Politik im Personennahverkehr Steigen Sie ein, wir hören zu
In Dresden, Leipzig und der Lausitz fährt die Konfliktforscherin Kristina Krömer mit ihrem Team Straßenbahn, um sich die Sorgen der Bürger anzuhören.
In Dresden, Leipzig und der Lausitz fährt die Konfliktforscherin Kristina Krömer mit ihrem Team Straßenbahn, um sich die Sorgen der Bürger anzuhören.
Kristina Krömer bringt ein Schild mit der Aufschrift „Was sagen Sie dazu?“ im hintersten Abteil der Straßenbahnlinie 3 in Dresden an. Krömer, 42, ist Konfliktforscherin und fährt die Strecke zwischen den Endhaltestellen „Wilder Mann“ und „Coschütz“ in den nächsten drei Stunden mehrmals. Während Fahrgäste im Minutentakt ein- und aussteigen, bleibt Krömer sitzen und tippt Gesprächsfetzen in ihr Tablet.
Wer sich zu Krömer und ihrem Team in den Vierersitz begibt, ist bereit, über seine privaten Sorgen, persönlichen Herausforderungen oder politischen Ansichten zu sprechen. „Aufsuchende Demokratiearbeit in Straßenbahnen“ lautet der Slogan ihres Projekts „metro_polis“, das von der Stiftung Mercator gefördert wird.
Die Idee entwickelte Krömer, die ihr Handwerk in einem Studium der Politikwissenschaft und Soziologie lernte, zu Pegida-Zeiten, als sich der Kitt der Gesellschaft zu lösen begann. „Ich hatte festgestellt, dass man kaum noch miteinander reden konnte, die Menschen angespannter sind und ohnehin viel weniger Zeit haben“, sagt Krömer über diesen Abschnitt.
In den Straßenbahnen habe es besonders viele Alltagskonflikte gegeben, weil man dort meist zusammengepfercht stehe und Nähe ertragen müsse. Deshalb hielt Krömer es für einen klugen Gedanken, die Bildungsarbeit von kargen Institutionsräumen in den pulsierenden Personennahverkehr zu verlegen.
Krömer hört seit mehr als fünf Jahren zu, stellt Fragen, hakt nach und hält auch Widerspruch aus. Vor allen Dingen aber bringt sie ihr Gegenüber dazu, über Lösungen nachzudenken. Jeden Monat wechselt das Thema. Ende Januar, gut drei Wochen vor der Bundestagswahl, dient die Frage „Wie sieht die Demokratie unserer Träume konkret aus?“ als Gesprächseinstieg.
Zurzeit ein dankbares Thema, sollte man meinen. Nicht für Krömer und ihre Mitstreiter. „Wenn Wahlen anstehen, haben wir einen unglaublich schweren Stand“, sagt sie. „Viele Menschen sagen: Wenn die Politiker das da oben nicht hinkriegen – und die sind dafür gewählt –, warum sollten wir das besser schaffen?“
Am „Bahnhof Neustadt“ steigt eine Rentnerin mit langen weißblonden Haaren, Brille, braunem Mantel und rot lackierten Fingernägeln zu Krömer in den Vierersitz. Ihren Namen will sie nicht nennen, wie übrigens niemand, der sich im Laufe der Fahrt mit Krömer unterhalten wird.
„Erzählen Sie mal, von welcher Demokratie träumen Sie?“, fragt Krömer.
„Von so einer ähnlichen wie in der Schweiz“, entgegnet die ältere Dame.
„Also sind Sie für Volksentscheide, wodurch mehr auf die Bevölkerung gehört wird?“, fragt Krömer.
„Ja“, antwortet die Dame und erzählt von ihrer Verwandtschaft, in der die politischen Meinungen sehr breit gefächert seien.
„Unterhalten Sie sich denn über die unterschiedlichen Ansichten oder vermeiden Sie solche Gespräche?“, will Krömer wissen. „Nein, ich vermeide sie nicht. Wir unterhalten uns schon. Aber die Tendenzen sind manchmal erschreckend. Einige wünschen sich so eine Art Sozialismus zurück“, erzählt die Dame.
„Was könnte denn helfen, um künftig wieder mehr Vertrauen in die Politik zu bekommen? Bräuchte es eine andere Darlegung der Entscheidungsfindung? Mehr Moderation oder Supervision in der Politik von Scholz, Merz, Habeck und Lindner?“, wirft Krömer jetzt einen Punkt ein, den andere Bürger bereits eingebracht haben.
„Ich glaube, dass das ziemlich aussichtslos ist, weil die von Ihnen genannten Personen wohl nicht zueinander finden werden. Vor allen Dingen Scholz und Lindner nicht“, sagt die Dame, die nun wieder aussteigen muss.
Nicht immer können die Gespräche in die Tiefe gehen. In der Regel bleiben Krömer nur etwa zehn Minuten für einen Austausch. Im vergangenen Jahr nahmen über 4500 Bürger in Dresden, Leipzig und der Lausitz an den Gesprächen teil, meist weiblich und eher betagt.
Krömer sagt, dass diese Gruppe viele Ideen, aber auch Enttäuschungen erlitten habe und nicht so recht wisse, wo sie die Erkenntnisse daraus einbringen könne. Ihr gegenüber säßen sowohl AfD-Wähler als auch Antifa-Anhänger und all jene, die sich politisch irgendwo dazwischen einordnen. „Man muss schon etwas aushalten können“, sagt Krömer.
Gesprächsbereit zeigte sich auch Olaf Scholz, als er sich vor einem Jahr über das Projekt informierte. Sie habe den Bundeskanzler gefragt, ob er auch manchmal von der Weiterentwicklung unseres demokratischen Systems träume, wenn er mit seinem – damals noch – Koalitionspartner Christian Lindner, dem FDP-Chef, zusammentreffe. Scholz habe geantwortet, dass er mit unserer Demokratie sehr zufrieden sei – auch wenn darin „nicht immer alles leicht“ sei. Der Bundeskanzler, erzählt Krömer, habe sich zwar interessiert gezeigt an ihrem Projekt, aber auch sehr zurückhaltend im Hinblick auf neue Beteiligungsformate, in denen Bürger Politik gemeinsam mitgestalten könnten.
„Wie führen wir die Politik und die Menschen wieder zusammen?“, richtet Krömer die nächste Frage an eine Studentin mit schwarzen Haaren, zum Pferdeschwanz gebunden, und Brille, die sich nun in den Vierersitz dazu gesellt hat.
Nach ein paar Sekunden sagt die Studentin: „Na ja, wenn es generell um Informationen geht, sehe ich erst mal das Problem der Desinformation, die zurzeit sehr brisant ist. Ich finde das Thema sehr wichtig, aber auch sehr schwierig. Die Politik müsste transparenter sein, um nicht zuzulassen, dass wirklich falsche Informationen gebildet werden.“
Krömer fragt die Studentin, ob es ein Modell für ihre Familie wäre, wenn man sich häufiger in großen Runden treffen würde, um über Nachrichten zu sprechen
„Schwierig“, sagt die Studentin. „In meiner Familie gehen die politischen Gesinnungen sehr auseinander. Manche lesen in irgendwelchen Facebook-Gruppen und stoßen auf Sachen, die nicht ganz wahrheitsgemäß sind. Ich versuche dann schon zu sagen, dass man nicht unbedingt alles auf Facebook als Informationsquelle nutzen sollte. Das wird aber häufig mit den Worten ,Ich habe mich informiert‘ abgetan. Ich glaube, es fehlt häufig der Wille, sich tiefer mit Themen auseinanderzusetzen. Seit der Corona-Pandemie ist das ein gesamtgesellschaftliches Problem geworden. Das komplett zu lösen, halte ich für utopisch.“
Stellt Krömer bei den Menschen eine gewisse Politikverdrossenheit fest? „Ich würde eher sagen eine Politikerverdrossenheit. Dass die Politik und die Gesellschaft besser miteinander kooperieren sollten und nicht gegeneinander kämpfen dürfen, wird von Tag zu Tag klarer“, sagt Krömer.
Nach drei Stunden ist die Fahrt für heute beendet. Mit ihrem Team wird sie die unterschiedlichen Meinungen auswerten und Erkenntnisse daraus an die Politik geben. Krömer will ihr Projekt ausweiten. Die Planungen für den rollenden Gesprächssalon in Chemnitz sind bereits abgeschlossen. Dabei soll es nicht bleiben.
Krömer wünscht sich die Straßenbahn als Raum für gesellschaftliche Diskurse in ganz Deutschland, in Europa, eigentlich auf der ganzen Welt. „Wir brauchen ein lebenslanges Lernen, bei dem sich erwachsene Personen nicht als abgeschlossenes Gebilde betrachten, sondern als sich permanent weiterentwickelnde Wesen“, sagt Krömer. Vielleicht reicht dafür als Lernort bereits ein Straßenbahnabteil.