Stuttgart - Es ist ein beendet geglaubter Stellvertreterkrieg, der weltweit gerade wieder aufflammt. Attackiert wird ein zentrales Frauenrecht: Es geht um Schwangerschaftsabbrüche. Während einige Länder wie Argentinien die Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch jüngst ausgeweitet haben oder dies planen, sind andere dabei, sie einzuschränken. Das ist kein Zufall, sondern Ausdruck eines Abwehrkampfes konservativer Kräfte um ihre Werte in insgesamt liberaler werdenden Demokratien.
In Polen hat das Verfassungsgericht im Oktober 2020 das strenge Abtreibungsverbot weiter verschärft, katholische Fundamentalisten kämpfen für ein völliges Abtreibungsverbot. Und in den USA befasst sich das höchste Gericht des Landes derzeit mit einem Gesetz aus dem US-Staat Mississippi, das Schwangerschaftsabbrüche dort drastisch erschweren würde. Der mehrheitlich konservativ besetzte Supreme Court hat erkennen lassen, dass sein Grundsatzurteil von 1973, das Abbrüche noch bis etwa zur 24. Schwangerschaftswoche erlaubt, auf der Kippe steht. Solche Tendenzen zur Verschärfung in modernen Demokratien sind fatal.
Kampf um konservative Werte auf dem Rücken der Schwangeren
Konservative Kräfte merken, dass ihre Ansichten vielerorts nicht mehr mehrheitsfähig sind, was sie zunehmend radikalisiert. So sind Forderungen oftmals religiöser Kräfte, die Schwangerschaftsabbrüche in den besagten Ländern praktisch verbieten wollen, erklärbar. Das ist perfide, weil jene, die sich politisch für solche Härten einsetzen, in der Regel selbst nicht betroffen sind. Vielmehr tragen sie ihren Kampf um konservative Werte, um den Beifall ihrer Klientel und um die Einschüchterung Andersdenkender auf dem Rücken schwangerer Frauen aus.
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Ein Stellvertreterkrieg umso mehr, weil das Bestreben praktisch sinnlos ist. Denn Schwangerschaftsabbrüche wird es immer geben, ob legal oder nicht. Zehntausende Polinnen haben seit der Verschärfung der Regelung mit medizinischen Pillen abgetrieben, Tausende andere reisten für den Abbruch in umliegende Länder.
Laut einer im vergangenen Jahr in der Fachzeitschrift „Lancet“ veröffentlichten Untersuchung enden rund 60 Prozent der ungewollten Schwangerschaften weltweit mit einem Abbruch – egal, ob er im jeweiligen Land erlaubt ist oder nicht. Aber die Zahl der ungewollten Schwangerschaften ist demnach genau dort höher, wo Abbrüche eingeschränkt oder verboten sind. Und die Eingriffe, weil illegal, gefährden oft die Gesundheit der Frauen. Zehntausende sterben Ärzten zufolge jedes Jahr an den Folgen eines unsachgemäß durchgeführten Abbruchs, Millionen müssen ins Krankenhaus. Seelische Notlagen treiben die Frauen dazu.
Rechtliche Hürden gefährden ungewollt Schwangere
Tabus, Stigmata und Rechtshürden retten also nicht mehr Embryonen, sondern gefährden mehr Frauen. Was einen Unterschied macht, ist Unterstützung – bei der Aufklärung und dem Zugang zu Verhütungsmitteln und bei der professionellen Betreuung im Falle einer ungewollten Schwangerschaft. Es braucht einen Zugang zu Ärztinnen und Ärzten, die solche Eingriffe vornehmen.
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Die neue deutsche Regierung geht auf diesem Weg immerhin einen Schritt weiter. Sie will den umstrittenen Paragrafen 219a im Strafgesetzbuch abschaffen. Das ermöglicht es Ärztinnen und Ärzten, über Schwangerschaftsabbrüche zu informieren. Das ist ein wichtiger Schritt. Solange Schwangerschaftsabbrüche weiter rechtswidrig, wenngleich unter Bedingungen straffrei sind, gibt es aber auch hier allen Grund, sich für eine Entstigmatisierung des Themas einzusetzen, damit Ärztinnen und Ärzte Schwangerschaftsabbrüche durchführen können, ohne dafür bedroht zu werden.