Die Plattform prägt Wahlkämpfe und Wahlergebnisse. Wirklich? Die bislang größte Auswertung von Nutzerdaten zeigt, wie viele politische Inhalte auf Tiktok auftauchen.

Tiktok beeinflusst Wahlen – von der annullierten (und dieser Tage wiederholten) rumänischen Präsidentschaftswahl bis zu den Erfolgen von AfD und Linkspartei bei der Bundestagswahl. So ungefähr klingen viele Analysen, vor allem mit Bezug zu jüngeren Wählern. Wird die Videoplattform zum politischen Leitmedium?

 

Unsere Zeitung hat mit BR, Weizenbaum-Institut und Uni Zürich den bisher größten Datensatz zum Nutzungsverhalten auf Tiktok zusammengetragen. Analysiert wurden alle Videos, die knapp 700 User zwischen Januar und März gesehen haben. Unter Milliarden von angezeigten Videos aus dem häufig genutzten, vom Tiktok-Algorithmus bespielten „For You“-Feed sind politische Inhalte eine Randerscheinung: Nur knapp vier Prozent aller Videos sind mit einem politischen Hashtag wie #afd oder #merz versehen – und das mitten im Wahlkampf. Auf einen ähnlichen Anteil politischer Clips kam vergangenen September eine Studie der Uni Potsdam, die mit zu Forschungszwecken angelegten Accounts arbeitete.

Bislang größter Tiktok-Datensatz

Die Analyse unserer Zeitung basiert auf Daten echter Nutzer. Diese haben ihre anonymen Nutzerdaten für die Recherche bereitgestellt. Es handelt sich laut dem Weizenbaum-Forscher Jakob Ohme um den mit großem Abstand umfassendsten entsprechenden Datensatz. Die Ergebnisse dürfen somit als besonders realitätsnah gelten.

Parteien und Politiker spielen in den Feeds der Tiktok-Nutzer eine geringere Rolle als nicht offizielle, aber politisch ausgerichtete Accounts. Dazu gehören Influencer, die Einblicke in ihren Alltag geben, aber auch Kanäle, die selektiv Ausschnitte von Talkshows zeigen. Zwar liegt der Anteil der Videos von Politikern und Parteien im durchschnittlichen Feed unserer Datenspender nur minimal unter dem nicht offizieller Accounts (1,2 Prozent beziehungsweise 1,3 Prozent). Jedoch wurden lediglich rund 150 solcher nicht offizieller Accounts betrachtet. Schon diese 150 Kanäle kommen auf eine höhere Anzahl von Videoansichten als die mehr als 400 in die Untersuchung eingeflossenen Partei- und Politikerkanäle.

Die Analyse zeigt erstmals, wie wichtig das digitale Vorfeld für politische Inhalte auf Tiktok ist. Die AfD gilt als besonders geschickt, was die Steuerung dieses Vorfelds angeht. „80 Prozent der AfD-Inhalte auf Tiktok, die junge Erstwählerinnen vor den ostdeutschen Landtagswahlen im vergangenen Jahr gesehen haben, kamen gar nicht von offiziellen AfD-Accounts“, sagt der Social-Media-Experte Martin Fuchs – sondern von normalen Nutzern und Influencern. Es sei „ein ganz entscheidender Erfolgsfaktor der AfD, dass sie dieses Vorfeld hegen und pflegen“, so Fuchs über die in einer WDR-Doku so bezeichnete „Tiktok-Armee“ der AfD.

Die Linkspartei hat diese Strategie für die Bundestagswahl adaptiert. Für Tiktok und Instagram habe man „zielgruppengerecht kommuniziert und auch entsprechenden Content produziert“, sagt Thomas Lohmeier, in der Bundesgeschäftsstelle für Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Unter jungen Wählern fuhr die Partei das zweitbeste Ergebnis ein.

Zwar haben die Parteien im Wahlkampf Unmengen an Videos auf Tiktok hochgeladen; zwei Tage vor der Wahl waren es parteiübergreifend etwa 500 pro Tag. Doch selbst in einer absoluten Hochphase mit viralen Tiktok-Erfolgen der Linken wie Heidi Reichinneks Wutrede gegen die gemeinsame Abstimmung von Union und AfD zur Migration sind Parteien und Politiker bei politischen Videos weniger sichtbar als nicht offizielle Accounts. Es reicht nicht mehr, wie bisher nur über eigene Kanäle zu kommunizieren.

Die Linke habe im Bundestagswahlkampf Inhalte erzeugt, „die waren algorithmisch so erfolgreich, dass sie auf einmal Reichweiten bekommen haben, von denen sie vorher wahrscheinlich selber nicht geträumt hätten“, sagt Jakob Ohme vom Weizenbaum-Institut. Eine Lehre daraus, jedenfalls für die Parteien: „Vielleicht sollte man jetzt anfangen, sich Unterstützernetzwerke für die Bundestagswahl 2029 aufzubauen.“

Dadurch wird der Anteil politischer Videos, den ein durchschnittlicher User zu sehen bekommt, nicht massiv steigen. Dafür aber die Wahrscheinlichkeit, neue Anhänger ins eigene Themenuniversum hineinzuziehen. Der Tiktok-Algorithmus erkennt treffsicher, welche Themen einen User interessieren – und spielt inhaltlich passende Videos aus. Das zeigt sich auch in den Daten aus unserer Recherche: Wer mehr Parteivideos gesehen hat, bekam insgesamt mehr politische Videos angezeigt – weil der Algorithmus ein höheres politisches Interesse vermutet und bedient. Inwiefern die Plattform User in politische Filterblasen lockt, ist Gegenstand einer separaten Analyse.