Die Frage liegt nicht fern, aus welchen Löchern die merkwürdigen Figuren gekrochen sind, die plötzlich allerorts die Landschaft bevölkern. Vom nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un könnte man annehmen, er sei einem Comic entsprungen – wie er sich gibt, kleidet und, ja, frisiert. Wladimir Putin entspricht dem Bösewicht aus einem James-Bond-Streifen: im Herzen kalt wie Eis, skrupellos wie ein Mörder, verschlagen wie eine Schlange. Donald Trump wiederum agiert im Stil eines vulgären Gauner-Kapitalisten, der nichts vom liberalen Verfassungsstaat versteht, viel dagegen von erpresserischen Geschäftsmethoden. Bluffen, dealen, drohen, beleidigen. Schade, dass es keinen Bert Brecht mehr gibt und keinen Kurt Weill, die diese unerquicklichen Narzissten und seine Brüder in Wort und Ton setzen: die „Dreimonsteroper“.
Genug damit, will man sagen. Nichts Neues mehr über diese Figuren der Finsternis. Das Problem ist nur, dass der Schrecken Schule macht. Geschrei, Gemeinheit und Gewalt vernebeln die Gehirne. Die Verächter der Demokratie verbünden sich, seltsame Koalitionen entstehen. Trump bewundert Putin, Israels Premier Benjamin Netanjahu verbrüdert sich in Budapest mit Viktor Orbán, der antisemitisch gefärbte Wahlkämpfe führte. Ein Netzwerk von Stiftungen, Unternehmern und Organisationen in den USA versucht, Einfluss auf die Innenpolitik anderer Staaten zu nehmen, auch in Deutschland. Die neue Politik ist schrill, lügenhaft und ordinär. Sie verherrlicht Stärke und Reichtum und neigt zur Gewalt. Sie predigt Ungleichheit und zielt allein auf den eigenen Vorteil. Dummheit stört nicht. Wenn der Wahnsinn normal wird, dann bleibt das nicht ohne Folgen für das Fühlen und Denken zumal junger Leute, die in diesem überreizten, medial getriebenen Jahrmarktmilieu aufwachsen. Sie kennen nichts anderes mehr.
Laut der jüngsten Ausgabe der Leipziger Autoritarismus-Studien, die Ende 2024 erschien, kann sich fast ein Viertel der Befragten „einen Führer vorstellen, der mit harter Hand durchgreift“. Mehr noch, fast die Hälfte, fände eine starke Einheitspartei attraktiv. Die AfD konkurriert in den Umfragen mit der CDU um Platz eins. Woher kommt der Wahnsinn? Vor fast hundert Jahren, während der Weimarer Republik, erschien das Buch „Geniale Menschen“ des Marburger, später Tübinger Professors für Psychiatrie und Neurologie Ernst Kretschmer (1888-1964). Das Buch ist wissenschaftlich überholt, aber nicht frei von interessanten Beobachtungen, zum Beispiel, wenn es heißt: „Es ist also nur ein kleines Stück der Wahrheit, wenn man sagt: Dieser oder jener Fanatiker oder radikale Schwärmer oder prophetische Idealist hat eine Revolution entzündet. Die großartigen Fanatiker, die Propheten und die Schwärmer, wie die kleinen Schwindler und die Verbrecher sind immer da, und die Luft ist voll von ihnen; aber nur, wenn der Geist eines Zeitalters sich erhitzt, vermögen sie Krieg, Revolution und geistige Massenbewegung zu erzeugen.“ In den „kühlen Zeiten“, schreibt der Arzt, „begutachten wir sie, und in den heißen beherrschen sie uns“.
Argumentationsmuster der Faschisten
In Krisenzeiten setzt der Verstand aus, dann rühren sich – um ein ursprünglich auf die Sexualität gemünztes Thomas-Mann-Zitat zu variieren – „die Hunde im Souterrain“. Die Ratio weicht dunklen Trieben. Ähnlich argumentierte Leo Löwenthal in seinem nach dem Zweiten Weltkrieg erschienen Buch „Falsche Propheten“. Darin untersucht Löwenthal, der als Mitarbeiter des Frankfurter Instituts für Sozialforschung 1934 in die USA emigrierte, die Agitationsmuster amerikanischer Faschisten. Löwenthal schreibt: „Anstelle der gezielten intellektuellen Anstrengung, wie sie vom Reformer oder vom Revolutionär gefordert wird, gibt der Agitator seinen Anhängern die Erlaubnis zur Hingabe an Fantasien und Tagträume, in denen sie ihre leidenschaftliche Wut gegen angebliche Feinde ausleben können.“
Er gibt dafür auch ein Beispiel: „In einem überfüllten New Yorker Bus beschwert sich eine Frau lautstark über die schlechte Luft, an der sie ersticke, und über die Mitpassagiere, die sie schubsen und drängeln, und sie fügt hinzu, dass ‚man etwas dagegen tun‘ müsse. Ein anderer Passagier entgegnet: ‚Sie haben ganz recht, das ist unerhört. Die Busgesellschaft sollte mehr Busse für diese Route bereitstellen.‘ Ein dritter Passagier jedoch erklärt ärgerlich: ‚Das hat nichts mit der Busgesellschaft zu tun.‘ Das hänge mit den Ausländern zusammen, die nicht einmal anständig Englisch sprechen könnten. Man solle sie dorthin schicken, wo sie herkämen.“ Solche Sprüche hat es immer gegeben. Im Normalfall lösen sie peinliches Schweigen oder Spott aus. In Krisenzeiten verfangen sie.