Die Grünen Ricarda Lang und Robert Habeck sind Protagonisten eines neuen Politikstils: Wichtiger als das politische Vermögen oder Unvermögen des Politiker ist seine Persönlichkeit, kommentiert Ursula Weidenfeld.

Es gibt kaum jemanden in Berlin, der neuerdings so viel Wertschätzung bekommt wie Ricarda Lang. Das Lob von Parlamentskollegen, Parteifreundinnen und Politikbeobachterinnen ist einhellig. Es gilt nicht der politischen Arbeit der zurückgetretenen grünen Parteivorsitzenden, es gilt ihrer Person. Der Umgang mit Lang zeigt, wie sehr sich das Politikverständnis in den vergangenen Jahren gewandelt hat. Erfolg ist, wenn man als Mensch gut ankommt. Die Bilanz – das Erreichte, das Gelungene, das Gescheiterte – treten dahinter zurück.

 

Die bisherige Erwartungshaltung war so: Politikerinnen und Politiker stehen als Person für die Sache ihrer Partei – und zwar am besten voll und ganz. Die Wählerinnen erwarten den wahren Olaf Scholz, den echten Robert Habeck, die wirkliche Ricarda Lang. Authentizität ist entscheidend, darf jedoch keinesfalls mit persönlicher Freiheit oder gar Beinfreiheit verwechselt werden. Sie ist inszeniert und wird von Konventionen und Erwartungshaltungen geprägt. Deshalb beschäftigten Ministerien und Parteizentralen all die Maskenbildner, Stilberaterinnen und Sprechtrainer. Echtsein muss geübt werden.

Habeck war kein guter Wirtschaftsminister

Nun aber wandelt sich das Bild weiter – bei den Grünen schneller als in den anderen Parteien. Vielleicht liegt es daran, dass sich die Partei jetzt als bündniskanzlerhaft empfiehlt, obwohl sie ahnt, dass es bestenfalls zum „Bündnisvizekanzler“ reicht. Die politische Sache verschwindet vollends hinter dem persönlich Echten. Robert Habeck und Ricarda Lang sind die besten Beispiele dafür.

Habeck war kein guter Wirtschaftsminister, Deutschlands Wirtschaft fiel in den Jahren seiner Amtszeit zurück. Der Wirtschaftsstandort wird in den Rankings nach hinten durchgereicht, die industrielle Basis zerfällt, und der Minister findet kein Rezept dagegen. Dennoch ist er Kanzlerkandidat seiner Partei geworden, gilt er als authentisch, als Hoffnungsträger. Wenn er am Küchentisch von Erzieherinnen, Studenten und potenziellen Kritikern sitzt, kann man doch nicht fragen, ob es wirklich mehr Erzieherinnen oder mehr Geld für pflegende Angehörige geben wird demnächst. Die Person hat sich vom bisherigen Amt, den Fehlern und Versäumnissen emanzipiert. Dass das gelingt, ist die politische Lebensversicherung Habecks.

Ihr Humor. Ihre Schlagfertigkeit. Und jetzt auch noch die Diät

Bei Ricarda Lang sind es vor allem die Umstände ihres Scheiterns, die politische Freundinnen und Wettbewerber beeindruckt haben. Sie immunisieren die Politikerin jetzt gegen Vorwürfe, politisch nichts erreicht zu haben. Wie die junge Frau die fiesen Anwürfe wegen ihrer Figur ignoriert hat. Wie aufrichtig sie die Verantwortung für den Niedergang der Partei bei den jüngsten Wahlen übernommen hat. Wie anständig sie im persönlichen Umgang ist. Ihr Humor. Ihre Schlagfertigkeit. Und jetzt auch noch die Diät.

Ricarda Langs Leben erscheint dem Publikum als Fortsetzungsroman, der noch viele Episoden haben könnte. Ihre politische Sache dagegen spielt keine Rolle. Sie sieht sich als Sozial-, Frauen- und Klimapolitikerin. Sie sei in die Politik gegangen, weil sie sich für die Armen und Benachteiligten engagieren wollte. Ihr Ziel, zusammen mit ihrem Realo-Co-Vorsitzenden Omid Nouripour die Partei zu versöhnen erreichte sie ebenfalls nicht. Die Familienprojekte der Grünen scheiterten, die linke Jugend verließ im vergangenen Jahr die Partei ziemlich geschlossen.

Kein Maßstab für Messbarkeit

Und doch erscheint die Grünenpolitikerin vielen wieder als Lichtgestalt. Jetzt kann sie die Roboterisierung der Politikersprache kritisieren. Sie muss sie ja nicht mehr benutzen. Nun kann sie über ihr Gesundheitsprogramm reden. Sie muss ja nicht mehr als Bodypositivity-Vorbild für junge Frauen herhalten und gleichzeitig Hassfigur der Internettrolle sein.

Das alles ist nicht neu, das Private war schon immer politisch? Schon. Nur, dass in den Siebzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts das Private politisiert wurde. Jetzt geht es umgekehrt. Das Politische kommt radikal privat daher – und entzieht sich so der Messbarkeit.