Politiktheater Das Schweigen des Thomas Strobl
Nicht nur in der Landespolitik wird viel aufgeblähtes Zeug geredet. Thomas Strobl hat zum Ende seiner Vize-Ministerpräsidentschaft diese Misslichkeit erkannt, schreibt Reiner Ruf.
Nicht nur in der Landespolitik wird viel aufgeblähtes Zeug geredet. Thomas Strobl hat zum Ende seiner Vize-Ministerpräsidentschaft diese Misslichkeit erkannt, schreibt Reiner Ruf.
Der Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll (1917-1985) ist heute fast vergessen. Das schmerzt. Der stille, aber streitbare Melancholiker aus der rheinischen Metropole des imperativen Frohsinns (-> Köln, Kölle Alaaf, Cologne oder auch Colonia Claudia Ara Agrippinensium) gehörte zu den prägenden Intellektuellen der alten Bonner Republik. Zehn Jahre nach Kriegsende, 1955, veröffentlichte er eine Kurzgeschichte, der in unserem ganz anderen Zeitkontext eine gewisse Aktualität innewohnt.
Ausgerechnet der derzeit noch als Vizeministerpräsident firmierende Thomas Strobl erinnerte anlässlich der offiziellen Verabschiedung des Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann im Stuttgarter Neuen Schloss an Bölls Erzählung „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“. Natürlich nicht explizit. Böll mochte die CDU nicht: diesen rheinischen Klüngel, in dem sich die restaurative Politik der Adenauer-Zeit mit katholischer Bigotterie verband. Dabei handelte es sich bei Böll um einen Intellektuellen, dem, wie wiederum Kretschmann formulieren würde, eine religiöse Musikalität zu eigen war. Womit gemeint ist: Böll zeigte sich offen für die großen Fragen der irdischen – und eventuell himmlischen – Existenz des Menschen, der als Homo doloris nach Erlösung lechzt. In seinem „Brief an einen jungen Katholiken“ schildert Böll, wie er, zum Kriegsdienst in Hitlers Armee gerufen, an einer kirchlichen Einkehr teilnahm, in der wenig von der Not des Tötens und Sterbens die Rede war, umso mehr hingegen von den moralischen Gefahren, die von Besuchen der von der Wehrmacht betriebenen Feld-Bordelle ausgingen.
Zurück zu Strobl, der zwar Protestant ist, als solcher mit Hitlers „Deutschen Christen“ freilich ein weit diffizileres historisches Erbe zu tragen hat. Strobl also offenbarte in seiner Lobrede auf den scheidenden Regierungschef Kretschmann, dass sie beide, der Ministerpräsident und sein Vize, ihre intimen Gespräche mitunter unterbrochen hätten, um zu schweigen. Ob sie erbittert einander anschwiegen oder ihr Zusammensein einvernehmlich beschwiegen, blieb unklar. Dennoch zeigte sich das Publikum im Neuen Schloss berührt von dem Gedanken, wie Kretschmann und Strobl an einem der Fenster in der Villa Reitzenstein stehen und schweigend in den Garten hinausblicken. Wir dürfen uns vorstellen: Kretschmann mustert wortlos das eine oder andere Gewächs, denkt sich seinen lateinischen Namen, spricht diesen aber nicht aus, um seinen Freund Strobl nicht zu stören, der tief im Nichtdenken versunken ist.
Mit dem Lob des Schweigens wusste Strobl sogar eingefleischte Strobl-Kenner zu überraschen. Denn Strobl ist in der Landespolitik berühmt als Langredner, der es versteht, mit kühner Geste die simpelsten Einsichten imposant zur Darstellung zu bringen. Dieser Strobl zog nun plötzlich einen innovativen Gedanken ans Tageslicht, dessen volle Bedeutung das Publikum zunächst gar nicht erfasste. Man stelle sich die Folgen vor, wenn Strobl künftig dem Schweigen in der Landespolitik zum Durchbruch verhülfe. Im Landtag brüteten auf der rechten Seite des Plenarsaals die AfD-Abgeordneten dumpf im deutschen Schweigen, gegen das – mitte-rechts – die CDU-Leute die Brandmauer des patriotischen Schweigens setzten. Mitte-links verharrten die Grünen in wortloser Bewunderung für ihren Ministerpräsidenten, während links die Reste der Sozialdemokratie solidarisch ihr Elend beschwiegen.
Bei Bölls Doktor Murke handelt es sich um einen jungen Rundfunkredakteur, der Tonbandabschnitte sammelt, auf denen der Redner für einen Augenblick schweigt. Diese Passagen des Schweigens schneidet er zusammen, um sich zuhause das, nun ja, gesammelte Schweigen anzuhören. Die Handlung ist etwas komplexer, das tut hier nichts zur Sache. Der Rundfunkredakteur unterzieht sich dem Schweigen als reinigenden Akt, der es ihm erst ermöglicht, all das sinnlose, verlogene oder aufgeblähte Gerede auszuhalten, das ihm in seinem Beruf begegnet.
Wenn nun die Kolleginnen und Kollegen vom SWR das landespolitische Schweigen aufzeichneten und auf ihrer Heimatwelle unkommentiert sendeten, könnten sie völlig neue Maßstäbe für die politische Berichterstattung setzen. Die Interpretation des Nichtgesagten – ob befreiende Wahrheit oder hanebüchener Unsinn – bliebe allein dem Publikum überlassen. Mehr Objektivität in der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung geht nicht. Nun muss nur noch Thomas Strobl mit seinem überzeugenden Vorbild das Schweigen zur Raison d’Être der Landespolitik erheben. Wichtig zu wissen ist freilich: Schreiben bleibt weiterhin erlaubt.