Politisch korrektes Verhalten Nehmt mehr Rücksicht aufeinander!

Verfechter der politischen Korrektheit möchten in einer Welt ohne Diskriminierung leben. Foto: dpa

Politisch korrektes Verhalten ist in Verruf geraten. Dabei sprechen gute Gründe dafür. Seine Verfechter müssten nur öfter erklären, worum es eigentlich geht.

Stuttgart - Käse ist sexistisch. Warum? Weil bei der Herstellung von Käse weibliche Kühe diskriminiert werden. Davor warnt ein Artikel auf der Internetseite www.veganblog.de. Kühe würden erst grausam künstlich befruchtet, später würden ihnen Kalb und Milch weggenommen. Der Text steht unter dem Schlagwort „Feminismus“. Könnten Kühe sprechen, glaubt die Autorin, würden sie sagen: #metoo. Wer kein Sexist sein will, heißt das, sollte also bitte keinen Käse mehr kaufen.

 

Da ist er: der moralisch erhobene Zeigefinger. Tu dies nicht, sag jenes nicht. Manche nennen das eine „Gedankenpolizei“, die im Namen der politischen Korrektheit alles viel zu ernst nimmt und dabei über das Ziel hinausschießt. Am Ende weiß niemand mehr, was er noch sagen darf, ohne sofort verurteilt oder abgekanzelt zu werden. Viele Menschen, egal welcher politischer Gesinnung, werden den Kopf schütteln und sagen: Käse, Sexismus, Diskriminierung? Das ist doch übertrieben!

Shitstorms helfen niemandem weiter

So ist die politische Korrektheit in Verruf geraten. Die Autorin des Artikels über diskriminierte Kühe möchte offenkundig eine bessere Behandlung der Tiere – eine Diskussion, die die Menschheit fraglos öfter führen könnte. Doch darum geht es nicht. Vielmehr offenbart der Text ein grundlegendes Problem der – zumeist eher politisch links verorteten – Verfechter politischer Korrektheit: Sie halten sich mit Kleinigkeiten auf, schwingen auch dabei stets eine schwere moralische Keule und lassen keine Debatte zu. Sie vergessen darüber das Wichtigste: zu erklären, warum ihr Anliegen berechtigt ist. Denn das ist es tatsächlich oft. Mit Shitstorms und Anprangern kommt aber niemand weiter.

Dabei gibt es gute Gründe, warum ein „Zigeunerschnitzel“ nicht mehr so heißen soll oder warum der „Negerkuss“ nun ein Schokokuss ist. Ebenso, warum man „Schwuchtel“ und „Mongo“ nicht sagen darf. Und doch haben sich diese Themen zu einem gesellschaftlichen Minenfeld entwickelt, eben weil viele nicht mehr wissen, was richtig ist und was falsch, und auch kaum einer offen darüber spricht. Deshalb wäre es wichtig, behutsam vorzugehen – ohne moralischen Vorschlaghammer. Es wäre notwendig, beharrlich zu erklären, worum es geht, wenn von politischer Korrektheit die Rede ist. Leider fehlt den Verfechtern dieses Gedankens oft die Geduld.

Politische Korrektheit ist ein leerer Kampfbegriff

Das alles hat dazu beigetragen, dass die politische Korrektheit zum inhaltsleeren Kampfbegriff geworden ist. So kommt es, dass nicht mehr nur Rechtspopulisten von einer „Gedankenpolizei“ tönen und die Meinungsfreiheit in Gefahr sehen. Das Verständnis für diese Art von Diskussionen, die eben meist nur Einbahnstraßen sind, ist selbst im bürgerlichen Lager der politischen Mitte rapide gesunken. Stattdessen klagen viele Menschen, Männer dürften Frauen keine Komplimente mehr machen, ohne als Sexisten zu gelten. Andere witzeln, Büro-E-Mails dürften nur noch an Kolleg*innen gehen, um ja niemanden zu beleidigen. Wenn dann noch irgendwo Unisex-Toiletten eingeführt werden sollen, wird nur verächtlich der Kopf geschüttelt: Haben wir sonst keine Probleme?

Diese Reaktion ist verständlich, wenn niemand darüber spricht, warum all das notwendig ist. Dafür sollten wir einen Schritt zurücktreten und über den Kern politisch korrekten Verhaltens nachdenken. Dabei wird deutlich, wie viele Aspekte unseres Zusammenlebens es eigentlich berührt. Homophobie und Sexismus zum Beispiel oder Alltagsrassismus und Minderheitenrechte – man könnte auch sagen: Es geht um Mitgefühl für Mitmenschen, Rücksicht aufeinander und Respekt voreinander. Politische Korrektheit bedeutet nicht, der Mehrheit mit Denk-, Sprech- oder gar Witzverboten absichtlich auf die Nerven zu gehen. Das ist ein Missverständnis, das es aufzulösen gilt.

Welche Werte gelten in unserer Gesellschaft?

Der Begriff der politischen Korrektheit ist größer, als er in der öffentlichen Debatte zu sein scheint. Die anonyme Aktionskünstlerin Barbara hat einmal auf einem ihrer politischen Plakate geschrieben: „Eine Gesellschaft, in der ‚behindert‘, ‚schwul‘ und ‚Gutmensch‘ als Schimpfwörter funktionieren, hat ein Problem.“ Das trifft es auf den Punkt. Politisch korrektes Verhalten bedeutet für jeden Einzelnen, sich bewusst zu sein über die eigenen Worte, das eigene Handeln. Denn beides hat das Potenzial, Mitmenschen auch ganz ohne böse Absicht ernsthaft zu verletzen.

Es steckt hinter alldem die große Frage, welche Werte in unserer Gesellschaft gelten. Die Antwort darauf ist viel einfacher, als mancher denkt, und sie wurde schon vor langer Zeit festgehalten: im Grundgesetz und in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Beide sind ein Statement gegen Diskriminierung von Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, Herkunft, Vermögen oder Geburt. Denkt man politisch korrektes Verhalten zu Ende, zielt es genau darauf ab. Es ist Gutmenschentum im Wortsinne.

Niemand sucht sich aus, wo er geboren wird

Warum ist das für eine Gesellschaft erstrebenswert? Verfechter der politischen Korrektheit kämpfen für einen menschlicheren Umgang miteinander. Weshalb soll sich nicht jeder bei uns gleichermaßen wohlfühlen dürfen? Inwiefern schadet es uns, in unserem Alltag Rücksicht aufeinander zu nehmen? Niemand kann sich aussuchen, wie, wo oder unter welchen Umständen er zur Welt kommt. Korrekt wäre es, das immer im Hinterkopf zu haben.

Angesichts dessen ist es verwunderlich, dass diese Grundwerte, für die sich die westliche Welt stets feierte, bei uns nach wie vor kein gelebter Grundkonsens sind. Wer die öffentliche Debatte in Deutschland verfolgt, dem drängt sich der Eindruck auf, das Land sei von einem solchen Konsens weiter entfernt als in den späten 1940er Jahren. Dasselbe gilt für einen Blick in die sogenannten sozialen Medien. Anders lassen sich die endlosen, oft beleidigenden Debatten über die Ehe für alle, die Einführung eines dritten Geschlechts im Geburtenregister oder auch nur darüber, dass eine Frau im Fernsehen Männerfußball kommentiert, nicht erklären.

Die AfD zieht mit Diskriminierung in die Landtage ein

Anfang des Jahres war ein Gedicht Ursache für eine harte Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit. Das Werk von Eugen Gomringer verschwand von der Fassade einer Berliner Hochschule. Es handelte von einem Mann, der Frauen, Blumen und Alleen bewundert. Und das sei sexistisch, fanden Studierendenvertreter. Mehr als dieser Hinweis hat es aber nicht in die anschließende hitzige Diskussion über Kunstfreiheit geschafft. Denn da war ja wieder die Gedankenpolizei. Und ja, der Text ist zunächst ein minder schwerer Fall von Sexismus. Er beschreibt Frauen als Objekte, in einer Linie mit Blumen und Straßen, ist aber letztlich doch auch Kunst. Dennoch geht es auch dabei um eine diskriminierungsfreie Gesellschaft, in der kein Geschlecht als Objekt ohne menschliche Eigenschaften gesehen werden sollte. Solange diese Gedanken immer wieder neu formuliert werden, auch in der Kunst, werden Frauen weiter so behandelt.

Lange schien es außerdem, als gäbe es eine Art Konsens darüber, dass unsere Gesellschaft Rassismus ablehnt. Und tatsächlich: Kaum jemand würde sich selbst als Rassist bezeichnen. Trotzdem leben wir in einer Welt voller Diskriminierung von Menschen, die anders aussehen oder anders sprechen. Meist reichen Äußerlichkeiten für einen abfälligen oder mindestens gedankenlosen Spruch. AfD-Politiker benutzen im Wahlkampf wie selbstverständlich das Wort „Neger“. Trotzdem – oder gerade deshalb? – sitzen sie wohl bald in allen Landtagen.

Alltagsrassismus ist weitverbreitet

Kürzlich haben Deutsche mit Migrationshintergrund unter dem Schlagwort #metwo auf dem Kurznachrichtendienst Twitter ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus aufgeschrieben. Sie erzählten, dass sie mit ausländisch klingendem Namen keine Antwort von Vermietern erhalten, die deutsche Freundin aber schon. Dass Mitmenschen wegen ihres Aussehens über das gute Deutsch staunen oder dass Männer öffentlich über den exotischen Geruch farbiger Frauen fantasieren.

Schnell standen die Verbreiter solcher Erfahrungen in der Kritik. Das stehe nicht für die ganze Gesellschaft, hieß es. Und zwischen den Zeilen: Ihr übertreibt! Natürlich tun sie das nicht. Ein solches Verhalten, wie es beschrieben wird, ist Diskriminierung, sie führt dazu, dass Menschen verletzt werden und sich in unserer Gesellschaft nicht mehr wohlfühlen. Auch abwertende Begriffe wie der „Mohrenkopf“ und das „Zigeunerschnitzel“, für die es übrigens gute Alternativen gibt, haben diese Auswirkung.

Diskriminierung ist keine Meinung

Bleibt die Frage: Beschränkt das nicht die Meinungsfreiheit? Ist es vorauseilende Zensur, wenn jemand vorschreibt, welche Wörter verboten sind? Nein, denn Meinungsfreiheit und das Recht, nicht diskriminiert zu werden, schließen sich nicht aus. Diskriminierung, bewusst oder unbewusst, ist keine Meinung. Und Rücksichtnahme ist keine Vorzensur. Aleida Assmann, die neue Preisträgerin des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, sagte ihn ihrer Rede treffend: „Es muss (. . .) einen Grundkonsens geben – wie die Verfassung und die Menschenrechte. Nicht jede Gegenstimme verdient Respekt.“

Stattdessen müssen wir akzeptieren, dass sich soziale Normen verändern. Was vor 50 Jahren richtig zu sein schien, muss es heute nicht mehr sein. Es fühlen sich auch nicht plötzlich mehr Leute verletzt, früher hat nur kaum jemand aufbegehrt. Doch Menschen emanzipieren sich nach und nach – und fordern ihre Menschenrechte ein. Deshalb dürfen Homosexuelle heiraten, deshalb gibt es ein drittes Geschlecht im Geburtenregister. Das hat mit linker Ideologie nichts zu tun, es ist schlicht der Lauf der Dinge. Auch Moral ist im Grunde unpolitisch. Und etwas Gutes, weil sie auf Basis des Grundgesetzes die Leitplanken festlegt, an denen wir unser Verhalten abstimmen.

Moral darf kein Schimpfwort sein

Trotzdem ist sie zum Schimpfwort geworden. Das muss sich ändern, die Skepsis gegenüber politischer Korrektheit und damit gegenüber unseren Grundwerten darf nicht weiter wachsen. Dann nämlich werden moralische Leitplanken immer öfter wie selbstverständlich überschritten – mit dem Ergebnis einer immer stärker zersplitterten Gesellschaft voller Misstrauen. Dann ist politische Korrektheit auch nicht mehr kleinlich oder gar übertrieben.

Für die Verfechter einer menschlicheren Gesellschaft bedeutet dies mehr Arbeit. Sie müssen immer wieder erklären, warum ein herabsetzender oder beleidigender Wortschatz Mitmenschen verletzt und welche Alternativen es gibt. Und sie müssen sich fragen, ab welcher Fallhöhe sie Kritik üben – es ist beispielsweise wichtiger zu erläutern, warum Frauen nicht als Objekte gesehen werden dürfen, als dass Käse ein sexistisches Produkt sei. Diese weit verbreitete Ignoranz muss nicht zementiert sein. Ein Bewusstsein für mehr Rücksicht aufeinander entwickelt sich jedoch nicht über Nacht.

Nur Idealismus bringt uns weiter

Natürlich steckt in alldem viel Idealismus. Aber nur so gelangt unsere Gesellschaft irgendwann an einen Punkt, an dem wir uns mehr Zeit nehmen, aufeinander zu achten. Das sollten unsere Mitmenschen uns wert sein. Und wenn dereinst Wörter wie „schwul“ oder „Mongo“ nicht mehr als Beleidigungen gebraucht werden, können wir auch wieder beruhigt Käse kaufen.

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