Polizei-Großeinsatz „Er hat sofort seinen Joint fallen lassen“

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Bei einem Großeinsatz haben mehr als hundert Einsatzkräfte die Stuttgarter Innenstadt nach Straftätern durchkämmt. Viele sind ihnen dabei ins Netz gegangen.

Lokales: Inge Jacobs (ja)
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Stuttgart - Für drei junge Männer ist am Samstagabend um 23.15 Uhr die Partynacht zu Ende. Zivilpolizisten kontrollieren das Trio in der Silberburganlage. „Einer hat sofort seinen Joint fallen lassen“, berichtet Christopher Dirscherl vom Polizeirevier Hauptstätter Straße. Der junge Mann war erst 14 Jahre alt – bei ihm wurden die Eltern verständigt, um den Spross vom Revier Böheimstraße abzuholen. Bei den anderen beiden fanden die Beamten zwei Päckchen Cannabis in der Unterhose sowie scharfe Munition. „Wissen Ihre Eltern, dass Sie Junkie sind?“, fragt der Revierbeamte einen 18-Jährigen. Was die jungen Männer wohl nicht bedacht haben: „Bei solchen Delikten wird immer auch eine Meldung an die Führerscheinstelle gemacht“, sagt Dirscherl. Die Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz und gegen das Waffengesetz sind in dieser Nacht aber nicht die einzigen Straftaten.

Mehr als hundert Einsatzkräfte von Polizei, Zoll, Finanzamt und der Gaststättenbehörde des Ordnungsamts sind in dieser Nacht in der gesamten Innenstadt unterwegs. Mehr als 40 Gaststätten werden kontrolliert. Fünf minderjährige Testeinkäufer erhalten ohne Probleme Hochprozentiges. Pech für die Gastronomen, denn die Ordnungshüter nehmen noch vor Ort die Anzeige auf. „Das kann bis zu 1000 Euro Bußgeld kosten, bei Mehrfachverstößen geht’s richtig nach oben“, sagt Regina Berndt vom Ordnungsamt. Als ihre Kollegin sich vor der Tequila Bar den Anhörungsbogen ausfüllen lässt, schaut der rasch herbeigeeilte Chef des gegenüber liegenden Classic Rock Cafés schon nervös herüber. „Natürlich ist die Gastroszene unruhig“, sagt Berndt, „unsere Präsenz hat sich in Windeseile herumgesprochen.“ Pech auch für die mehr als 300 Gäste im Rocker 33: weil die Disco die Brandschutz- und baurechtlichen Vorschriften nicht eingehalten hat, macht der Laden vorzeitig dicht.

Doch auch die Steuerfahnder des Finanzamts werden fündig. Insgesamt kassieren sie in dieser Nacht bei den Gast­stätten mehr als 100 000 Euro an Steuerrückständen – zumeist in bar. Auch Schwarzarbeiter werden erwischt. In mehr als 20 Fällen ermittelt jetzt der Zoll.

Die Durchsuchten bitten höflich um ein Gruppenfoto

Unterdessen nehmen sich am Marienplatz vier Polizeibeamte in Zivil eine Gruppe junger Männer vor. Zwei Polizisten beleuchten mit Taschenlampen die Gruppe im dunklen Eck, zwei Kollegen ermitteln die Personalien und durchsuchen die Männer – einen nach dem anderen. „Die Jacke auch“, fordert der Beamte, und der Untersuchte holt sie rasch. Alles läuft friedlich ab, die Beamten finden nichts – diesmal. Zum Schluss bitten die Durchsuchten noch höflich um ein Gruppenfoto. Nicht immer verhalten sich Mitglieder der Black Jackets derart brav.

Unterdessen meldet eine junge Frau im Revier Hauptstätter Straße eine Erpressung. Die 23-jährige Kinderkrankenpflegerin hatte beim Geldziehen aus einem Automaten am Rotebühlplatz ihr Handy vergessen. Als sie es keine halbe Minute später bemerkt und den jungen Mann anspricht, der am selben Bankschalter zugange ist, rennt der an ihr vorbei und springt in ein Taxi. Vom Handy ihres Bekannten aus ruft sie ihre Mobilnummer an. Der Unbekannte nimmt ab und bietet ihr einen Deal an: Sie solle allein ins Palm Beach bei der Mercedes-Benz-Arena kommen und Geld mitbringen. „Erst hat er 50 Euro gesagt, dann hundert – und im Hintergrund hab ich gehört: mach 150“, berichtet die junge Frau. Tatsächlich kommt sie ohne ihre Freunde zu dem genannten Etablissement nach Bad Cannstatt – allerdings mit vier Polizeibeamten in Zivil im Schlepptau.

Zugriff! Und schon klicken die Handschellen

Inzwischen ist es drei Uhr morgens. Die 23-Jährige trifft vor dem Palm Beach ein, erkennt den Mann mit dem Handy – und gibt den Streifenbeamten das vereinbarte Zeichen. Zugriff! Ein kurzer Sprint, und der Handy-Mann liegt auf dem Boden, über ihm ein ­Ziviler. Da klicken auch schon die Handschellen. Das sieht der Tatverdächtige gar nicht ein. „Wir haben das Handy auf der Straße gefunden“, behauptet er entrüstet. Und von einer Geldforderung könne keine Rede sein. Aber solche Sprüche beeindrucken die Beamten nicht. Seine Kumpels werden ebenfalls von der Polizei eingesammelt und aufs Revier gebracht.

Die 23-Jährige ist glücklich, dass sie ihr Handy wiederhat, für das sie 250 Euro bezahlt hatte. „Das ist ja wie ein Krimi“, meint sie, „ich hätte nie gedacht, dass wegen meinem Handy so ein Aufwand getrieben wird.“ Den treibt die Polizei normalerweise auch nicht. „Aber durch den Sondereinsatz hatten wir genügend Kräfte zur Verfügung“, berichtet Polizeisprecher Jörg Kurowski.

Solche Großeinsätze, die im vergangenen Jahr wegen S 21 ausgefallen mussten, solle es künftig wieder regelmäßig geben, kündigt Einsatzleiter Harald Weber an. Auch Kurowski zieht zufrieden Bilanz: Zwar habe ein Fußmarsch von rund 500 griechischen Fußballfans auf der B 14 die Einsatzkräfte für anderthalb Stunden nach Bad Cannstatt abgezogen. „Aber die behördenübergreifende Zusammenarbeit hat gut geklappt.“




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