Politische Bildung in Stuttgart Demokratie und Zimtschnecken

Workshop bei der Langen Naht der Demokratie im Treffpunkt Rotebühlplatz Foto: Lichtgut/Leif Piechowski/Leif Piechowski

Wie kann man Menschen für die Demokratie interessieren oder zurückgewinnen? Eine Erkenntnis aus der ersten Langen Nacht der Demokratie lautet: Rausgehen – auch dorthin, wo’s wehtut. Ein Kommentar von Jan Sellner.

Stadtleben/Stadtkultur: Jan Sellner (jse)

Wenn Demokratie eine Zimtschnecke wäre, würden die Leute Schlange stehen und sich darum reißen. Leider kann man sich mit Demokratie nicht einfach so den Nachmittag versüßen. Dabei ist sie viel besser als ein süßes Stückchen – nämlich eine Art tägliches Brot. Ein Grundnahrungsmittel, das wir selbstverständlich zu uns nehmen. Manchmal zu selbstverständlich. Andere scheinen dessen überdrüssig zu sein und werden zu Demokratieverächtern. Oder wie soll man den wachsenden Zuspruch für diejenigen deuten, die zwar keine Zimtschnecken unters Volk bringen, aber süßes Gift, das den demokratischen Geist vernebelt?

 

Mehr Unterstützung für politische Bildungsarbeit

Wieder andere sind indifferent. Sie nehmen die Demokratie zu sich, ohne sich groß darum zu kümmern, was sie da konsumieren. Zu Recht machen sich Demokraten deshalb verstärkt Gedanken, wie man die einen für die Demokratie zurückgewinnen und die anderen überhaupt erst mal dafür interessieren kann. Ein Ergebnis dieser Überlegungen war die Lange Nacht der Demokratie am vergangenen Mittwoch. In Stuttgart machten Volkshochschule, Landeszentrale für politische Bildung und andere engagierte Demokratiewerber sogar ein „Fest der Demokratie“ daraus. Das Gute daran war, dass man wie in einem Schaufenster sehen konnte, wie viele Organisationen sich um die Demokratie kümmern. Was man aber nicht sehen konnte, war, ob das auf diejenigen, die sich von ihr abgewendet haben oder ihr teilnahmslos gegenüberstehen, Eindruck machte. Wenn unter dem Strich stünde, dass die überzeugten Demokraten noch überzeugter geworden sind, wäre das zu wenig.

Eine Erkenntnis der Langen Nacht ist daher, dass es für Demokraten immer wichtiger wird, nicht nur bei Demokratiefesten aus sich herauszugehen, sondern richtig nach draußen zu gehen, auch dorthin, wo’s wehtut, weil einem Ablehnung oder Gleichgültigkeit entgegenschlagen. Jugendhaus-Gesellschaft und Stadtjugendring sind da bereits vorbildlich unterwegs. Sie brauchen jedoch Unterstützung. Demokratiebildung sollte einer Stadt mehr wert sein, als sich das im aktuellen Doppelhaushalt abbildet.

Vertrauen ist auf der Strecke geblieben

Rausgehen heißt auch, ganz klassisch auf den Marktplätzen sein, wie es Lokalpolitiker klugerweise tun, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Wer mag, darf dort außer den beliebten Orangen auch die noch beliebteren Zimtschnecken verteilen. Gerne auch Zuckerwatte. Hauptsache, es gelingt, Barrieren ab- und Vertrauen aufzubauen. Davon ist in den vergangenen Jahren leider vieles verloren gegangen.

Eine weitere wichtige Erkenntnis ist, dass Demokratie aus sich selbst heraus überzeugen muss. Wenn die Menschen nicht das Gefühl haben, in der Politik geht’s aufrichtig, authentisch und lösungsorientiert zu, dann hilft alles nichts. Auch keine Zimtschnecke.

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