Der Stuttgarter Polizeipräsident Markus Eisenbraun sitzt in der Jury, die beim Christopher Street Day am 27. Juli die Formationen bewertet. Er spricht über Vielfalt in der Gesellschaft und bei der Polizei.
Herr Eisenbraun, die Ursprünge des Christopher Street Day liegen in einer Polizeiaktion in New York. Was bedeutet Ihnen die Mitgliedschaft in der Jury vor diesem Hintergrund?
Vor 55 Jahren sind die Ursprünge des CSD in New York zu suchen. Für mich als Stuttgarter Polizeipräsident ergeben sich da gleich mehrere Bezüge, weswegen ich mich freue, bei der diesjährigen Pride mit in der Jury sein zu dürfen. Zum einen eint mich das Lebensalter mit der CSD-Bewegung. Wenn man sich die Zeit nimmt und zurückblickt auf die weite Strecke, dann stellt man fest, wie man sich selbst verändert hat, aber insbesondere, welche außerordentliche Entwicklung die CSD-Bewegung in diesen Jahren genommen hat. Man darf an die anfängliche Skepsis von Teilen der Bevölkerung erinnern, aber umso mehr stolz sein, welch breite Akzeptanz die dahinter stehenden Themen mittlerweile haben. Die Gründe, damals gegen das Vorgehen der New Yorker Polizei zu demonstrieren, sind für die Polizei weltweit und auch in Stuttgart eine gewisse Verantwortung. Ein Vergleich mit einer amerikanischen Polizei ist zwar nicht sachgerecht und dennoch hat sich auch die deutsche Polizei in den vergangenen Jahrzehnten enorm verändert. Der gesellschaftliche Wandel spiegelt sich auch in der Polizei wider.
Wie geht die Stuttgarter Polizei mit dem Thema Vielfalt innerhalb der eigenen Reihen um?
Die Polizei hat sich in Stuttgart früh zu ihrer Vielfältigkeit bekannt. Die Sichtbarkeit von LSBTI*- Menschen (Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen) in der Polizei ist nicht nur eine Frage der Gerechtigkeit, sondern auch ein wichtiger Faktor für die Glaubwürdigkeit unserer Arbeit. Durch die Förderung von Diversität und Inklusion schaffen wir eine Polizei, die besser auf die Bedürfnisse der Gemeinschaft eingehen kann und ein Vorbild für gesellschaftlichen Wandel darstellt. Als Dienststellenleiter des Polizeipräsidiums setze ich mich daher nachdrücklich dafür ein, dass wir LSBTI*- Menschen innerhalb unserer Organisation sichtbar machen und unterstützen. Unsere Polizei kann andere Institutionen ermutigen, ebenfalls Schritte in Richtung Inklusion und Diversität zu unternehmen. Die Polizei Baden-Württemberg und insbesondere das Polizeipräsidium Stuttgart haben in diesem Bereich seit vielen Jahren eine Vorreiterrolle übernommen. Durch den gesellschaftlichen Wandel, durch die Thematisierung in der Schulausbildung und die Thematisierung in der Polizeiausbildung beugen wir Diskriminierungen aktiv vor. Darüber hinaus arbeiten unsere „Ansprechpersonen gleichgeschlechtliche Lebensweisen“ (AgL) an den Punkten Sensibilisierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und unterstützen bei Unsicherheiten im Umgang mit LSBTI* - Personen innerhalb und außerhalb der Polizei.
Was erhoffen Sie sich vom diesjährigen CSD in Stuttgart?
Ich freue mich sehr auf den diesjährigen CSD in Stuttgart. Die aktive Beteiligung der Polizei an diesem bedeutenden Ereignis mit unserer Prävention, Nachwuchswerbung und unseren AgL sowie meine Rolle als Jurymitglied bei der Bewertung der Teilnehmergruppen sind von großer Bedeutung für unsere Organisation und die Gesellschaft. Der CSD bietet eine einzigartige Gelegenheit, das Vertrauen zwischen der Polizei und der LSBTI-Community weiter zu stärken. Durch unsere sichtbare Präsenz und aktive Teilnahme signalisieren wir unseren festen Willen, als Partner und Unterstützer dieser Gemeinschaft aufzutreten. Das unterstreicht, dass wir uns für die Rechte und das Wohlbefinden aller Bürgerinnen und Bürger einsetzen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität. Dies ist auch expliziter Teil unserer sogenannten Stuttgarter Linie. Generell ist das Motto „Jetzt erst Recht“ ein richtiges, um der von den Rändern vorangetriebenen Polarisierung etwas entgegen zu setzen und unsere Pluralität in dieser Gesellschaft zu stärken.