Polizeikontrollaktion in Stuttgart Mit der Sexpuppe unterwegs in der Poserszene

Guckt mal alle her: eine Sexpuppe im Straßenverkehr. Auch die Polizei ist überrascht, wer hier dahintersteckt. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Blechkolonnen wie im Berufsverkehr: Das ist Stuttgarts Partymeile Theodor-Heuss-Straße bei Nacht. Bei einer Kontrollaktion am Samstagabend machte die Polizei auch so manch Überraschendes ausfindig.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Stuttgart - So kann man auch Aufmerksamkeit erregen. Eine aufblasbare Sexpuppe ragt aus dem Beifahrerfenster eines BMW, der Samstagnacht auf der Partymeile Theodor-Heuss-Straße kurvt. Da hupen die Autofahrer, da eilen johlende Fußgänger herbei. In dieser Nacht aber auch die Polizei. Der BMW mit Backnanger Kennzeichen wird rausgewinkt. Und dabei gibt es eine Überraschung.

 

Die motorisierte Vergnügungsszene ist wieder da. Wenn um 23.40 Uhr die Blechkolonne in der Theodor-Heuss-Straße länger ist als im dicksten Berufsverkehr, dann wissen alle: Die hochpolierten PS-Boliden kurven durch die Stadt. Vor genau einem Jahr waren über 500 Fahrzeuge unterwegs, um das Ende der nächtlichen Ausgangssperre zu feiern, jetzt sind es auch ohne Anlass wieder Hunderte, die es aufheulen lassen, aus offenen Fenstern grölen, die Musikanlage aufdrehen. Meist mit Doppelkennzeichen.

Ein zerlegter Bolide und die Folgen

Diesmal aber versuchen Verkehrspolizeichef Michael Saur und seine spezialisierten Beamten, das Treiben einzudämmen. „Da toben sich manche außerhalb gesicherter Rennstrecken aus“, sagt Saur, „und wenn dann Fußgänger dazwischen geraten, wird es gefährlich.“ Tempo 30 und Blitzer hätten das Problem nicht grundsätzlich gelöst.

Anfang Januar hat ein Audi-RS3-Fahrer seinen Boliden bei einem Wendemanöver zerlegt. 52 000 Euro Schaden, zwei Leichtverletzte. Fahrer soll ein 19-Jähriger gewesen sein, das Auto ist auf den Papa angemeldet. Dumm zudem, dass er wohl keine Fahrerlaubnis besitzt. Die Ermittlungen laufen.

Wer hinter der Sexpuppe steckt

Doch das ist nicht die ganze Geschichte der PS-Roadshow in der Stadt. Anfangen tut sie mit einer Sexpuppe. Als Hauptkommissar Thomas Hohn, der bundesweit gefragte Tuningexperte der Stuttgarter Polizei, ans Fahrerfenster der Backnanger BMW klopft, blickt er auf zwei junge Frauen. Die Fahrerin ist 23 Jahre alt. Ihre Freundin hält die Sexpuppe auf dem Schoß. Eine richtige Begründung haben die beiden nicht, alles Spaß, aber den versteht Hohn hier nicht: „Damit wird die Aufmerksamkeit der Verkehrsteilnehmer abgelenkt, das kann gefährlich werden“, sagt er. Eine Ordnungswidrigkeit.

Hohn lässt den jungen Frauen zwei Möglichkeiten: „Entweder Sie geben die Puppe heraus und wir zerstören sie – oder wir müssen sie beschlagnahmen, und dazu gibt es eine Anzeige.“ Der Polizist bekommt die Puppe und erteilt einen Platzverweis. „Die waren letzte Woche schon da“, sagt Hohn, „da war die Beifahrerin noch auf einem Motorrad mit der Sexpuppe unterwegs.“

Was zieht Frauen in die Kolonnen?

Die Polizeikontrollen zwischen 20 Uhr und 1.30 Uhr zeigen, dass immer mehr Frauen zu zweit oder zu viert im Auto Teil der Roadshow sind. Was zieht sie hierher? Stichprobe bei einem Fiat 500 mit Sigmaringer Nummernschild: „Das hat sich verändert, die Mädels gehen öfter getrennt von den Jungs aus“, sagen die beiden Frauen, 32 und 34 Jahre alt. Die Jungs in die Shisha-Bar, die Frauen mit eigenem Programm. „Das ist hier eine Showpromenade, hier lernt man sich auch in Pandemiezeiten kennen“, sagt die 32-Jährige. Eine Kontaktbörse. Mit Adressentausch an der roten Ampel. Sie selbst haben es aber nicht notwendig, „unsere Jungs sind in dem Auto da vorne“. Das Kennzeichen täuscht auch. Die Fahrerin wohnt in Stuttgart, „man muss das aber nicht mehr ummelden“.

...und wer ist hier der Fachmann?

Freilich: In dieser Nacht gibt es reichlich männliche Vertreter des Edelblechs. Dass die Polizei auch „unnötiges Hin- und Herfahren“ sanktioniert, darüber beschweren sich zwei 20-Jährige in einem Edel-Mercedes mit Kennzeichen aus Vaihingen/Enz. Die beiden, nach eigenen Angaben eingetragene Kaufleute mit dem Geschäftsfeld Aktien, „zahlen Steuern, die für mehr als einen Beamten reichen, und dann werden wir wie Schwerverbrecher behandelt“.

Mit dem Anwalt drohen auch zwei Männer eines VW Phaeton mit Balinger Kennzeichen. Tuningexperte Hohn hat ein verändertes elektronisches Fahrwerk und eine unzulässige Rad-Reifen-Kombination ausgemacht. „Das können Sie nicht wissen, weil sie nicht vom Fach sind“, schimpfen die Herren, die angeblich VW-Mechatroniker sind. Hohn erteilt ihn eine Lehrstunde. Der Phaeton wird beschlagnahmt. Verdacht auf Erlöschen der Betriebserlaubnis.

Der Trick mit der Tiefgarage

Um die Blechkolonnen zu kanalisieren, hat sich die Polizei viel einfallen lassen: Drei Wendestellen werden mit Pollern und Warnbaken blockiert. Manche sind schon verbeult, aber es wirkt. Doch die Szene hat auch ihre Tricks. Die Umleitung der Polizei über die Willi-Bleicher-Straße durch den Planietunnel zurück zum Charlottenplatz wird abgekürzt: Im Tunnel rechts ab in die Tiefgarage BW-Bank unterm Schlossplatz, Ticket gezückt, dann direkt zur Ausfahrt, die Schranke ist sogar offen – und raus geht es wieder auf die Theo-Meile. Ein Biberacher braucht dafür keine 30 Sekunden. Alles nicht illegal.

Nicht alle kommen ungeschoren davon. Die Polizei verteilt am Ende 41 Ordnungswidrigkeiten und 14 Platzverweise, sieben Anzeigen wegen unnötigem Hin- und Herfahren, dreimal wegen unnötigem Lärm. „Immerhin“, sagt Verkehrspolizeichef Saur, „hielt sich das Hupen heute in Grenzen.“

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