Die FDP-Landtagsfraktion kritisiert eine Schlechterstellung von gesellschaftswissenschaftlichen Fächern in baden-württembergischen Gymnasien gegenüber den Sprachen oder einem mathematisch-naturwissenschaftlichen Schwerpunkt. „Schüler können in der Oberstufe zwei Sprachen oder Mathematik und Physik als Neigungsfach wählen, nicht aber Geschichte und Gemeinschaftskunde“, erklärt der Bildungspolitiker der Liberalen, Timm Kern. „Das ist eine Benachteiligung genau der Fächer, die für die politische Grundbildung wichtig ist.“ In Zeiten, in denen westliche Demokratien Anfechtungen durch Desinformation, Propagandaangriffe und Fake News von innen und außen erleben, hält er diese Schwerpunktsetzung für ungenügend.
Ministerium weist Diskriminierungsvorwurf zurück
Mit seiner – in eine Anfrage an die Landesregierung verpackten – Anregung, die Gleichstellung der Gesellschaftswissenschaften an den Allgemeinbildenden Gymnasien herzustellen, ist Kern allerdings im Kultusministerium abgeblitzt. „Alle Fächer im gesellschaftswissenschaftlichen Aufgabenfeld (Geografie, Geschichte, Gemeinschaftskunde, Religionslehre, Ethik, Wirtschaft) sind in der gymnasialen Oberstufe der allgemein bildenden Schulen in Baden-Württemberg grundsätzlich als fünfstündiges Leistungsfach wählbar“, erklärt das Ministerium in der Antwort auf die liberale Anfrage. Insofern gebe es keine Unterschiede zu den Fächern aus den anderen Bereichen. Im übrigen gehe Baden-Württemberg bei den Belegungspflichten für diese Fächer weit über die Anforderungen der Kultusministerkonferenz hinaus. In mancher Hinsicht seien Geschichte und Gemeinschaftskunde sogar gegenüber dem mathematisch-naturwissenschaftlichen Themenfeld privilegiert. Einen weiteren Anpassungsbedarf sieht das Ministerium nicht.
FDP wirft Grün-Schwarz Selbstzufriedenheit vor
Kern hält das für falsch und wirft der Landesregierung Selbstzufriedenheit vor. „Gerade in Zeiten schwerer weltweiter Krisen – derzeit die Corona-Pandemie oder jüngst der Ukraine-Krieg – sehen manche ihre Chance, gezielt Falschinformationen, gefährliche Weltbilder und antidemokratische Positionen zu verbreiten“, betont er im Gespräch mit unserer Zeitung. „Politische Bildung ist hierbei das beste, wenn nicht gar einzige Mittel, um Erwachsene, vor allem aber auch Kinder und Jugendliche zu sensibilisieren und sicherzustellen, dass diese zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern erzogen werden.“
Die Begründung aus dem Haus von Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne), dass eine Erhöhung der Stundenzahl zugunsten von Gemeinschaftskunde gehen würde, befriedigt den Liberalen nicht. „Dies erscheinen mir lösbare Probleme im Vergleich zu dem, was geschieht, wenn unsere Kinder und Jugendlichen einen Mangel an Politischer Bildung erleiden: Der Erhalt unserer auf der freiheitlich-demokratischen Grundordnung fußenden Gesellschaft bedingt die mündige Bürgerin und den mündigen Bürger – doch die entsprechende Erziehung zur politischen Mündigkeit ist kein Selbstläufer.“
Schoppers Fachleute weisen darauf hin, dass die politische Bildung an Gymnasien ab dem übernächsten Schuljahr sowieso eine weitere Stärkung erfahre. Ab dem Schuljahr 2023/2024 dürften Schülerinnen und Schüler freiwillig zwei zusätzliche Kurse Geografie und/oder Gemeinschaftskunde belegen und als mündliches Prüfungsfach wählen. Das eröffnet interessierten Gymnasiasten die Möglichkeit zur Vertiefung.