Polizeikongress Im Supermarkt für Polizisten

Mit Augmented Reality und KI: Der saarländische CDU-Politiker Sebastian Schorr versucht, ins Schwarze zu treffen. Foto: Bernd von Jutrczenka/dpa

Beim Europäischen Polizeikongress in Berlin werden Utensilien gezeigt, die Verbrechern das Geschäft erschweren sollen.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

„Zeigen Sie mal Ihre Hand“, bittet Jürgen Fleischhauer. Er greift nach der Rechten seines Gegenübers, zückt blitzschnell ein Teppichmesser und zieht die scharfe Klinge über dessen Handfläche.

 

Der Gesprächspartner zuckt unwillkürlich. Doch es fließt kein Blut – dank eines der Handschuhe, für die der Unternehmer aus Dortmund hier auf dem Europäischen Polizeikongress in Berlin wirbt. Fleischhauers Handschuhe Marke „Speedsafe“ zählen zu den günstigsten Utensilien, die Polizisten hier testen können. 25 Euro kostet das Paar. Man kann damit gefahrlos in Glasscherben, eine zersplitterte Flasche oder in das Messer eines Angreifers greifen. Eine „Hochleistungskunstfaser“ schützt vor Verletzungen. Zudem ist der protektive Handschuh atmungsaktiv und trägt nicht auf, sodass auch die Dienstpistole damit zu bedienen ist.

Am Messestand wird auch geschossen – allerdings nur virtuell

Bei der Messe im Berliner City Cube werden viele solcher Nützlichkeiten präsentiert, die den Polizeidienst sicherer und effektiver machen sollen. Sie sind im Regelfall weit kostspieliger als Jürgen Fleischmanns Handschuhe.

Spektakulär sind die Demonstrationen am Messestand der Firma Hologate. Dort wird auch geschossen – allerdings nur virtuell. Das Unternehmen offeriert eine Art Videospiel, das reale Risiken zeigt, denen Polizisten im Dienst begegnen können. Mit Hilfe von Hologate lassen sich solche Situationen gefahrlos üben. „Virtuelles Handlungstraining“ nennt sich das. Mit Augmented-Reality-Brille und täuschend echt aussehenden Waffen ausgestattet, spielen die Trainierenden ohne schauspielerische Hilfe von Kollegen durch, wie ein Messerstecher entwaffnet, ein Bankräuber unschädlich gemacht werden kann – „vor, während und nach dem Schuss“, so Hologate-Berater Jan Fieber. In Nordrhein-Westfalen, Berlin und Hessen schult die Polizei ihr Personal schon mit dem vermeintlichen Ballerspiel. Auch die Bundeswehr-Akademie in München setzt es ein, dort allerdings mit präparierter Panzerfaust. Auch sie knallt allerdings nur dank einer harmlosen Gasexplosion im Mündungsrohr.

Schutz vor Drohnenattacken

Das Elektrofahrrad am Stand der Schweizer Firma Ekin trägt statt einer Lampe am Lenker eine suppentellergroße Apparatur. Mit diesem „Patrol Bike“ lassen sich im Vorbeiradeln Parksünder aufspüren. Die Nummern werden in Echtzeit mit den registrierten Kennzeichen derer abgeglichen, die Parkgebühren bezahlt haben. Auf ähnliche Weise könnten radelnde Polizisten auch die Gesichter gesuchter Personen identifizieren oder vorbeirasende Temposünder erfassen – doch das ist in Deutschland nicht erlaubt. Noch unauffälliger sind die Hilfsmittel, die Henry Weimert im Angebot hat. Sie befinden sich in einer Plastikbox, nicht einmal halb so groß wie ein Aktenkoffer. Sie schützt vor unerbetenen Drohnenattacken. Mit der Box lasse sich aus dem „Gezwitschere“ auf einschlägigen Funkfrequenzen herauslesen, von wo aus diese gesteuert werde – und zwar „auf den Meter genau“. Der halbe Aktenkoffer kostet allerdings um die 50 000 Euro. Für das Zehnfache ließen sich Drohnen nicht nur aufspüren, sondern auch umlenken und zum Landen zwingen. Jedenfalls gelte das für 90 Prozent aller Geräte, die im Handel frei erhältlich seien.

Computertechnik, KI-Programme und Elektronik mit detektivischen Eigenschaften dominieren inzwischen das Messeangebot. Der größte Andrang herrscht aber bei klassischer Hardware, die für Polizisten unverzichtbar bleibt. Trauben von Besuchern stauen sich am Stand des Waffenherstellers Heckler & Koch. Die Auslegeware ist begehrt. Viele greifen danach, zielen ins Leere und lassen es klicken.

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