Cold Cases aus Baden-Württemberg Bis heute geben zwei ermordete Frauen der Polizei Rätsel auf

Zum zweiten Mal rufen Interpol und die nationalen Polizeibehörden in sechs europäischen Ländern dazu auf, bei der Identifizierung zu helfen. Foto: red/screenshot

Interpol versucht, die teils schon lange zurückliegenden Todesfälle von 46 bisher unidentifizierten Frauen aufzuklären. Zwei davon haben sich im Südwesten ereignet. Die Ermittler haben erstaunliche Details rekonstruiert.

Viel idyllischer kann eine Gegend in Baden-Württemberg wohl kaum sein. Dichter Wald prägt die Hänge zwischen dem Todtnauer Stadtteil Präg (Landkreis Lörrach) mit seinem Gletscherkessel und dem beliebten Hochkopf samt Aussichtsturm. Ein ruhiges Wanderrevier und schönes Erholungsziel im Südschwarzwald – und Fundort einer Frauenleiche, die bis heute Rätsel aufgibt.

 

Am 24. Juli 1997 wird in der Nähe des Wanderparkplatzes „Weißenbach“ an der Landstraße 151 eine grausige Entdeckung gemacht. In einem offenbar eigens ausgehobenen Erdloch liegt der Leichnam einer Frau, etwa 20 Jahre alt. Alles deutet darauf hin, dass sie ermordet wurde. Eine Schaufel findet sich wenige Meter weiter. Die Leiche, die wohl schon mehrere Tage oder vielleicht Wochen dort gelegen hatte, war mit Brandbeschleuniger übergossen und angezündet worden. „Vorsätzlich gewaltsam mit dem Leichnam umgegangen“, heißt das im Polizeisprech.

Fall bei „Aktenzeichen XY . . . ungelöst“

Die Ermittlungen beginnen und laufen auf Hochtouren. Doch weder gibt es eine Vermisstenanzeige noch irgendwelche brauchbaren Hinweise. Die Frau bleibt ein Phantom, ihre Identität unklar. Eine Namenlose. Bis heute. Sogar nachdem der Fall vor ziemlich genau einem Jahr in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY . . . ungelöst“ erneut aufgegriffen wird. „Es hat danach Hinweise gegeben, sie haben uns aber nicht entscheidend weitergebracht“, sagt ein Sprecher des Polizeipräsidiums Freiburg.

Dabei haben die Ermittler akribisch gearbeitet – und in einer Rekonstruktion sogar eine Zeichnung des Gesichts der Frau erstellt, wie es zu ihrem Todeszeitpunkt wohl ausgesehen hat. Fast könnte man meinen, ein Foto vor sich zu haben. Klar ist: Die Frau war 1,64 Meter groß, schlank und hatte bis zu 34 Zentimeter lange dunkelbraune Haare. Sie könnte, so die Polizei, der Herkunft nach aus dem mittel- oder osteuropäischen Raum stammen. Sie trug einen dunkelblauen Rock mit hellem Blumenmuster der Marke „De Ville“, einen blauen Kunststoffgürtel mit goldfarbener Schnalle, ein helles T-Shirt und weiße Sandalen. Die getragene Kleidung, auch das haben die Ermittler herausgefunden, war zur damaligen Zeit in Deutschland und der Schweiz im Verkauf erhältlich.

Die Polizei braucht die Namen

All diese Details haben bisher allerdings nicht dazu geführt, die Identität der Frau herauszufinden oder gar die Tat aufzuklären. Auch nicht die Belohnung, eine vierstellige Summe, die nach wie vor für entscheidende Hinweise ausgesetzt ist. Doch ruhen lassen will man solche sogenannten Cold Cases dennoch nicht. Die internationale Polizeiorganisation Interpol und die beteiligten Länder haben jetzt einen großen Anlauf gestartet, um europaweit 46 bisher ungelöste Todesfälle von Frauen zu klären. „Identify me“ heißt die Aktion, in der es zunächst einmal darum geht, die Namen der Opfer herauszufinden. In Deutschland sind es neun Fälle, darunter der aus Todtnau – aber auch noch ein weiterer aus Baden-Württemberg: Die Tote vom Autobahnrastplatz an der A6 bei St. Leon-Rot.

Interpol koordiniert die Spurensuche in den beteiligten Ländern. /Wallace Woon

Wie mag sie geheißen haben? Wer hat ihr den Ring geschenkt, aus gold-, silber- und bronzefarbenem Draht gedreht, sodass er aussieht wie ein Seil? Vielleicht war Rot ihre Lieblingsfarbe, schließlich hatte sie eine bordeauxrote Hose und ein hellrotes T-Shirt an, als sie starb. Die Frau vom Autobahnparkplatz – vermutlich zwischen Frühjahr und Herbst 1985 ermordet, und bei St. Leon-Rot im Rhein-Neckar-Kreis nahe eines Autobahnparkplatzes abgelegt. Erst im März 1986 entdeckt man ihre Leiche dort zufällig, inzwischen stark skelettiert, nicht mehr zu erkennen. Die Tatperson hatte sich nicht einmal große Mühe gegeben, die Leiche zu vergraben. Getötet, abgelegt, vergessen – das Schicksal einer Frau, die einst jemandes Tochter, Freundin, vielleichte Partnerin oder auch selbst Mutter war. Fest steht: Sie wurde gewaltsam getötet. Von wem und warum? Das ist das zweite Rätsel.

An erster Stelle steht die Frage, wer sie war. Denn ohne Identität hat sie keinen Ermittlungsansatz. Das gilt auch für die anderen 44 Frauen, denne man mit „Identify me“ nicht nur ein konstruiertes Gesicht, sondern auch ihre Würde zurückgeben will, Gerechtigkeit für sie schaffen.

Die Polizei weiß wenig. Doch sie kann erstaunlich viel über die Unbekannte vom Autobahnparkplatz herausfinden. Nicht nur rekonstruieren Fachleute des Instituts für Rechtsmedizin in Freiburg im Jahr 2009 ihr Gesicht auf der Grundlage ihrer Knochen, die Staatsanwaltschaft Heidelberg hatte dafür den Auftrag erteilt. Sie können 2011 auch grob Stationen ihres Lebens nachzeichnen, denn die Wissenschaft kann seit den 1980er Jahren schon mehr, als nur Gesichtszüge wieder erscheinen lassen. Aufgrund einer Isotopenanalyse weiß man, dass sie öfters umgezogen sein muss und vermutlich längere Zeit in den Benelux-Staaten lebte. Die letzten zehn Monate ihres Lebens war sie vermutlich in Großbritannien. Man wundert sich bei dieser doch sehr genauen Einordnung. Wie geht das? Die Antwort lautet: Der Mensch ist, was er isst – und trinkt, atmet. So nimmt der Mensch im Laufe des Lebens Isotope auf. Und die helfen den Ermittelnden.

So sah die Frau vermutlich aus, die nahe der Autobahn 6 tot aufgefunden wurde. Foto: Imago/dpa

Isotope sind unterschiedlich schwere Atomarten eines Elements. Sie lagern sich in den Knochen des Menschen ab, der Mensch nimmt sie durch Nahrung, Getränke und die Umwelt auf. Je nach Umgebung ist die Zusammensetzung unterschiedlich – aufgrund der Atemluft, des Trinkwassers und der Ernährungsgewohnheiten. Diese Analyse brachte die Ermittelnden zu den Erkenntnissen über die Lebensstationen der Frau. Sie war nur 1,55 bis 1,66 Meter groß und hatte mit Größe 36 auffällig kleine Füße. Als sie starb, trug sie weiße Turnschuhe ohne Markenemblem und ein Lederbändchen um das linke Fußgelenk. Etwa 27 bis 33 Jahre war sie alt, und hatte dennoch bereits viele Zähne verloren: Sie trug eine Oberkieferprothese mit mehreren Backen- und Schneidezähnen.

Regina Halmich spricht für die Frauen

Zielführende Tipps hat die Polizei jedoch trotz der Wunder der Kriminaltechnik bislang noch keine bekommen, sagt ein Sprecher des zuständigen Polizeipräsidiums Mannheim. Und das, obwohl vergangenes Jahr nach einer „Aktenzeichen XY . . . ungelöst“-Sendung 84 Hinweise eingegangen waren. Man warte, ob die erneute Veröffentlichung vielleicht etwas ergeben wird.

Und warum die ganze Aktion, teils Jahrzehnte nach den Todesfällen, offenbar ohne dass jemand die Opfer vermisst? In einem Polizeivideo zum Todtnauer Fall heißt es: „Bitte helfen Sie uns, die Frau zu identifizieren und den Mörder zu finden. Weil die Frau es verdient, nicht vergessen zu werden.“ Warum sind es nur Frauen, deren Schicksal aufgeklärt werden soll? Weil es die erste Kampagne dieser Art sei, habe man sie klar definieren wollen. Der Fokus auf nicht identifizierte Frauen spiegele das Phänomen wider, dass Frauen von Gewalt und Ausbeutung überproportional betroffen seien, teilt das Bundeskriminalamt dazu mit. Eine spätere Kampagne mit anderen Fällen sei nicht ausgeschlossen.

In Deutschland wird „Identify me“ unter anderem von der früheren Boxweltmeisterin Regina Halmich und ZDF-Sportmoderatorin Katrin Müller-Hohenstein unterstützt. „Noch wissen wir nicht, wer ihr seid, aber wir haben euch nicht vergessen. Wir geben nicht auf, euch eure Namen zurückzugeben und euch würdig zu bestatten. Gerechtigkeit ist keine Frage der Zeit“, sagt Halmich.

Weitere Themen