mittelalter galt Danzig als die reichste Stadt der Welt, im Zweiten Weltkrieg aber ging sie unter. Erst durch die Nazis, die am 1. September 1939 mit dem Beschuss des polnischen Munitionsdepots auf der Westerplatte den Krieg eröffneten, am Ende durch die Russen. Eine Ausstellung im Rechtstädtischen Rathaus (Ratusz Głównego Miasta) zeigt das Ausmaß des Infernos. „Die Innenstadt glich einem Trümmerfeld“, kommentiert eine Museumsführerin die Bilder. Eine Stadt, so dermaßen zugrunde gerichtet, die steht nicht wieder auf, zeigt nie wieder voll und ganz ihre alte Pracht. Es bleiben Spuren. Auch durch moderne Bausünden in Beton. Man kennt das, so etwas gibt es, gerade in den einstigen Ostblockstaaten, tausendfach. Das Erstaunliche ist: Die einstige Hansestadt hat es doch geschafft. Auferstanden aus Ruinen. Wie Phönix aus der Asche. Wobei die Rekonstruktion der Altstadt nicht, wie man meinen könnte, das Werk der nachkommunistischen Ära ist.

„Damit wurde lange vor Solidarnosc begonnen“, ergänzt die Museumsangestellte. Heute ist Danzig vollkommen schön. Und Danzig zu adeln als die schönste polnische Stadt, wäre nicht unverdient. Die Hauptstadt Pommerns hat große Denker und Dichter hervorgebracht. An den einen, den Philosophen Arthur Schopenhauer (1788-1860), erinnert wenig mehr als ein bescheidenes Täfelchen am Geburtshaus in der Heiliggeistgasse gegenüber dem gewaltigen Sakralbau aus Backstein, der Marienkirche. Mit dem anderen, Oskars geistigem Vater Günter Grass, ist es auch nicht unkompliziert. An Grass scheiden sich die Geister. Zwar ist der Literaturnobelpreisträger seit 1993 Ehrenbürger der Stadt, aber es wäre übertrieben zu behaupten, dass man ihn rundum in Ehren hält. „Man sieht Grass hier allgemein eher kontrovers“, so Agnieszka, eine Germanistikstudentin an der Uni Danzig. Dass das im Alten Rathaus angesiedelte Grass-Restaurant nicht den erhofften Widerhall fand und schließen musste, könnte als weiterer Beleg für ein zwiespältiges Verhältnis dienen. Unstrittig aber ist, dass Grass Danzig mit seinem Roman „Die Blechtrommel“ zu weltweitem Ansehen verholfen hat.

„Es war ein aufregender Dreh in Danzig"

Und die oscarprämierte Verfilmung von Volker Schlöndorff (1979) trug ihr Übriges dazu bei. Die Schauspielerin Angela Winkler, die im Film Oskars Mutter spielt, erinnert sich: „Es war ein aufregender Dreh in Danzig, bei dem ja auch Grass persönlich am Set mitmischte.“ Die anspielungsreiche, mitten durch die Weltkriege driftende und nicht immer leicht zu interpretierende Geschichte des kauzigen, glaszerschreienden Oskar Matzerath, der aus Protest gegen die Falschheiten der Erwachsenen und den politischen Niedergang mit drei Jahren sein Wachstum einstellt - die Bilder haben sich eingebrannt. Beispielsweise die des jüdischen Spielwarenhändlers Sigismund Markus aus der Zeughauspassage (Wielka Zbrojownia), von dem Oskar, sobald er seine rot-weiß gemusterte Trommel kaputtgetrommelt hat, eine neue erhält und der, als die Nazis kommen, Selbstmord begeht.

Oder Oskar, der (im Film) von der Turmspitze des Rechtstädtisches Rathauses heruntertrommelt und die Fensterscheiben des Langgasser Tores „zerscherbt“, während es seine Mutter, wie fast jeden Donnerstag, ein paar Straßen weiter in einer Pension in der Tischlergasse (ul. Stolarska) mit Onkel Jan „treibt“. Nicht zuletzt die Brausepulver- und Pferdekopfszene, die durch Oskars Gegentrommeln aus dem Takt gebrachte Heim-ins-Reich-Parade und der Angriff auf die Polnische Post, die heute Denkmal ist. Vor exakt 50 Jahren hat Grass, der im Oktober 86 Jahre geworden ist, seine „Danziger Trilogie“ abgeschlossen. Den Spuren der „Blechtrommel“ zu folgen, ist überaus ergiebig. Es gibt keinen besseren Reiseführer.

Was der polnische Publizist Adam Krzemiski bestätigt, der den Roman als „fabelhaften Baedecker“ bezeichnet. Einst lebte in Danzig ein vielsprachiges Völkergemisch, heute gibt sich die fast 1000-jährige Stadt trotz enormer Besucherströme sehr polnisch. Deutsch wird kaum mehr gesprochen. Die deutschen Straßennamen sind verschwunden. Aber auch mit den Weltsprachen ist es so eine Sache. Die Übersetzungen der stadteigenen Internetseite wurden erst kürzlich fertiggestellt. Englisch im Alltagsgeschehen? Oft Mangelanzeige. Und wer vom Hauptbahnhof (Gdansk Główny) auf eine pünktliche Abfahrt setzt - und sei es nur, um nach Langfuhr (Wrzeszcz) zu Grass’ Elternhaus und dem bronzenen Oskar zu kommen -, der wird sich unter Umständen wundern, warum ein Teil der Fahrgäste nach einer Durchsage infolge Verspätung den Bahnsteig wechselt. Da es die Durchsagen nur in Polnisch gibt, muss man seinen Instinkten folgen: entweder den anderen hinterher oder auf dem Bahnsteig bleiben. Beides kann richtig sein, aber auch falsch.

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