Politik auf YouTube Ein Bildungskanal namens MrWissen2go

Bundeskanzlerin Angela Merkel im Kreise von YouTubern Foto: Studio71
Bundeskanzlerin Angela Merkel im Kreise von YouTubern Foto: Studio71

Die Generation Y schaut kein Fernsehen und findet Politik uncool? Mit ungewöhnlichen Formaten versuchen einige YouTuber, sie für das Weltgeschehen zu interessieren.

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Stuttgart - Donald Trump schien im Januar 2016 noch ein einziges großes Missverständnis auf dem Weg ins Weiße Haus zu sein, da sah sich der Amts­inhaber Barack Obama in einem YouTube-Interview mit der Frage konfrontiert, warum Binden und Tampons in 38 US-Staaten als Luxusgüter besteuert werden. Fragenstellerin war die damals 26-jährige Ingrid Nilsen, besser bekannt unter ihrem Künstlernamen Missglamorazzi. Nilsen ist Creator – eine sogenannte YouTube-Künstlerin. Ihren YouTube-Kanal haben vier Millionen Nutzer abonniert. Mit Videos über Make-up, Mode und Lifestyle ist er groß geworden. Mit Bekenntnissen zur gleichgeschlechtlichen Liebe und Appellen an die Frauengesundheitsfürsorge setzt er auch gesellschaftspolitisch relevante Akzente, die Obamas Social-Media-Beratern nicht verborgen blieben.

Spektakulär war dieses tief in die weibliche Intimsphäre gehende Interview, live gestreamt aus dem Eastern Room des Weißen Hauses, nur insofern, als Obama auf Nilsens Frage nach der „Tampon Tax“ keine Antwort wusste. Das „Problem“ war ihm schlicht nicht bekannt. Dass er sich von einer Beauty-Vloggerin befragen ließ, war dagegen fast schon normal. Während seiner Präsidentschaft stellte sich Obama regelmäßig den Fragen der Stars aus dem Netz. Als erster US-Präsident überhaupt suchte und förderte er den Dialog. YouTube als Instrument der Politikvermittlung, als Ort der politischen Debatte und direkten Auseinandersetzung mit Politikern ist nicht zuletzt dank Obama akzeptiert.

Auch in Deutschland hat sich YouTube als Plattform der politischen Auseinandersetzung etabliert. Gleichwohl ist schwer vorstellbar, dass die deutsche Beauty-Vloggerin Nihan Sehit den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz am kommenden Dienstag (5. September, 12 Uhr, www.youtube.com/DeineWahl) live auf YouTube auf die Ungerechtigkeit ansprechen könnte, dass auch hier Tampons höher besteuert werden als beispielsweise Kaviar.

„Machen Sie sonst nur Selbstdarstellung?“

Die Berührungsängste zwischen der hohen Politik und den Creators auf YouTube haben nachgelassen, seit im Juli 2015 der Mega-Star aus dem Netz, LeFloid, auf den Mega-Star der politischen Bühne, Angela Merkel, traf. Das Aufsehen war groß, Dämme schienen gebrochen. Mehr als fünf Millionen Mal ist seither das halbstündige Gespräch geklickt worden, in dem LeFloid Fragen aus seiner Community an Merkel weiterreichte – eine „Traum-Quote“, die die Sommerinterviews bei ARD und ZDF nie erreichen.

In diesem Sommer ließ sich die Kanzlerin zum zweiten Mal auf ein Gespräch mit Youtubern ein, einem Quartett diesmal, zu dem auch „MrWissen2go“ gehörte. Ihre Vorbehalte konnte Merkel indes nicht verhehlen: Als Ischtar Isik, die ähnlich wie Nilsen sonst Tipps rund um Mode und Lifestyle gibt, sich entschuldigte, es sei ihr er­stes Interview überhaupt, fragte Merkel: „In Ihrem Leben? Machen Sie sonst nur . . . Selbstdarstellung?“

Die YouTube-Szene in Deutschland übt sich überwiegend in politischem Vegetarismus. Wenn der YouTuber produziert, dann produziert er – in dieser Reihenfolge – Entertainment, Gaming, was über Medien, Hobbys und dann erst Information und Politik. Über die Gründe haben sich viele Webvideo-Experten den Kopf zerbrochen, und sie lassen sich so zusammenfassen: Pranks (altdeutsch: Streiche) und Ekeltests sind Hits mit zig Millionen Zuschauern. Sie sind quasi das quotenstarke Privatfern­sehen von YouTube. „Edgy Content“ dagegen, alles was mit Politik und Religion zu tun hat, kommt weniger gut an, schlimmer: kann Werbetreibende abschrecken.




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