Politische Talkrunden „Anne Will“ und Co – Vorsicht, Meinungsbrei
Bitte mutig weiter entwickeln – politische Talkrunden müssen sich wandeln, fordert unser Kommentator Christoph Link.
Bitte mutig weiter entwickeln – politische Talkrunden müssen sich wandeln, fordert unser Kommentator Christoph Link.
Als Annalena Baerbock noch nicht Ministerin war, hat sie einmal vor Journalisten erzählt, dass sie sich zumindest den Sonntag für ihre Familie frei halte – mit einer Ausnahme: Wenn Anne Will anrufe, dann müsse sie da auch am Sonntagabend einfach hin. Wenn man 3,6 Millionen Zuschauer erreiche, könne man nicht Nein sagen.
Politische Talkrunden in den öffentlichen-rechtlichen Sendern können eine unterhaltsame Form der Vermittlung von Politik sein, sei es beim manchmal selbstverliebten und provokanten Markus Lanz (ZDF) oder bei der Talkkönigin Anne Will (ARD) mit ihrer unaufgeregten Art, die an diesem Sonntag nach 16 Jahren ihre letzte Sendung haben wird. Gut moderierte Talkrunden können konträre Meinungen und Themen wie im Brennglas bündeln und spannender abbilden als Parlamentsdebatten, die längst auf Phoenix, Welt-TV oder n-TV live übertragen werden und eher bescheidene Einschaltquoten haben.
Aber die Talkrunden gelten eben auch als „Bühne der Macht“, sie sind eine Plattform für die Selbstdarstellung von Politikern, was gar nicht negativ gesehen werden muss. Und in jüngster Zeit gibt es sogar Beispiele mit Karl Lauterbach (SPD) und Sahra Wagenknecht (bis vor kurzem Linkspartei), bei denen sich Volksvertreter „nach oben“ getalkt haben. Lauterbach ist in der Corona-Zeit – 29 Auftritte in 2021 – so populär geworden, dass man ihn später zum Bundesminister machte; Wagenknecht – eine einfache Bundestagsabgeordnete – hat in unzähligen Talkrunden eine derartige Aufmerksamkeit erfahren, dass es ihr Rückenwind gab, eine eigene Partei zu gründen.
Der Sinn und Zweck von Talkrunden ist nach wie vor da, und der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte hat ihn einmal mit simplen Worten beschrieben: Politische Kommunikation mache Politik erst publik und öffne auf diesem Wege die Möglichkeit, dass sie „geprüft, unterstützt, verworfen oder abgelehnt“ werden könne. Ableiten kann man daraus: Ohne das Sprechen über demokratische Politik wird sie verkümmern, es braucht die Meinungs- und Willensbildung.
In Talkrunden können Momente aufblitzen, die einen ans „Lagerfeuer der Nation“ erinnern, wie sie einst genannt worden sind, an den Dorfplatz, wo der freie Gedankenaustausch möglich ist. Aber der Gegenwind ist gewaltig. Zum einen verliert auch das lineare Fernsehen an Zuschauern, und selbst Anne Will hat bemerkt, dass dessen „große Zeit“ vorbei sei. Experten beobachten eine Fragmentierung des Mediensystems und gerade bei jüngeren Leuten die massive Nutzung von sozialen Medien. Die politische, öffentliche Debatte verlagert sich. Der Sender BBC brachte kürzlich eine Bilanz der Nahostberichterstattung der App Tiktok und zählte dort 240 Millionen Klicks für Videos mit dem Hashtag „istandwithisrael“ und 870 Millionen für „istandwithpalestine“. So sieht die Realität aus, ein Rückzug in Kommunikationsblasen.
Es steht außer Frage, dass im Netz eine politischen Debatte weit gefächert sein kann, aber auch aggressiver, oft von Hass erfüllt und Empörungen schürend ist. Glaubwürdige Talkrunden im öffentlich-rechtlichen Fernsehen könnten da einen Gegenpol setzen, sie müssen der Polarisierung nicht nacheifern. Aber sie müssen ihre Hausaufgaben machen. Ständig die gleichen Gäste (Norbert Röttgen, Robin Alexander, Marie-Agnes Strack-Zimmermann), die von Anne Will eingeladen und dann an „Hart aber fair“, Markus Lanz, Sandra Maischberger und Maybrit Illner weiter gereicht werden – das geht so nicht. Mitunter in fünf Sendungen in einer Woche die gleichen Themen, das führt zum einheitlichen Meinungsbrei, das erzeugt Langeweile – und ist eine der Hauptkritiken, die selbst das oberste Kontrollgremium der ARD – die Gremienvorsitzendenkonferenz – im September vorbrachte: Der Polit-Talk müsse breitere Teile der Bevölkerung ansprechen, die Bandbreite an Themen und Gästen müsse erweitert und stärker auf die Lebenswirklichkeit der Bürger eingehen. Bitte mutig weiter entwickeln, so der Auftrag.
Dass sich in der Pandemie die Talkrunden für Wissenschaftler öffneten, reicht nicht. Die ARD-Programmdirektion antwortete auf die Kritik, man wolle auch jüngeren Menschen im Digitalen einen Ort des politischen Diskurses anbieten und arbeite an einer Reform. Man wird gespannt sein, was sich die Anne-Will-Nachfolgerin Caren Miosga als Konzept für das alte Talkshowformat ausgedacht hat.