Politik und Familie vereinbaren Politikerin mit drei Kindern erzählt: „Julian war oft mit im Landtag“

Natalie Pfau-Weller aus Kirchheim/Teck (rechts) nahm ihren Sohn mit in die Sitzungen des Landtags. Jonas Hoffmann aus Lörrach will Politiker sein und trotzdem präsent bei seinen Töchtern. Foto: privat/Marcel Dietrich

Vor allem Mütter junger Kinder schrecken oft vor dem zeitraubenden politischen Engagement zurück. Wie gelingt die Vereinbarkeit? Das erklären eine Mutter, ein Vater und eine Expertin.

Familie/Bildung/Soziales: Lisa Welzhofer (wel)

In seinen ersten Lebensmonaten mischte Julian schon in der Landespolitik mit. Schnullte an der Schulter seiner Mutter Natalie Pfau-Weller, wenn die im Plenum Rednern applaudierte, lümmelte in deren Arm, wenn sie sich in Ausschüssen und Fraktionssitzungen besprach, lächelte Ministerinnen in Sitzungspausen charmant aus seinem Kinderwagen im Landtagsfoyer heraus an. „Er ist ein entspanntes Kind, mit dem man das gut machen konnte“, sagt Natalie Pfau-Weller (37).

 

Im Mai 2024 brachte die CDU-Politikerin aus Kirchheim/Teck Zwillinge zur Welt – und war nach dem Mutterschutz zurück im politischen Betrieb. Fortan war Julian häufig in Stuttgart dabei, sein Bruder hatte einen gesundheitlich schwierigen Start und war in den ersten Monaten im Krankenhaus. Ins Abgeordnetenbüro der Mutter zog ein Babybettchen ein, sie stillte Julian im Büro der Landtagsdirektorin. Wurde es dem Kleinen langweilig, standen oft eine Bekannte, der Papa oder die Oma bereit, um ihn eine Runde im Wagen durch den Schlossgarten zu kutschieren.

In der Coronapandemie entschieden häufig Ältere

Mehr Mütter in die Politik – das ist eine Forderung, die spätestens seit der Coronapandemie virulent ist. Damals – so die Wahrnehmung viele Eltern – bestimmten ältere Semester, häufig Männer, in Expertenrunden und politischen Gremien über Einschneidendes für Familien mit Kindern. Zum Beispiel die langwierigen Kita- und Schulschließungen. Die Hoffnung deshalb: Verträten mehr Mütter das Volk, würden Themen aus der Perspektive betroffener Familien verhandelt– oder schafften es überhaupt erst auf die Tagesordnung.

Die Ministerinnen Marion Gentges (von links links) und Nicole Razzavi mit Natalie Pfau-Weller und Julian (im Kinderwagen) Foto: privat

Nach wie vor sind politische Gremien männlich dominiert. Im frisch gewählten Bundestag liegt der Frauenanteil bei 32 Prozent, im baden-württembergischen Landtag sind es 29, im Stuttgarter Gemeinderat immerhin 43 Prozent. Aber es tut sich etwas: Eine statistische Erhebung unserer Zeitung nach der Landtagswahl 2021 ergab, dass 85 Prozent der weiblichen Abgeordneten Kinder haben. Jede und jeder dritte aller Mandatsträger hat mindestens ein Kind unter zehn Jahren. Und Natalie Pfau-Weller ist nicht die einzige Abgeordnete, die in der laufenden Periode ein Kind bekam. Ihre Fraktionskollegin Isabell Huber brachte 2023 ebenfalls ihr zweites Kind zur Welt. Die Grünenpolitikerin Marilena Geugjes ist ein weiteres Beispiel dafür.

Tatsächlich findet Natalie Pfau-Weller, dass die Arbeit als Landtagsabgeordnete „einigermaßen gut“ mit der Kinderbetreuung und Erziehung daheim vereinbar sei. Die Plenararbeit findet gebündelt an drei Tagen in den Sitzungswochen statt, der Landtag tagt bis maximal 17 oder 18 Uhr. Zu Terminen in ihrem Wahlkreis, etwa Firmenbesuchen oder Festen, nimmt sie ein Kind oder die ganze Familie – neben den Zwillingen hat sie eine sechsjährige Tochter – teilweise mit. Sie könne ihren Kalender flexibler gestalten als manch andere Arbeitnehmerin, sagt Pfau-Weller.

Eltern-Kind-Zimmer im Landtag

Zudem hat sich der Landtag mehr auf Mitarbeiter und Abgeordnete mit Kindern eingestellt, ließ sich 2024 als „familienbewusster Arbeitgeber“ zertifizieren . Seit Januar 2025 gibt es ein Eltern-Kind-Zimmer im Landtag. Ein kleiner Sitzungsraum wurde mit Spielsachen, Kinderstühlen, Stillsessel und einem Arbeitsplatz eingerichtet. Die Initiative dafür ging von mehreren Abgeordneten verschiedener Fraktionen mit kleinen Kindern und dem CDU-Fraktionsvorsitzenden aus, Landtagspräsidentin Muhterem Aras nahm den Wunsch auf.

In den Sitzungswochen gibt es außerdem bei Bedarf eine Tagesmutter, die die Betreuung von Kindern übernimmt, wenn deren Kita bereits zumacht, die Debatten aber noch laufen. Außerdem sei das Klima in den Fraktionen offen gegenüber jungen Eltern, ist Natalie Pfau-Wellers Erfahrung. Blöde Sprüche, wenn sie ihr Kind dabei hatte, hörte sie nicht. Ihr Fraktionsvorsitzender und die Landtagspräsidentin boten ihr an, sich in ihren Büroräumen zurückzuziehen.

Spielbereich im Eltern-Kind-Zimmer des Landtags. Foto: Landtag BW

 Schwieriger mit Kindern zu vereinbaren – so sagt es Natalie Pfau-Weller – sei die Arbeit auf kommunaler Ebene, die häufig am Anfang einer politischen Laufbahn steht. Sie selbst sitzt seit 2014 im Kirchheimer Rat. Gerade in kleinen Gemeinden tagten die Gremien oft in den Abendstunden mit offenem Ende. Dazu kämen viele Termine abends und am Wochenende. Auch zu diesen nahm die Politikerin Ende 2018 ihre damals kleine Tochter mit.

Dass solche Strukturen Mütter vom politischen Engagement abhalten können, ist auch ein Befund der Journalistin und Autorin Sarah Zöllner. Für ihr aktuelles Buch „Mütter in die Politik! – Wie der Einstieg in die (Kommunal-)Politik gelingt“ hat sie 21 Politikerinnen zu deren Erfahrungen, Tipps und Forderungen interviewt, unter anderem die alleinerziehende Konstanzer Gemeinderätin Christine Finke und Katharina Schulze, Fraktionsvorsitzende der bayerischen Grünen, die mit dem baden-württembergischen Finanzminister Danyal Bayaz zwei Kinder hat. Zöllner rät Parteien, die es ernst meinten mit der Diversität, eine Willkommenskultur mit Kinderbetreuung, festen Sitzungszeiten, aber auch paritätisch besetzten Listen zu etablieren.

Neues Politikerinnenbild

Würden erst einmal mehr Eltern junger Kinder in Gremien sitzen, könnten diese gemeinsam Strukturen verändern und ein neues Politikerbild etablieren: weg vom omnipräsenten, allzeit verfügbaren Amtsträger, hin zu Menschen, die auch daheim gebraucht werden und Verantwortung übernehmen.

Auf ideale Rahmenbedingungen auf der politischen Bühne sollten Mütter aber nicht warten, sondern sie trotzdem betreten, sagt Sarah Zöllner. Überlegen müssten sie sich vorher allerdings, wie viel Zeit und finanzielle Ressourcen für so ein, häufig ehrenamtliches, Engagement zur Verfügung stehen. Manchmal sei es zunächst sinnvoll, in Verbänden und Initiativen, also im außerparteilichen Raum, mitzuarbeiten, um Erfahrungen zu sammeln und erste Netzwerke zu knüpfen.

Folgende Eigenschaften zeichnen die Politikerinnen aus, mit denen Sarah Zöllner gesprochen hat:

  • Starke Motivation und eine klare politische Vision
  • Gute Vernetzung privat wie politisch
  • Durchhaltevermögen, gute Eigenorganisation
  • Selbstbewusstsein
  • Fähigkeit zur Selbstreflexion
  • Lust, Dinge einfach mal zu machen und Verantwortung zu übernehmen

Natürlich müssten Mütter im Privaten von Freunden, Verwandten und auch Arbeitgebern unterstützt werden, idealerweise teilten sie sich die Sorgearbeit gleichberechtigt mit dem Partner auf. Dass diese nach wie vor hauptsächlich von Frauen getragen werde, ist laut Sarah Zöllner ein weiterer Grund, warum Mütter sich seltener politisch engagieren als beispielsweise Männer mit Kindern.

Wie lässt sich als Politiker Gleichberechtigung daheim Leben? Das fragt sich Jonas Hoffmann von der SPD. Foto: Fionn Große

Wie sich als Politiker eine gleichberechtigte Partnerschaft leben lässt, ist ein Thema, das aber auch Väter wie den SPD-Landtagsabgeordneten Jonas Hoffmann umtreibt. Der 39-Jährige aus dem Wahlkreis Lörrach hat zwei Töchter, vier und ein Jahr alt. Er möchte sich möglichst viel daheim einbringen. Deshalb nahm er beim ersten Kind acht Wochen Elternzeit. Seit 2014 ist das für baden-württembergische Abgeordnete bis zu sechs Monate möglich.

Als Jonas Hoffmanns Frau nach zehn Monaten wieder arbeiten ging, betreute er immer montags das Kind, zwei halbe Tage übernahmen die Großeltern. Beim zweiten Kind nun hat seine Frau länger Elternzeit genommen, der Montag bleibt dennoch sein Kinderbetreuungstag, sagt Jonas Hoffmann, der von allen Abgeordneten mit drei Stunden den längsten Weg in den Stuttgarter Landtag hat. Alle paar Monate käme seine Familie außerdem mit nach Stuttgart zur Sitzungswoche.

Männer auf der Suche nach neuer Rolle

In den ersten Lebensmonaten eines Kindes sei es für Frauen herausfordernder, Amt und Familie zu vereinbaren, hat der Experte für Digitalisierung beobachtet, weil das Kind durchs Stillen eng mit ihnen verbunden sei. Aber auch Männer suchten nach ihrer Rolle zwischen politischer und privater Arbeit, nach einer „neuen Männlichkeit“. Jonas Hoffmann findet, dass es – neben unterstützenden Systemen wie Kinderbetreuung während Sitzungen oder dem Eltern-Kind-Zimmer, das auch er angeregt hatte – einen Kulturwandel bräuchte: „Es wird noch immer erwartet, dass die Frau einem Abgeordneten den Rücken frei hält, sodass sich der ganz auf die Politik konzentrieren kann“, sagt Hoffmann. „Aber das ist nicht mehr zeitgemäß.“

Wichtig ist ihm Familienfreundlichkeit auch als Arbeitgeber. Seine beiden Mitarbeiter im Wahlkreisbüro haben ebenfalls kleine Kinder. „Bei unserer digitalen Besprechung montags sind oft mehr Kinder als Erwachsene im Bild“, sagt Jonas Hoffmann und lacht.

Und bringen Eltern kleiner Kinder nun andere Themen und Sichtweisen in die Politik ein? Seine Themen hätten sich nicht geändert, seit er Vater ist, sagt Jonas Hoffmann, wohl aber seine Haltung. Er denke etwa Wohnpolitik mehr aus der Perspektive junger Familien heraus. Die Autorin Sarah Zöllner hat in ihren Recherchen erlebt, dass Mütter andere Themen aufgreifen, etwa im Kommunalen die Frage, ob und wie Städte frauen- und familienfreundlich geplant werden können.

Natalie Pfau-Weller sagt, dass ihr Muttersein für die Wähler teils eine Rolle spiele. Die Aufregung von Lehrkräften, Eltern und Kindern um die neuen Grundschultests Kompass 4 im Herbst 2024 beispielsweise erlebte sie sehr direkt. Wenn sie vor der Grundschule auf ihre Tochter wartete, sprachen andere Eltern sie an. „Als Politikerin, die auch die Mutterperspektive hat“, sagt Natalie Pfau-Weller. Was sie hört und erlebt, bringt sie bei ihren bildungspolitischen Kollegen ein.

Bücher zum Thema

Mütter in die Politik
21 Politikerinnen aus ganz Deutschland erzählen in Sarah Zöllners Buch „Mütter in die Politik! Wie der Einstieg in die (Kommunal-)Politik gelingt“ (Helmer 2025, 20 Euro) von ihrem Werdegang und geben praktische Tipps. Das Buch versteht sich als Ratgeber. Im ersten Teil erklärt die Autorin, warum Mütter für Politik besonders geeignet sind, welche politischen Gremien und anderen Formen von Beteiligung es gibt, was man sich vor einem Engagement überlegen sollte und wie man sich Zeit für ein Amt schafft.

Politisches Empowerment für Familien
Bekannt wurde die gebürtige Karlsruherin Natascha Sagorski, weil sie mit einer Petition und viel Lobbyarbeit den Grundstein für den Mutterschutz nach Frühgeburten legte, der dieses Jahr vom Deutschen Bundestag beschlossen wurde. Danach steht Frauen bei einer Fehlgeburt bereits nach der 13. Schwangerschaftswoche Mutterschutz zu, vorher lag die Grenze bei der 24. Woche. Nun hat Sagorski ein Buch veröffentlicht, in dem sie Familien auffordert, sich politisch zu engagieren und für ihre Themen einzustehen. „Wie wir mit unseren Kindern die Demokratie verteidigen“ (Beltz 2025, 18 Euro) gibt Tipps und Anleitungen, unter anderem, wie man Öffentlichkeit für seine Anliegen schafft, welche Formen der Partizipation es gibt, aber auch, wie der Weg in politische Gremien führt. (wel)

Weitere Themen

Weitere Artikel zu Mutter Landtag