Politexperiment mit freiem Sonntag Sonntags frei? Das ist für Politiker immer noch die Ausnahme

Sonntags ist der Plenarsaal des Landtags leer – das heißt aber nicht, dass die Abgeordneten auch Pause haben. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Sonntags trotz Politik Zeit für die Familie haben? Sieben Abgeordnete probieren das seit einem Jahr. Wieso ihre Bilanz flau ausfällt und das ein Problem für die Demokratie ist.

Seit mehr als einem Jahr versuchen sieben Landtagsabgeordnete, sich sonntags der Familie zu widmen und die Politik auch mal einen guten Mann sein zu lassen. Alle sind immer noch Feuer und Flamme für das Projekt. Aber einfach ist es nach wie vor nicht, Inseln im Politikerleben zu schaffen, in denen Kinder, Partner, Eltern oder Freunde auch mal Vorrang haben vor dem politischen Engagement.

 

Der politikfreie Sonntag und die Praxis

Nicolas Fink, SPD-Vizefraktionschef, 46, hält das Konzept des politikfreien Sonntags jedenfalls für einen Landtagsabgeordneten, der zugleich im Gemeinde- und im Kreisrat von Esslingen sitzt, für „nicht praxistauglich“. Als die sieben Abgeordneten aus dem Raum Esslingen im Oktober 2021 mit dem freien Sonntag begonnen haben, sei es leichter gewesen, weil es pandemiebedingt damals sowieso wenige Termine gab. Gefühlt ist Fink heute „sogar noch einen Tick öfter sonntags unterwegs. Denn viele Termine, die wegen Corona ausgefallen sind, wurden inzwischen nachgeholt.“ Vor allem auf der kommunalen Ebene, wo beim Feuerwehrfest das Politische und das Persönliche ineinander übergehen, lässt sich der freie Sonntag aus seiner Sicht nicht machen. Dennoch: Den Alltag erleichtere das Projekt trotzdem, die kollegiale Absprache mit den Kollegen im Wahlkreis funktioniere. „Wir haben mehr Ehrlichkeit. Man sagt jetzt schon mal etwas ab, weil zum Beispiel die Tochter Geburtstag hat“, sagt Fink. Anfangs habe es bei ihm vielleicht an acht von zehn Sonntagen geklappt – heute sei das Verhältnis eher umgekehrt.

Steter Kampf mit der Sechzig-Stunden-Woche

Das klingt auf den ersten Blick ernüchternd und ist auf den zweiten wenig überraschend: Es hat Jahrzehnte gedauert, in Deutschland die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Wer sich bei jungen Vätern und vor allem Müttern umhört, merkt schnell, dass trotz allen Fortschritten im Arbeitsleben noch Luft nach oben ist. Die Politik hat das Thema für ihren eigenen Arbeitsbereich erst spät auf die Tagesordnung gesetzt, und von tarifähnlichen Arbeitszeiten mit einer Vierzig-Stunden-Woche sind Mandatsträger sowieso weit entfernt. Arbeitstage von 8 Uhr bis 21.30 Uhr oder 22 Uhr unter der Woche sind laut Andreas Kenner, 66, dem jugendpolitischen Sprecher der SPD, bei Abgeordneten und Bürgermeistern der Normalfall. Er beobachtet, dass immer mehr Schultes wegen Stresskrankheiten schon nach der ersten Legislaturperiode nicht mehr kandidieren. „In Zeiten der ,Work-Life-Balance‘ wird es immer schwieriger, Menschen für politische Mandate zu gewinnen, die mit einer Sechzig-bis-siebzig-Stunden-Woche einhergehen.“

Mit dieser Prognose steht Kenner nicht allein. Die Vereinbarkeit von Familie und politischem Engagement ist zu einem Strategiethema für Parteimanager jeglicher Couleur geworden. Selbst eine veritable Politkarriere ist für junge Leute längst kein Selbstläufer mehr. Überlange Arbeitszeiten, Sitzungsmarathons und Anforderungen nach ziemlich lückenloser Präsenz im Wahlkreis entfalten in der jungen Generation oft mehr abschreckende Wirkung, als die Attraktion eines Lebens mit wichtiger Rolle in Demokratie und Öffentlichkeit kompensieren könnte. „Die Partner und Partnerinnen von Abgeordneten sind im Prinzip ,alleinerziehend‘. Das muss man/frau vor einer Kandidatur in ein Parlament einfach wissen“, sagt der Kirchheimer Landtagsabgeordnete Kenner nüchtern. „Wer das nicht durchhalten kann, hört halt nach einer Amtsperiode wieder auf“, berichtet er. All das klingt nicht, als hätte sich seit der Amtszeit von Altkanzler Helmut Kohl, dessen Dauerabwesenheit seine beiden Söhne fürs Leben gezeichnet hat, viel geändert. Und Kohls Kanzlerschaft endete 1998. Das ist ein Vierteljahrhundert her.

Pragmatismus und die „frühe Eule“

Auch Kenners CDU-Kollegin Natalie Pfau-Weller, 35, macht an vielen Sonntagen doch wieder Politik oder nimmt ihre Familie zu Dorffesten oder Galerieeröffnungen mit. Die junge Mutter hat sich zusammen mit ihrem Fraktionschef zudem an die Landtagspräsidentin gewandt, um etwa Wickelmöglichkeiten im Haus der Abgeordneten zu etablieren. „Leider hat sich noch nichts getan“, sagt sie. Der CDU-Fraktionsgeschäftsführer Andreas Deuschle betont, dass es nicht alleine auf den Sonntag ankomme. Hybride Tagungsformate und überhaupt Sitzungen mit festen Anfangs- und Endzeiten seien auch wichtig, um die Vereinbarkeit von Politik und Familie zu verbessern. Dennis Birnstock von der FDP, 31, hat sich pragmatische Flexibilität im Umgang mit Sonntagsterminen und das Selbstbekenntnis verordnet, „dass die Familie auch einen Teil im Kalender eines Politikers einnehmen darf“. Er versucht, konsequent einen Tag pro Woche für die Familie frei zu halten.

„Gewonnen haben wir als Familie, dass die Woche einen Rhythmus hat“, sagt auch die Bau-Staatssekretärin Andrea Lindlohr (Grüne). „Ich halte den politikfreien Sonntag nach wie vor ein“, sagt der grüne Fraktionsvorsitzende Andreas Schwarz. „Aber natürlich drücke ich den Ministerpräsidenten nicht weg, wenn er anruft.“ Die erkämpfte Auszeit für sich und die Familie will er nicht mehr missen. „Das hat für mich Priorität. Dafür nehme ich gerne eine terminreiche Woche in Kauf oder bin die frühe Eule, die um 7.30 Uhr schon in der ersten Videokonferenz sitzt.“

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