Politischer Streit in Leonberg Was darf eine Stadt kosten?
Die Debatte um eine Skater-Anlage zeigt den an Irrsinn grenzenden Bürokratismus, wirft aber auch grundsätzliche Fragen auf, meint Leonberger Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.
Die Debatte um eine Skater-Anlage zeigt den an Irrsinn grenzenden Bürokratismus, wirft aber auch grundsätzliche Fragen auf, meint Leonberger Redaktionsleiter Thomas K. Slotwinski.
Blickt man aufs große Ganze, sind es vielleicht kleine Vorhaben. Doch sie können einiges über Qualität und Stimmung in einer Stadt aussagen. Wie viel sind diese sogenannten weichen Faktoren einer Kommune wert? Diese Diskussion wird in Leonberg gerade auf unterschiedlichen Ebenen geführt. Jüngstes Beispiel ist eine geplante Skater-Anlage neben dem Leobad, des wohl beliebtesten Freibads in der ganzen Gegend.
Die Kombination Schwimmen und Skaten hat Sinn, beide Male sind junge Leute eine wichtige Zielgruppe. Das nahe liegende Jugendhaus und das benachbarte Sportzentrum runden das Ensemble ab: Hier haben Jugendliche Freizeitmöglichkeiten, für die es kein Smartphone braucht. Die Lage am Stadtrand lässt zudem keine Konflikte mit Nachbarn erwarten.
Alles bestens also? Theoretisch ja, praktisch nicht. Denn die Kosten für die Skater-Bahn bewegen sich stark in Richtung von einer Million Euro. Ob sie damit Deutschlands teuerste Anlage dieser Art werden könnte, wie es der SPD-Fraktionschef Ottmar Pfitzenmaier befürchtet, bliebe abzuwarten. Fest steht: Es ist verdammt viel Geld.
Das hat nicht nur mit Baukosten zu tun, sondern vor allem mit den Gutachten und Studien drumherum. Dass in einem Bereich, in dem durch das beliebte Freibad mehrere Monate im Jahr ein extrem starker Publikums- und Autoverkehr herrscht, eine „Habitatpotenzialanalyse mit faunistischer Relevanzprüfung“ vonnöten ist, das gibt es wohl nur in Deutschland.
Es geht nicht darum, den Natur-und Artenschutz zu bagatellisieren. Aber wie erwähnt: Die Skater-Anlage wird nicht mitten im Wald gebaut, sondern an einem belebten Ort, in direkter Nähe zum Autobahnzubringer. Sind da einige Rathausbeamte übers Ziel hinausgeschossen? Nein. Die Stadt hält sich hier an Recht und Gesetz.
Doch dass der deutsche Wust an Vorschriften und Anhörungen die Entwicklung der Infrastruktur ausbremst, vielfach lähmt, ist nicht erst seit dem Trauerspiel um die Hesse-Bahn bekannt. Der Fledermaus-Tunnel hat unsere Region bundesweit dem Spott des Kabaretts und der Häme in den sogenannten sozialen Medien ausgesetzt.
Der mitunter an Irrsinn grenzende Bürokratismus ist trotz allem kein Grund, eine menschenfreundliche Stadtentwicklung einzustellen. Wohin gesichtslose Schlafgettos führen können, ist nicht nur in den Außenbezirken der Metropolen zu sehen, mit all den negativen Begleiterscheinungen, die letztlich noch mehr Geld kosten.
Je lebenswerter eine Stadt ist, desto zufriedener sind ihre Bewohner. Und wer eine positive Grundstimmung verspürt, ist im Alltagsleben viel eher ein sozialer Mensch, und das im besten Sinne. Das fängt schon im Kindesalter an. Es ist also richtig, in die Lebensqualität zu investieren.
Was nicht bedeutet, mit den (Steuer-)Geldern allzu freigiebig umzugehen. Es ist kein Zeichen von Kleinkrämerei, sondern zeugt von Verantwortung, Kosten kritisch zu hinterfragen. Wichtig ist, dass am Ende ein Gemeinwesen nicht kaputtgespart wird.
Da bekanntermaßen die Geschmäcker verschieden sind, wird es immer Leute geben, die das eine oder andere Vorhaben für überflüssig halten, bei Projekten der eigenen Präferenz aber sehr viel großzügiger sind. Auch hier gilt es, einen fairen Ausgleich zwischen den einzelnen Interessengruppen zu finden. Das ist keine leichte Aufgabe, die mitunter einen klaren Blick und Standfestigkeit erfordert. Den ehrenamtlich wirkenden Kommunalpolitikern wird in dieser Hinsicht oft viel abverlangt. Dafür verdienen sie unser aller Anerkennung. Denn ohne deren Engagement ist buchstäblich kein Staat, oder besser gesagt: keine Stadt zu machen.