Jannik Kegler hat gerade Abi gemacht, nun konzentriert er sich auf die Politik – als neuer SPD-Ortschef in Wolfschlugen. Was treibt junge Leute an, sich in Parteien zu engagieren?

Jannik Kegler ist die Nervosität etwas anzumerken. Seine Stimme ist zwar ruhig, und das, was er sagt, ist strukturiert, doch seine Finger flattern. Es ist sein erstes Interview. Jannik Kegler ist 18, hat frisch sein Abi am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Sielmingen gemacht. Dennoch hat er bereits eine bemerkenswerte politische Karriere hingelegt. 2024 ist er in die SPD eingetreten, beim ersten Treffen mit der Nürtinger Regiogruppe der Jusos wurde er direkt zum Vorsitzenden erkoren, zudem ist er Beisitzer im Kreisvorstand der SPD-Jugendorganisation. Seit Neuestem ist er auch der Vorsitzende des SPD-Ortsvereins in seinem Wohnort Wolfschlugen. „Es ging in den letzten anderthalb Jahren relativ zügig“, sagt er.

 

22 Mitglieder zählt der Ortsverein, allesamt Jahrzehnte älter als Jannik Kegler. Als Vorsitzender tritt er in die Fußstapfen von Rainer Arnold (75), einst Bundestagsabgeordneter. Ein Neuling folgt auf einen Routinier. „Bei mir im Ortsverein war das kein Problem, dafür bin ich sehr dankbar“, sagt Jannik Kegler. Politisch interessiert sei er schon immer gewesen, als Schülersprecher habe er einige Podiumsdiskussionen moderiert. „Bei mir war es schon immer so, dass ich etwas verändern möchte, wenn mir etwas nicht passt. Mir war klar, dass das am besten geht, wenn ich in einer Partei bin.“

Politikinteresse bei den jungen Leuten nimmt zu

Laut der Bundeszentrale für politische Bildung ist das Politikinteresse bei Zwölf- bis 25-Jährigen in Deutschland gestiegen. „Gab 2002 nicht einmal jede oder jeder dritte von ihnen an, sich (stark) für Politik zu interessieren (30 Prozent), waren es im Jahr 2024 die Hälfte aller Jugendlichen und jungen Erwachsenen (50 Prozent), die sich mit Politik beschäftigen“, heißt es dort.

Joshua Alber engagiert sich bei der CDU in Filderstadt. Foto: Caroline Holowiecki

Voller Elan ist auch Joshua Alber aus Sielmingen. Der 21-Jährige ist für die CDU Kreis- und Stadtrat, Vize-Vorsitzender im Ortsverein Filderstadt sowie Beisitzer bei der Jungen Union im Kreis, zudem Vertreter seiner Fraktion im Jugendgemeinderat, wo für ihn alles angefangen hat. Dort sei sein Interesse an Kommunalpolitik geweckt worden. „Es lohnt sich“, sagt er. Stadtpolitik habe zwar oft wenig mit der Bundespolitik zu tun, gleichwohl sei die Arbeit „unmittelbarer und greifbarer, weil man von vielen Themen direkt betroffen ist“. Von Konflikten mit älteren Mitgliedern kann er nicht berichten. „Oft wissen die Alten es besser, ich lasse mich auch beraten.“

Junge Interessen in politische Prozesse einbinden

„Die Einbindung von Jugendlichen in das demokratische System hat eine ganz entscheidende Bedeutung“, sagt Florian Heinz, Fachreferent bei der Landeszentrale für politische Bildung. Zum einen sollten junge Interessen und Perspektiven in demokratische Prozesse eingebunden werden, zum anderen böten sich durchs aktive Einbeziehen die größten Chancen, früh Akzeptanz für den demokratischen Staat und seine Funktionsweise zu erhöhen. Er berichtet von diversen Jugend-Angeboten, Planspielen, Workshops oder Schul-Aktionstagen zu Themen wie Demokratiebildung, demokratische Prozesse und Beteiligungsmöglichkeiten. Auch Angebote zu Themen wie Hass, Hetze, Meinungsfreiheit oder extremistischen Strömungen würden zunehmend nachgefragt.

Dass junge Leute durchaus an Politik interessiert sind, das hat Simon Hauser aus Oberaichen am Immanuel-Kant-Gymnasium in Leinfelden erlebt, wo er bis vor Kurzem Schülersprecher war. Bei der Podiumsdiskussion zur Bundestagswahl, moderiert von Schülern, sei der Saal gerammelt voll gewesen. Der 18-Jährige ist aktiv im Jugendgemeinderat, im Vorstand der Grünen Jugend im Kreis und im Grünen-Ortsverein in Leinfelden-Echterdingen. „Politik ist gar nicht so gemacht, dass junge Leute sie nachvollziehen können“, moniert er.

Viele Angebote und Kanäle seien wenig geeignet, um Jugendliche einzubinden, „ganz viele schauen abends nicht die Tagesschau“, auch würden oftmals Themen an ihnen vorbei diskutiert, etwa beim Rentenpaket oder der Wehrpflicht. Auf sozialen Netzwerken wie Tiktok oder Instagram wiederum seien vor allem radikale Kräfte aktiv. „Die Parteien der Mitte sind dort wenig vertreten“, sagt er. Simon Hauser schlägt stattdessen vor, junge Leute auch mal dort aufsuchen, wo sie im Alltag sind, etwa auf dem Fußballplatz, und dort nach ihrer Meinung zu fragen. Er glaubt: „Da kriegt man das Gefühl dazuzugehören.“

Einführung eines Jugendgemeinderats als Ziel

Auch Jannik Kegler ist in Wolfschlugen mit der Vision angetreten, Gleichaltrige in den SPD-Ortsverein zu holen. „Das muss relativ niederschwellig passieren, denn selbst für politisch interessierte junge Leute ist es eine Hürde, zu einer Parteiveranstaltung zu gehen“, sagt er. Im ersten Schritt sollen Social-Media-Kanäle entstehen. Die Einführung eines Jugendgemeinderats in Wolfschlugen schwebt ihm vor, zudem will er auf engagierte Jugendliche zugehen. Das Potenzial sei da. Ja, es gebe politikverdrossene Jugendliche, aber bei dieser Aussage sei entscheidend, ob man ihnen die Schuld zuweise oder auch die Politik in die Pflicht nehme. „Es macht einen Unterschied, ob ich es als Vorwurf formuliere oder als Beschreibung.“

Politische Beteiligung – wann geht es los?

Ab 14
Jugendliche können sich in Baden-Württemberg schon früh politisch beteiligen. Los geht es in der Regel im Jugendgemeinderat, dort dürfen Teenager ab 14 mitmachen. Wählen dürfen Jugendliche zumeist ab 16, nämlich bei der Wahl von Gemeinderäten, Kreistagen, dem Verband Region Stuttgart und dem Bürgermeister, zudem bei Bürgerbegehren oder -entscheiden sowie bei den Wahlen zum Landtag oder dem EU-Parlament. Lediglich bei der Bundestagswahl muss man volljährig sein.

Mindestalter
Laut der Landeszentrale für politische Bildung ist das Mindestalter für einen Parteieintritt unterschiedlich. Die Grünen hätten keines, bei SPD und Linke liege es bei 14, bei CDU/CSU, FDP und AfD bei 16 Jahren. „Grundsätzlich ist es für Jugendliche auch möglich, nur dem Jugendverband einer Partei beizutreten, um sich zu engagieren“, sagt der Fachreferent Florian Heinz. Dies sei nicht automatisch mit einem Eintritt in die Mutterpartei verknüpft.