Politischer Mord Matthias Erzberger: Opfer der rechten Hetze
Der Mann von der Schwäbischen Alb hat den Waffenstillstand von Compiègne unterschrieben. Rechtsterroristen meuchelten ihn. Vor 150 Jahren wurde Matthias Erzberger geboren.
Der Mann von der Schwäbischen Alb hat den Waffenstillstand von Compiègne unterschrieben. Rechtsterroristen meuchelten ihn. Vor 150 Jahren wurde Matthias Erzberger geboren.
Die Erinnerung an Matthias Erzberger ist überschattet von seinem gewaltsamen Tod. Er empfing ihn aus der Hand von Rechtsterroristen. Heinrich Tillessen und Heinrich Schulz – beide Veteranen des Ersten Weltkriegs und Mitglieder der putschistischen Brigade Ehrhardt – mordeten nicht auf eigene Rechnung, als sie am Vormittag des 26. August 1921 den früheren Finanzminister im Schwarzwald niederschossen. Erzbergers Reichstagskollege Carl Diez, auch er ein Abgeordneter der katholischen Zentrumspartei, entkam verletzt. Es war ein Fememord. Die Attentäter handelten im Auftrag der klandestinen „Organisation Consul“, auf deren Konto ein Jahr später auch der Mordanschlag auf Außenminister Walter Rathenau ging.
Der Tod Erzbergers, der vor 150 Jahren, am 20. September 1875, in Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb das Licht der Welt erblickte, hat eine beklemmende Aktualität gewonnen. Die Gemeinsamkeit zwischen damals und heute liegt in der tiefen Verunsicherung, welche die Gesellschaft prägte und erneut wieder belastet – wenn auch aus unterschiedlichen Gründen. Das Waffenstillstandsersuchen, mit dem der Erste Weltkrieg endete, hatte die Bevölkerung vollkommen überrascht. Die Enttäuschung über die geplatzten imperialen Eroberungsfantasien lenkte den Hass, der sich bisher auf die äußeren Feinde gerichtet hatte, nach innen. Die preußische Kriegerkaste mit den Generälen Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff an der Spitze hatte versagt, das autoritäre Kaisertum, das sich 1916 in eine Militärdiktatur verwandelt hatte, war den westlichen Demokratien unterlegen. Nun wurden Schuldige gesucht. In Erzberger und Rathenau – der eine Katholik, der andere Jude – fanden die Eliten des untergegangenen Kaiserreichs willkommene Opfer. „Nun danket alle Gott / für diesen braven Mord“, bejubelten die Rechtsnationalisten das Attentat auf Erzberger. „Hass müssen wir säen“, forderte die deutschnationale Presse.
Erzberger und Rathenau blieben in den Anfangsjahren der Weimarer Republik nicht die einzigen prominenten Opfer des rechten Terrors. Schon während der Revolution 1918/19 waren die Linkssozialisten Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht ermordet worden, ebenso der bayerische Ministerpräsident Kurt Eisner, auch er ein Sozialist. Der Sozialdemokrat Hugo Haase von der USPD starb an den Folgen eines Revolverattentats. Ihm folgte am 9. Juni 1921 Karl Gareis, der USPD-Fraktionschef im bayerischen Landtag. Im Juni 1922 überlebte Philipp Scheidemann (SPD) nur knapp einem Blausäure-Anschlag. Er hatte im November 1918 von einem Balkon des Reichstags die Republik ausgerufen.
Weshalb sich der Zentrumsmann Erzberger in besonderem Ausmaß rechter Hetze ausgesetzt sah, lässt sich leicht erklären. Zwar war der fromme Katholik zu Beginn des Krieges im Gleichschritt mit den gesellschaftlichen Eliten als Annexionist aufgetreten. Ganz Belgien wollte er einstreichen, dazu größere Teile Frankreichs – und Ostmitteleuropa neu ordnen. Als sich solche Pläne jedoch als illusionär herausstellten, vollzog er, der zu den einflussreichsten Parlamentariern im Kaiserreich zählte, eine strategische Wende. Zusammen mit Sozialdemokraten und Linksliberalen trat er für einen Verständigungsfrieden ein. Im Sommer 1917 beschlossen SPD, Zentrum und Fortschrittspartei eine Friedensresolution – jene Parteien, auf die sich die parlamentarische Demokratie von Weimar stützte.
Den Krieg hatten die Militärs verloren, Ludendorff forderte Ende September 1918 den sofortigen Waffenstillstand, andernfalls breche die Front zusammen. Als Leiter der Waffenstillstandsdelegation setzte Erzberger in einem Eisenbahnwagen im Wald von Compiègne seinen Namen unter das Dokument der Niederlage. Er unterstützte auch die Annahme des Friedensvertrags von Versailles, weil er bei einer Ablehnung um die Reichseinheit fürchtete. Damit war er im Weltbild der rechten Hetzer prädestiniert für die Rolle des Oberschurken in der Schmierenkomödie der Dolchstoßlegende, die vorgab, Sozialisten, überhaupt demokratische Politiker und Juden seien den Frontsoldaten in den Rücken gefallen.
Erzberger provozierte die alten Eliten noch aus einem anderen Grund: Der Abgeordnete des Reichstagswahlkreises Biberach-Waldsee-Leutkirch-Wangen stammte aus kleinen Verhältnissen. Von Beruf Volksschullehrer irritierte und provozierte er die preußisch-protestantische Oberschicht mit seinem Selbstbewusstsein, das er aus rastloser Tätigkeit und umfassender Kenntnis schöpfte. Heutzutage wäre er mit Sicherheit ein Hansdampf in allen sozialen Netzwerken. In seiner nur kurzen Amtszeit 1919/20 als Reichsfinanzminister setzte er eines der großen Reformwerke der deutschen Geschichte in Gang. Obwohl als Zentrumspolitiker einer föderalistischen Tradition verpflichtet, schuf er eine einheitliche Reichsfinanzverwaltung. War das Reich bis zum Weltkrieg der Kostgänger der Bundesstaaten gewesen, drehte sich dieses Verhältnis nun um. Der Krieg war auf Pump finanziert worden. Das heizte die Inflation an.
Zu den Kernbestandteilen von Erzbergers Reform zählte eine ansteigende Einkommensteuer mit einem Spitzensteuersatz von 60 Prozent. Das „Reichsnotopfer“ entpuppte sich als Vermögensteuer mit einem Maximalsatz von 65 Prozent. Reiche sahen sich erheblich belastet, was die Feindschaft gegen Erzberger befeuerte. Bei parlamentarischen Beratungen sagte Erzberger: „Das Privateigentum findet seine Begründung, aber auch seine Begrenzung durch das Sozialinteresse.“
Nach einem Prozess gegen seinen deutschnationalen Intimfeind, dem Antisemiten und geistigen Brandstifter Karl Helfferich, trat Erzberger zurück. Von allen Vorwürfen rehabilitiert, plante er im Sommer 1921 seine Rückkehr in die aktive Politik. Auch dies war wohl ein Grund für das Attentat. Seine Mörder entkamen mit Hilfe der bayerischen Behörden ins Ausland. Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen sie vor Gericht, wurden freigesprochen, dann auf Druck der französischen Militärregierung doch verurteilt – und am Ende von der baden-württembergischen Landesregierung doch wieder freigesetzt. Ihr Auftraggeber Manfred von Killinger, eine zentrale Figur in der Terrororganisation Consul, blieb weitgehend unbehelligt.
Matthias Erzberger gehört zu Wegbereitern der deutschen Demokratie am Ende des Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Sein Geburtshaus in Buttenhausen, heute ein Ortsteil von Münsingen, ist eine Gedenkstätte.